„DER SCHLIMMSTEN ORTE EINER…“:
MALATIA 1915 BIS 1918 (1)

Tessa Hofmann

Meline Pehlivanian

I. EINLEITUNG UND KOMMENTAR

Unbekannte und wenig bekannte Quellen

Am 5. März 1989 übersandte Marlene Petersen eine Kopie des Tagebuches ihres Vaters an Tessa Hofmann. Hans Bauernfeind (gest. 1941) hatte vom Sommer 1914 bis zum 11. August 1915 als Stellvertreter seines Schwagers, des deutschen Missionars Ernst J. Christoffel (4.9.1876-23.4.1955), die Christliche Blindenmission im Orient e.V. (heute: Christoffel-Blindenmission im Orient) geleitet und wirkte nach seiner Rückkehr aus der Türkei als Pfarrer in einem winzigen Dorf in Thüringen (2). Das Tagebuch, das er vom 22. März bis zum 30. August 1915 führte, umfaßt 130 maschinenschriftliche Seiten und war, wie Bauernfeinds Tochter 1989 mitteilte, „bis vor ca. drei Jahren verschollen. Als es dann auftauchte und ich es lesen konnte, fielen mir wohl manche recht harten Ausdrücke auf, beeindruckten mich aber nicht in so starkem Maße wie kürzlich beim neuerlichen Lesen; denn ich habe meine Eltern immer als unbedingt ehrlich, gerecht, liebevoll, zuverlässig und wahre Christen gekannt, nie hatte ich Ursache, an einem ihrer Worte zu zweifeln. Umso bestürzter war ich (streckenweise), als ich kürzlich nochmals das Tagebuch las, trotz auch sehr positiver, liebevoller, verstehender Absätze.“

Die gleiche Bestürzung überkam auch uns, die Herausgeberinnen dieser bisher unedierten Quelle. Denn Hans Bauernfeind, unbestreitbar ein Augenzeuge des türkischen Völkermordes an den Armeniern, scheint sich bis zu seiner endgültigen Ausreise aus der Türkei seelisch gegen die Tragweite seiner eigenen Wahrnehmungen gewehrt zu haben. Seine Kommentare und Wertungen sind geprägt von den politischen Vorurteilen und Leidenschaften seiner Zeit, seiner Nation und teilweise auch seines Berufs als evangelischer Pfarrer und Missionar. Trotzdem haben wir uns schließlich entschieden, die wichtigsten Beobachtungen Bauernfeinds zum Ablauf des Völkermordes zu veröffentlichen. Denn Bauernfeind war ein fast schon penibel genauer, sorgfältiger Chronist, der seine selbstauferlegte Pflicht selbst dort mit der sprichwörtlich deutschen Gründlichkeit versah, wo Fakten oder Berichte Dritter in Widerspruch zu seinen Überzeugungen standen. Bauernfeinds Chronik betrifft die einzelnen Etappen der Armeniervernichtung in der Stadt Malatia sowie auf seiner Rückreise nach Konstantinopel: Waffenbeschlagnahmungen, die Verhaftung, Folter und Vernichtung von über zweitausend Armeniern Malatias, den Durchzug von mindestens 20000 Deportierten aus der Stadt und Provinz Siwas sowie 5600 aus Mesereh, Arbeiterbataillone. Wir hielten es für erforderlich, die Vor- und Nachgeschichte dieses Berichts zu ergänzen, wobei wir als Quellen die Buchveröffentlichungen des Missionsgründers und -leiters Christoffel heranzogen, der 1916 bis 1918 Augenzeuge für die Auswirkungen bzw. das Endstadium des Genozids wurde. Von seinen insgesamt fünf Schriften, die Begebenheiten im Osmanischen Reich bzw. in Malatia schildern  (3), sind vor allem zwei für die Geschichte Malatias und seiner Missionsanstalt „Bethesda“ von besonderer Bedeutung: „Aus dunklen Tiefen“ (Berlin 1921) enthält Christoffels umfassendsten Bericht über seine Hilfsarbeit vom April 1916 bis Februar 1919 und wurde noch ganz unter dem Eindruck jener Jahre verfaßt. „Zwischen Saat und Ernte“ (Berlin 1933) bietet einen Überblick über die Missionsgeschichte und ergänzt, aus einer größeren zeitlichen Distanz, die Bethesda-Etappe um weitere Details. Diese im Verlag der Missionsgesellschaft erstellten Veröffentlichungen sind in Deutschland selbst in wissenschaftlichen Bibliotheken kaum noch vorhanden. Im Ausland sind sie, trotz eines Übersetzungsversuchs in den USA  (4), nicht bekannt geworden. Sie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wiederaufgelegt. Da sie zudem in sogenannter gotischer Schrift gedruckt wurden, sind sie heutigen, vor allem ausländischen Lesern, kaum zugänglich. Zusammen mit dem Tagebuch H. Bauernfeinds geben sie einen sehr umfassenden Eindruck von den Völkermordereignissen der Jahre 1915/16 in Malatia und beantworten darüber hinaus zahlreiche Einzelfragen. So ist es an Hand dieser Texte möglich, einen fast lückenlosen Überblick über die Geschichte der Blindenmission und ihrer Station in Malatia zu gewinnen, die bisher als unbekannteste der deutschen Missionsstationen im Osmanischen Reich galt.

