(auch: Bahaeddin, Behaeddin)

(1874, Istanbul – 17. April 1922, Berlin)

Dr. Bahaddin Şakir Als Mitglied des Zentralkomitees gehörte Dr. med. Bahaddin Şakir zur Führungsspitze der Partei İttihat ve Terakki Cemiyeti (Komitee für Einheit und Fortschritt) und war unmittelbar in deren Beschlüsse zur Vernichtung christlicher Bevölkerungsgruppen einbezogen. Seine herausragende Rolle als Koordinator der Planung, Vorbereitung und Durchführung des Völkermords an den Armeniern ergibt sich aus seiner Stellung in der vermutlich 1913 von Innenminister Talat ins Leben gerufenen Sonderorganisation (türk.: Teşkilat-I Mahsusa“), die nicht mit der gleichnamigen Organisation unter Führung von Kriegsminister Enver zu verwechseln ist. Denn ab 1913 bis Frühjahr 1915 existierten faktisch zwei parallele, womöglich miteinander konkurrierende Organisationen unter demselben Namen bzw. unter der Kontrolle des Kriegsministers bzw. des Zentralkomitees der jungtürkischen Partei; diese zweite Sonderorganisation unterstand einem fünfköpfigen politischen Büro, das von Bahaddin Şakir geleitet wurde. Zeitgenössische osmanische Zeitungen beschrieben Şakir als eigentlichen Führer des Komitees für Einheit und Fortschritt, vor dem sich sogar die Minister Talaat und Enver gefürchtet haben sollen (1); im Osten des Reiches vereinten sich die beiden Sonderorganisationen im Frühjahr 1915.

Es bestand zwischen den beiden Sonderorganisationen kein funktionaler oder inhaltlicher Gegensatz, sondern lediglich eine unterschiedliche Zusammensetzung: Nur die zweite Sonderorganisation rekrutierte (seit August 1914) Strafgefangene, was auf genozidale Absichten des jungtürkischen ZK bereits zum damaligen Zeitpunkt schließen lässt. Zu diesem Zweck arbeiteten reguläre Ministerien, vor allem das der Justiz, der Sonderorganisation zu. Ab November 1914 beteiligten sich sowohl das Kriegs-, als auch das Innenministerium an der Bildung irregulärer Einheiten (türk. çeteler). Zugleich wurde die Entlassung von Zuchthäuslern beschleunigt, wobei vorzugsweise solche Kriminellen rekrutiert wurden, die „häufig mit Mord und Diebstahl befasst waren“ (2). Ein Anfang Dezember 1915 erlassenes Gesetz legalisierte die Rekrutierung der Schwerverbrecher, die der Generalsekretär des Komitees für Einheit und Fortschritt, Midhat Şükrü, zu „respektablen Personen“ erklärte, weil sie „armenische Frauen und Kinder massakriert hatten, um dem Vaterland zu dienen“. Der organisierte Massenmord an osmanischen Bürger/Innen bildete aus damaliger offizieller Sicht eine Rehabilitierungsmaßnahme für staatlich rekrutierte Raubmörder.

Nach der Kriegsniederlage (30.10.1918) flüchtete Bahaddin Şakir mit den drei Paschas ins Ausland. Unter einem Tarnnamen in Berlin lebend wurde er am 17. April 1922 z usammen mit Cemal Azmi, dem einstigen Statthalter der Provinz Trabzon, in Berlin-Charlottenburg ermordet. Sein Grab, das sich im heutigen „Märtyrerfriedhof der Türken“ in Berlin-Neukölln befindet, wurde 2011 aufwändig erneuert.

Beisetzung Bahaddin Sakir
Beisetzung von Bahaddin Şakir und Cemal Azmi’nin auf dem Islamischen Friedhof Berlin (24.04.1922)
Quelle: Gerhard Höpp: Bestattung von Muslimen in Berlin (1996, S. 38)
Bahaddin Sakir Grab    Bahaddin Sakir Grab
Die Gräber von Dr. Bahaddin Şakir und Cemal Azmi Bey im alten und heutigen Zustand (Berlin Türk Şehitlik Camii, Columbiadamm)Bahaddin Sakir Grab

Die Witwe von Bahaddin Şakir erhielt durch das Sondergesetz von 1926 ebenfalls eine lebenslange Rente. Ihr und ihren Kindern wurde außerdem eine Wohnung aus beschlagnahmtem armenischen Eigentum zugeteilt.

Der Name Dr. Bahaddin Şakirs wird in vielen ausländischen Quellen und auch auf seinem ursprünglichen Grabstein als Bahaeddin, Bahattin und sein Nachname als Shakir erwähnt. Das resultiert aus den unterschiedlichen Transkriptionsweisen der arabischen Schriftzeichen aus osmanischer Zeit. Zudem ist er auch unter dem Namen „Baha Bey“ bekannt.

In der Türkei sind einige Straßen nach „Baha Bey“ benannt. Darüber hinaus gibt es in Istanbul ein nach „Baha Bey“ benanntes Privathaus. Hierzu gibt es jedoch keine sicheren Angaben.

Einige Bücher zu Dr. Bahaddin Şakir:
 
Dr. Bahaddin Sakir –
Von Einheit und Fortschritt zur
Sonderorganisation: Ein türkischer Jakobiner.
  Ein Buch zur Sonderorganisation
(Teşkilat-i Mahsusa)

(1) Kévorkian, Raymond: The Armenian Genocide: A Complete History. (2011), S. 924, Fußnote 13
(2) Kévorkian, a.a.O., S. 183