Der Stellenwert der Zeugenaussagen Bauernfeinds und Christoffels ergibt sich aus der Bedeutung Malatias im Ablauf des Völkermordprogramms: An der großen, von Samsun an der Schwarzmeerküste nach Bagdad führenden Karawanenstraße gelegen, wurde Malatia zur wichtigen Durchzugsstation und zum Sammelpunkt armenischer Deportierter aus den nördlichen und nordöstlichen Wilajets. „Malatia“, schrieb Christoffel rückblickend, „war der schlimmsten Orte einer. (…) Der Fanatismus der Cliqué, die in unserer Stadt das Heft in der Hand hatte, war größer und blutrünstiger als an anderen Orten. Auch als später in anderen Städten von Missionaren Brotverteilung und Suppenküchen eingerichtet wurden, hätte ich das außerhalb der Anstalt nicht wagen dürfen“ (Tiefen, S. 29).Die Geschichte der Christlichen Blindenmission im Orient

Die Anfänge: 1906 bis 1909

Ernst Christoffel, ein Handwerkerssohn aus dem rheinländischen Rheydt, und seine Schwester Hedwig (gest. 1959) gelangten 1904 erstmalig in das Osmanische Reich, wo sie im Auftrag schweizerischer Armenierfreunde bis zum Winter 1906 in Siwas ein Waisenheim für Opfer der Massaker von 1894-96 leiteten. Christoffel unterhielt damals gute Kontakte zu den Vertretern des Deutschen Hilfsbundes für Christliches Liebeswerk im Orient, so daß ihm der Hilfsbund nach Vertragsablauf in Siwas zunächst eine Pädagogenstelle am neu zu gründenden Lehrerseminar des Hilfsbundes in Mesereh übertragen wollte. Der „Hilfsbund“-Vorstand hielt seine vertraglichen Verpflichtungen nicht ein, der für Christoffel vorgesehene Posten wurde mit dem Methodisten Sommer besetzt, angeblich, weil man Christoffel freikirchlicher Tendenzen verdächtigte und er mit dem autoritäten Vorstandsmitglied Lohmann nicht zurechtgekommen sei  (5). Christoffel, der seine Arbeit in der Türkei trotz dieser Schwierigkeiten fortsetzen wollte, blieb nur der Weg als „Freimissionar.“ Ein Erlebnis mit einem Blinden im Jahre 1906 bewog ihn und seine Schwester, ihre künftige Arbeit ganz in den Dienst dieser Behinderten zu stellen: „Sie sahen, wie der liebeleere Islam kein Organ hat, um die Not dieser Volksgenossen zu verstehen. Sie sahen, wie ein versteinertes orientalisches Christentum teilnahmslos an dem blinden Bruder, der blinden Schwester vorbeiging“  (6). Seine enttäuschenden Erlebnisse mit dem „Hilfsbund“ versetzten Christoffel offensichtlich in die Notwendigkeit, sich im Missionsgeschäft eine eigene Nische zu suchen und erklären sein Bestreben, möglichst an Orten tätig zu werden, wo keine Konkurrenz durch amerikanische oder andere deutsche Missionen („Hilfsbund“, „Orientmission“) bestand.

Kleine Freundeskreise in Holland, der Schweiz und Deutschland – meist alleinstehende, ältere und gebildete Frauen – stellten die Mittel bereit, mit denen zehn Blinde ein Jahr lang verpflegt werden konnten. Am 8. Januar 1909 trafen Ernst und Hedwig Christoffel in Malatia ein, dem antiken Melitene am Oberlauf des Euphrat. Die langgezogene, in einer fruchtbaren Ebene gelegene Gartenstadt zählte damals etwa 60000 Einwohner (heute etwa 260000), davon ein Drittel Armenier  (7). Die Umgebung war und ist überwiegend von Kurden besiedelt, weswegen der Missionsgründer diesen Teil des historischen Kleinarmeniens stets als Kurdistan bezeichnete. Malatia bildete die Hauptstadt des gleichnamigen Sandschaks („Bezirks“) in der im Zuge osmanischer Verwaltungsreformen 1867 neugeschaffenen Provinz („Wilajet“) Diyarbakir; es war entsprechend Sitz eines Mutessarif („Gouverneur“).

Das Jahr 1909: Die Gründung der Missionsstation in Malatia

Bei Ankunft der Geschwister herrschte Hungersnot. Sie betraf vor allem die Armenier, die sich noch nicht von den Massakern vor 13 Jahren erholt hatten. Dreiviertel der armenischen Häuser Malatias lagen in Trümmern (Saat, S. 138). Entgegen ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung, der Blindenmission, machten sich Christoffels unverzüglich an die Hilfsarbeit unter den notleidenden Armeniern, denen sie so über den schweren Winter halfen.

In Malatia bestanden zu dieser Zeit bereits zwei missionarische Werke: Französische Kapuzinermönche unterhielten eine Niederlassung mit Schule. Sie verließen ihre Station 1914 bei Kriegsausbruch  (8). Die Dänin Jensine Christine Petersen Oerts Peters („Majrik“; geb. 1880, gest. in den 1960 Jahren) arbeitete seit 1906 als Schwester in Malatia, wo damals schon eine kleine armenisch-protestantische Gemeinde unter Pfarrer Patweli Trdat Tamrasjan  (9) bestand. Die Behörden hatten Frau Petersen Oerts verboten, zu missionieren (sie verteilte trotzdem heimlich Bibeln, unter anderem an den Bürgermeister Mustapha Agha), aber sie durfte einen Kindergarten eröffnen, den sie mit zwei Lehrern und einer armenischen Katechetin, Sara Badschi, führte.

Ende April 1909, als auch die Bevölkerung Malatias mit Armeniermassakern rechnete, trugen Ernst Christoffel und Jensine Petersen Oerts erheblich zur Entspannung bei, indem sie sich regelmäßig gemeinsam in der Öffentlichkeit zeigten (Saat, S. 65 f.). Die Dänin und die beiden deutschen Geschwister standen damals an dritter bzw. vierter Stelle auf einer Todesliste derjenigen, die die Organisatoren des Massakers in Malatia mit Hilfe kurdischer Banden zu liquidieren beabsichtigten. Ein telegraphischer Hilferuf Christoffels an die deutsche Botschaft in Konstantinopel, die er um „Reichsschutz“ bat, blieb wirkungslos. Erst nach einem halben Jahr wurde vom Konsulat zu Aleppo zurückgefragt, ob in seiner Mission deutsche Reichsinteressen gefährdet seien (ebenda). Christoffel erwähnte diesen Vorfall später verschiedentlich als anschauliches Beispiel deutscher Bürokratie sowie mangelnden Engagements für deutsche Missionare  (10). Das beherzte Einschreiten eines türkischen Infanterie-Hauptmanns bewahrte Malatia allerdings 1909 vor einem weiteren Massaker (Saat, S. 70).#

Jensine Petersen Oerts verließ, wegen zerrütteter Nerven, 1914 die Türkei, nahm aber ihre Armenierarbeit am 12. März 1922 im ostthrazischen Tekirdag (Rodosto) wieder auf. Sie eröffnete dort eine Schule für Spitzenklöppelei, die jungen, aus türkischen Haushalten befreiten Armenierinnen eine Existenzgrundlage lieferte. Nach dem Mudania-Abkommen mußte sie, mit 4000 Armeniern, Tekirdag verlassen. Gegen den anfänglichen Widerstand der Stadtbehörde verhalf sie den Exilierten zur Landung in Thessaloniki und ging nicht zuletzt durch diese Tat als Retterin von Deportierten und Überlebenden des Völkermordes in die Geschichte des armenischen Volkes ein.

Bethesda

1921 schrieb Christoffel rückblickend: „Es war die einzige Anstalt dieser Art in der europäischen und asiatischen Türkei, abgesehen von dem Blindenheim, das mit dem syrischen Waisenhaus in Jerusalem verbunden ist. (…) Das Haus sollte ein Zufluchtsort werden für alle diejenigen, für die das Programm der anderen Missionsgesellschaften keinen Raum bot, und zwar ohne Unterschied der Rasse oder des Religionsbekenntnisses. In erster Linie kamen Blinde in Betracht. Da aber kein Hilfesuchender von Bethesdas Toren abgewiesen werden durfte, kamen wir auch zu Krüppeln, zu Blöden und zu einer Reihe von normalen Waisenkindern, die aber Niemandskinder in des Wortes vollster Bedeutung waren (…). Die Bethesdafamilie bot ein buntes Bild. Alle Altersstufen waren vertreten, vom Säugling bis zum lebensmüden Greise; Blinde, Krüppel und Blöde, Gesunde und Kranke, Armenier, Türken, Kurden und Syrer nannten Bethesda ihr Heim“ (Tiefen, S. 6). Im Unterschied zum „Hilfsbund“ und zur „Orientmission“ (später: Dr. Lepsius-Orientmission) stand, zumindest programmatisch, nicht die Armenierhilfe im Mittelpunkt der Arbeit der „Blindenmission.“

Lors de leur arrivée à Malatia, il y avait déja deux établissements missionnaires dans la ville: les capucins français qui y dirigaient une mission et une école (ils durent quitter Malatia en 1914, au moment du déclenchement de la guerre) (6) et la Danoise Jensine Christine Petersen Oerts Peters (1880-c. 1960), surnommée Mayrig (= «la mère») par les Arméniens, qui y travaillait depuis 1906 en tant que sœur. à l’époque, une petite communauté protestante arménienne, dirigée par le pasteur Dertad Tamrasian (7) y existait déjà. Les autorités avaient cependant interdit à Jensine Petersen de faire la mission; elle continua pourtant à distribuer des Bibles en cachette, y compris au maire de Malatia, Moustapha Agha. Elle n’était officiellement admise que pour diriger une école maternelle, ce qu’elle faisait avec l’aide de deux professeurs et d’une arménienne, Sara Badschi.

Eine türkische Witwe hatte den Missionsgeschwistern das Haus verkauft, das große Grundstück stellte Pfarrer Trdat Tamrasjan zur Verfügung. Es ermöglichte der „Bethesdafamilie“, eigene Landwirtschaft zu treiben. „Unsere Anstalt lag gute zehn Minuten von der Stadtperipherie entfernt, vollständig allein. (…) Aber der Verkehr zwischen der Stadt und uns war im allgemeinen ein sehr reger“ (Saat, S. 152).

Zwei Probleme erschwerten von Anfang an die Arbeit der kleinen Station: Chronischer Geldmangel sowie Isolation. Die nächste deutsche Mission lag, eine Tagesreise nordöstlich entfernt, in Mesereh  (11). Es handelte sich um eine von Pfarrer Ehmann für den Deutschen Hilfsbund für Christliches Liebeswerk im Orient geleitete Station, bis zum Kriegsende die größte deutsche Mission im Osmanischen Reich (Saat, S. 178). Die Provinzhauptstadt Siwas mit dem schweizerischen Mädchenwaisenheim, das ebenfalls als „deutsche“ Einrichtung galt, lag vier Tagesreisen nordwestlich entfernt.

Im Weltkrieg wirkte sich das Fehlen einer deutschen Feldpoststation in Malatia besonders verhängnisvoll aus. Die telegraphische oder briefliche Kommunikation der Mission mit der Botschaft in Konstantinopel oder Missionsfreunden in der Heimat hing nun ganz davon ab, daß türkische Postbeamte bereit waren, die Post zu befördern bzw. zufällig durchreisende deutsche Militärangehörige Post nach Deutschland oder Konstantinopel mitnahmen (Tiefe, S. 70). Das Reisen zu Pferd, Maultier oder in der Kutsche war besonders im Winter und in den gebirgigen Abschnitten gefährlich.

Trotzdem machte die Blindenmission in Malatia solche Fortschritte, daß schon 1913 an die Gründung einer Filiale gedacht wurde. „Dazu kam ein zweiter Grund: Von Anfang an zielte unsere Arbeit auf Mohammedaner“ (Saat, S. 96). Christoffel faßte die Provinzhauptstadt Diyarbakir ins Auge, die offenbar gerade wegen der dort vorhandenen Schwierigkeiten eine noch größere Herausforderung für den Missionar bildete als Malatia: „Die mohammedanische Bevölkerung dort galt als besonders fanatisch, die armenisch-gregorianische den Bestrebungen der Mission gegenüber als besonders intolerant. Zwar gab es eine vom American Board abhängige kleine armenisch-protestantische Gemeinde. Aber trotz verschiedener Versuche von deutscher und amerikanischer Seite war es nicht zur Gründung einer eigentlichen Missionsstation gekommen. Soviel ich erkunden konnte, lag das größte Hindernis beim armenischen Bischof. 1898 hatte hier Dr. J. Lepsius 100 Massakerwaisen sammeln lassen. Das Haus wurde Ende desselben Jahres von der türkischen Regierung geschlossen. Im April 1900 war Pastor von Bergmann im Auftrag von Dr. Lepsius nach Diarbekir gekommen, um hier womöglich einen Stützpunkt für die Lepsiusmission zu schaffen. Bergmann starb im gleichen Jahr an Typhus. (…) Die Abwesenheit jeder anderen Missionsgesellschaft bestimmte auch sehr stark unsere Entschlüsse. (…) Der damalige Wali von Diarbekir, ein feingebildeter Türke, brachte unserer Absicht volles Verständnis entgegen“ (Saat, S. 97).

Einer ersten Erkundungsreise 1913 folgte eine zweite im Juli 1914, die weniger ermutigend verlief: In Diyarbakir war nun der berüchigte Reschid Bej Generalgouverneur, der „in den armenischen Greueln des folgenden Jahres (…) mit sadistischer Grausamkeit“ (Saat, S. 98) vorging. Trotz einer demütigenden Auseinandersetzung mit Reschid hielt Christoffel optimistisch an seinen Diyarbakir-Plänen fest: „Die Walis kamen und gingen“ (Saat, S. 99). Über Aleppo, wo Christoffel die deutsche Mädchenschule der Kaiserswerther Schwestern besuchte, wurde die Reise per Bahn nach Beirut fortgesetzt, von wo sich Christoffel nach Triest und weiter nach Deutschland ausschiffen wollte. Dort hoffte er finanzielle und organisatorische Hilfe für die Diyarbakir-Filiale zu finden. Doch schon in Aleppo erreichte ihn die Nachricht vom Ausbruch des Weltkrieges. Christoffel setzte dennoch die Heimreise fort, um in der deutschen Armee zu dienen: Erst im Sanitätsdienst, dann als Lazarettgeistlicher in Ahrweiler.

Bethesda befand sich seit seiner Abreise am 3. Juli 1914 unter der stellvertretenden Leitung von Hans Bauernfeind, der 1913 Hedwig Christoffel geheiratet hatte. Außer ihnen lebte noch eine weitere deutsche Missionsarbeiterin in Bethesda, die blinde Lehrerin Betty (auch: Betti) Warth. Die „Anstaltsfamilie“ bestand zu diesem Zeitpunkt aus 85 Personen, die meisten davon offenbar armenischer Nationalität. Im August 1914 sandte Bauernfeind 60 „Hausgenossen“, die Verwandte besaßen, wegen der inflationsbedingten Finanzkrise Bethesdas nach Hause, – eine Maßnahme, für die er, seinem Tagebuch zufolge, offenbar von Christoffel getadelt wurde: „Damals wurden mir wegen dieser Radikalität Vorwürfe gemacht“ (S. 100).

Das Jahr 1915

Im Rückblick auf die Vernichtung der Armenier schrieb Christoffel 1933: „Wie sollte der deutsche Missionar sich verhalten? Die Armenier in weitem Maße Objekte unserer Missionstätigkeit. Die Türken unsere politischen Verbündeten. Unrecht auf beiden Seiten. Das armenische Volk das schwächere, der Vernichtung preisgegebene, dazu in seiner Masse nicht revolutionär. Wer ihm half, stellte sich in Gegensatz zur Regierungspolitik. Im vollen Bewußtsein dieses Gegensatzes habe ich mich bis zum Ende des Krieges der verfolgten Armenier angenommen. Ich hätte dasselbe mit den Türken getan, wenn sie die Verfolgten gewesen wären“ (Saat, S. 278).

Das Verhängnis wollte es, daß „Hajrik“, wie die Armenier Christoffel nannten, 1915 abwesend war. Sein Stellvertreter verwechselte damals, mitten in der Situation, häufiger Opfer und Täter. Im Dilemma zwischen politischer Bündnistreue und christlicher oder auch nur allgemeiner Menschlichkeit entschied er sich oft für den ersten Grundsatz. Antiarmenische Vorurteile trübten sein Urteilsvermögen (siehe unten), deutsche Obrigkeitshörigkeit und mangelnde Zivilcourage lähmten seine Handlungsfähigkeit. Wie die Reflexionen in seinem Tagebuch zeigen, war er der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort. Aus einer alten Pastorenfamilie stammend, hatte Bauernfeind zum Unterstützerkreis der Blindenmission gehört, bevor er Hedwig Christoffel heiratete. Für die Leitung einer isolierten orientalischen Mission, noch dazu unter Kriegsbedingungen und schwer durchschaubaren politischen Verhältnissen, fehlte ihm die Ausbildung und, über große Strecken, auch die Klarsicht und die Erfahrung. Bauernfeind schrieb und sprach Französisch, außerdem etwas Türkisch und offenbar besser Armenisch. Beim Verkehr mit türkischen Beamten bediente er sich meist armenischer Dolmetscher.

Sein devoter Untertanengeist und seine Vorurteile gegen Armenier arbeitete den örtlichen Vollstreckern der jungtürkischen Vernichtungspläne mehrfach in die Hände (siehe unten) und beschränkte psychologisch seine Hilfsbereitschaft. Er verweigerte zum Beispiel Kindern, denen die Flucht aus einem Konvoi gelungen war, die Aufnahme in Bethesda und schickte sogar einstige Mitglieder der „Bethesdafamilie“ zurück auf den Deportationsweg. Nur wenigen Deportierten bzw. armenischen Einwohnern Malatias gelang es allerdings, in die Mission vorzudringen, die ein Gendarm („Saptieh“) bewachte. Bauernfeinds waren über diese Isolation recht froh, da sie sie von den Bittstellern abschirmte, denen sie ohnehin weder materiell, noch durch Intervention bei den Behörden helfen zu können glaubten.

Bauernfeind setzte sich allerdings, wenn auch letztlich erfolglos, für verhaftete protestantische Armenier aus Malatia bei den Behörden ein, jedoch letztlich wirkungslos. Am 9. Juni 1915 protestierte er, ebenfalls wirkungslos, gegen die Folter und Ermordung armenischer Gefangener in einem französisch verfaßten Brief an den Kaimakan von Arha  (12), der damals das Amt eines Mutessarif stellvertretend versah. Zehn Tage später erhielt er die ersten Beweise dafür, daß getötete Armenier nächtens auf dem Missionsgelände begraben wurden. Diese Erfahrungen und die immer unübersehbarere Tatsache, daß die armenischen Gefängnisinsassen sowie Angehörige der Arbeiterbataillone „verschwanden“, bestimmten Bauernfeinds Tagebucheintragungen in der ersten Julihälfte 1915, in denen er mehrfach deutlich von einem „meisterhaft organisierten, längst vorbereiteten Massenjustizmord“ (Tagebuch, S. 61) spricht, für den die türkische Regierung verantwortlich sei. Die Beeinflußung durch türkische Beamte, vor allem den Mutessarif, drängte diese vorübergehende Klarsicht allerdings bald wieder in den Hintergrund. Auch den Bericht einer amerikanischen Missionsangestellten, Mary L. Graffam, die freiwillig die Deportierten aus Siwas begleitet hatte, nahm er als willkommene Entlastung für die Regierung: Auf diesem Abschnitt der Deportationsroute – bis nach Urfa durfte Miss Graffen die Deportierten nicht mehr begleiten – hatte es zumindest bei ihrem Konvoi keine dramatischen Zwischenfälle gegeben.

Bauernfeind und seine Frau sehnten sich schon früh aus Malatia und ihrer Verantwortung fort. Am 7. Juli notierte er: „Denn abgesehen von der finanziellen Notlage, die kaum einen weiteren Winter hier zuläßt, sind wir hier erstens stets gefährdet als Augenzeugen, zweitens innerlich unmöglich. Und endlich: nachdem wir dies erlebt haben, ist unsere Aufgabe hier erledigt; jetzt liegt unsere Pflicht in Deutschland – Zeuge der Wahrheit zu sein“ (Tagebuch, S. 54). Furcht vor der „Russengefahr“ bildete ein weiteres Motiv.

Das Haupthindernis für eine schnelle Abreise war jedoch die restliche „Bethesdafamilie“. Nach den ersten Massakern in Malatia faßte Bauernfeind Anfang Juli 1915 den Plan, seine Schutzbefohlenen nach Mesereh in die Station von Pfarrer Ehmann zu evakuieren. Er hatte, als er von der bevorstehenden Deportation der Armenier Malatias nach Urfa erfuhr, dem Mutessarif Malatias angeboten, selbst die Bethesda-Armenier nach Urfa zu überführen. Daß Urfa nicht die letzte Station der Deportation sein würde, ging Bauernfeind erst allmählich auf. Doch die türkischen Behörden duldeten zu diesem Zeitpunkt keine europäischen Reisenden auf den südlichen Abschnitten der Deportationsrouten, und die „Hilfsbund“-Missionen in Mesereh und Marasch lehnten telegraphisch die Aufnahme der Bethesda-Restfamilie ab: Sie steckten selbst in Schwierigkeiten und mußten fürchten, geschlossen zu werden. Ende Juli wiederholte die Leitung der christlichen Blindenmission in Deutschland offenbar ihre Forderung, die „Bethesdafamilie“ aufzulösen. Resigniert notierte Bauernfeind am 29. Juli: „Wenn es nicht möglich sein sollte, daß wir über Mesereh, Urfa reisen oder daß wir unser Haus in Mesereh unterbringen, sollten wir möglichst schnell nach Konstantinopel, um dort bei der Botschaft die nötigen Schritte zu tun. Das scheint uns jetzt die wichtigste Aufgabe zu sein. Denn man weiß ja dort nicht, wie es hier im Inneren aussieht. Aber was soll aus unseren Blinden und Gichtbrüchigen werden? Es ist leicht gesagt, wie uns heute Frau Dr. Schroeter schrieb, wir sollten sie alle fortschicken. Sie alle totschlagen, wäre viel barmherziger. Wenn wir sie nicht in Mesereh oder sonst wie sicher unterbringen können, dürfen wir keineswegs fort. Und doch müssen wir, denn Geld soll nicht mehr kommen, und wir können es hier tatsächlich kaum noch aushalten: inmitten all des Entsetzlichen schweigen und müßig zusehen müssen, während man draußen nichts von allem weiß“ (S. 96).

Am 31. Juli 1915 erhielt Bauernfeind Christoffels nochmaligen telegraphischen Befehl: „Alle Hausgenossen sofort entlassen!“ (Tagebuch S. 100). Bethesda besaß zu diesem Zeitpunkt noch 22 Blinde und Waisen (Tagebuch S. 98). Die 1914 von Bauernfeind zu ihren Verwandten Geschickten traf das allgemeine Schicksal armenischer Deportierter. Nur sechs der 1914 entlassenen sechzig Bewohner haben den Völkermord überlebt, wie Christoffel 1916 feststellte: „Sie sind erschlagen, verhungert, verschollen. Von den sechs (Überlebenden; die Hrsg.) fanden 3 den Weg nach Bethesda. Was die übrigen unbetrifft, so habe ich nur von ganz wenigen Nachrichten erhalten. Die verkrüppelte Mariam Badschi ist verhungert, der kleine blinde Levon ebenfalls. (…) Die blinde Chattun soll im Göldschik ertränkt worden sein. Der Göldschik ist ein Bergsee in der Nähe von Mesereh, in dem Tausende Armenier ertränkt wurden“ (Tiefen, S. 16).

Am 31. Juli, zeitgleich mit dem Auflösungsbefehl Christoffels, stellte der Mutessarif Bauernfeind die Rettung aller armenischen Angestellten unter der Bedingung in Aussicht, daß das Ehepaar Bauernfeind in Malatia bliebe (Tagebuch S. 98). Als sich Bauernfeinds weigerten, beharrte der Mutessarif auf der Deportation aller in Bethesda lebenden männlichen Armenier, auch der blinden. Um ihn zufriedenzustellen, war Bauernfeind bereit, ihm „den einzigen sehenden, etwas größeren Knaben“ zu opfern (Tagebuch S. 105).

Obwohl Bauernfeind genügend Beweise für die Wortbrüchigkeit türkischer Beamter besaß, verließ er Malatia am 11. August 1915, gemeinsam mit seiner Frau, Fräulein Warth, Miss Graffam und deren armenischen Schützlingen aus Siwas, der alten Predigersfrau “Pampisch”  (13) und dem 17jährigen Lehrer Lewon: „Und es erscheint uns jetzt das natürlichste und sicherste zu sein: Dem Mutessarif und der Regierung hier zu vertrauen. Wir haben keine Bange, daß in der Zeit hier irgendetwas geschieht. Auch für Haus u(nd) Besitz ist es entschieden das Beste“ (Tagebuch S. 103). Mit dem Mutessarif hatte er sich geeinigt, daß Bethesda bis zur Rückkehr „des Direktors“ Christoffel unter der Leitung Makruhis, der Witwe des inzwischen getöteten Missionsmitarbeiters Karapet, sowie des selbst fast blinden Blindenlehrers Choren stehen sollte.

Die kleine Gruppe reiste mit zwei Wagen und wurde wohl nicht zufällig von türkischen Offizieren begleitet, die ebenfalls nach Konstantinopel wollten. Im Gepäck hatten Bauernfeinds ein Legitimationsschreiben des Mutessarif, das ihnen sicheres Geleit bis Konstantinopel und die Begleitung zweier Gendarmen zusicherte. Ihre geplante Reiseroute über Marasch war ihnen ausgeredet worden: “ (…) die Reise nach Marasch sei jetzt zu gefährlich. Und da es ja keine zuverlässigen Saptieh (Gendarmen, die Hrsg. ) gibt, ließen wir uns schließlich bestimmen, diesen Reiseplan (…) aufzugeben. Wir wollen nun, so Gott will, mit Wagen (…) über Siwas, Cäsarea nach der Bagdadbahn abreisen.“ ( 6. August 1915)

Christoffels Rückkehr: 1916 bis 1918

Bei seiner Abreise im Sommer 1914 wähnte E. Christoffel Bethesda „in guter Hut“ (Saat, S. 3). Seine Schwester Hedwig („Majrik“), mit der Arbeit im Orient ebenso langjährig vertraut wie er selbst, hatte die Missionsstation 1912, als sich Christoffel auf Vortragsreise in Deutschland befand, schon einmal stellvertretend geleitet. Bauernfeinds Tagebuch läßt aber erkennen, daß diese so erfahrene und selbständige Frau sich in ihrer Ehe anscheind ganz ihrem Mann unterordnete und dessen Vorurteile teilte. Christoffel muß also entweder die Unfähigkeit seines Schwagers nicht erkannt oder nachträglich beschönigt haben. Wegen der Militärzensur und erschwerten Kommunikationsmöglichkeiten erfuhr Christoffel offenbar erst im September 1915 in München-Pöcking, nach der Rückkehr des Ehepaars Bauernfeind, Einzelheiten über die entsetzlichen Zustände in Malatia, – soweit Bauernfeind und seine Frau damals ihre Tragweite begriffen (Saat, S. 118). Christoffel beantragte daraufhin beim deutschen Kriegsministerium seine Entlassung aus dem Militärdienst, um so schnell wie möglich nach Malatia zurückzukehren.

Ende Januar 1916 traf er mit dem Balkanzug in Konstantinopel ein, wo er einen Monat verlor, um sich die nötigen Reisepapiere für die Weiterfahrt ins Landesinnere zu besorgen. Außer dem üblichen Reisepaß (teskere) erhielt er als einziger Europäer ein Erlaubnisschreiben des Kriegsministers Enver Pascha (Saat, S. 118). Am 8. April 1916 kehrte Christoffel, nach 21monatiger Abwesenheit, nach Bethesda zurück.

Er fand eine völlig verängstigte Gemeinschaft von inzwischen dreißig Personen vor (Tiefen, S. 28), die ihn mit den vorwurfsvollen Worten „O, wärst du hiergewesen, es wäre nicht so gekommen!“ empfing (Tiefen, S. 14ff.). Das Überleben Bethesdas war im Wesentlichen dem Eingreifen des Bürgermeisters Mustapha Agha zu verdanken (Saat, S. 120), der allerdings nicht hatte verhindern können, daß die Einrichtung, darunter die Öfen und der Eierertrag Bethesdas, von den Frauen der örtlichen Machthaber geplündert wurden (Tiefen, S. 19): „Von allen deutschen Missionsanstalten in der Türkei hat Bethesda verhältnismäßig am meisten gelitten“ (Tiefen, S. 17). Die Patweli Tamrasjan gehörigen Liegenschaften waren bereits im August 1915 beschlagnahmt worden. Dieses für die Eigenversorgung Bethesdas so unentbehrliche Ackerland diente dann bis zur Rückgabe im Sommer 1918 größtenteils als Exerzierplatz der türkischen Armee (Tiefen, S. 33).

Im Januar 1916 hatte der Mutessarif die Verhaftung und Beseitigung des Blindenlehrers und Bethesda-Leiters Choren angeordnet. Rechtzeitig gewarnt, flüchtete sich Choren mit den männlichen armenischen Jugendlichen in das Haus des Bürgermeisters Mustapha Agha (Tiefen, S. 14f.), der zeitweilig bis zu vierzig Armenier bei sich versteckte und beköstigte (Tiefen, S. 67). Christoffels Rückkehr trieb den Mutessarif zur Offensive. Am Morgen des Ankunftstages hatte er Bethesda gewaltsam räumen und, obwohl die dortigen sanitären Einrichtungen dafür ungeeignet waren und größere Häuser in Malatia zur Verfügung standen, die Missionsstation zu einem Lazarett für fleckfieberkranke Soldaten umfunktionieren lassen (Tiefen, S. 14).

Christoffel reagierte schnell und mutig: Er ließ die vertriebenen Kinder sofort aus der Stadt zurückholen und notdürftig in den Korridoren unterbringen. Das folgende Halbjahr bis zur Versetzung des Mutessarif im Herbst 1916 (Tiefen, S. 22) verging mit nervenaufreibenden Auseinandersetzungen mit dem Mutessarif, der Christoffel zeitweilig sogar mit Verhaftung, den Armeniern Bethesdas mit Deportation drohte (Tiefen, S. 20 f.). Die Intervention der deutschen Botschaft sowie türkischer Missionsfreunde bewirkten schließlich das Ende offener Angriffe durch die Lokalbehörden. Der nur sechs Monate amtierende Nachfolger des Mutessarifs stand sogar „in engem Freundschaftsverhältnis“ zu Bethesda, dessen indifferenter Nachfolger hat die Missions weder behindert, noch gefördert (Tiefen, S. 22). Hinsichtlich des 1915 und 1916 in Malatia tätigen Mutessarifs besteht zwwischen der Einschätzung Bauernfeinds und Christoffels ein deutlicher Widerspruch: Während ihn Bauernfeind als „warmen Deutschenfreund“ schilderte, erscheint er bei Christoffel als Angehöriger einer „deutschfeindlichen Cliqué“, als „deutsch- und christenfeindlich“ (Saat, S. 20). Bauernfeind dagegen lastete die in Malatia verübten Verbrechen an den Armeniern dem Stellvertreter des Mutessarifs sowie dem stellvertretenden Gendarmeriekommandanten an.

Christoffels Tätigkeit in Bethesda war bis zu seiner erzwungenen Abreise 1919 ganz auf die Rettung der überlebenden Armenier gerichtet. Mit Ausnahme derjenigen, die zum Islam übergetreten waren, war die armenische Bevölkerung Malatias ab dem 11. August 1915, dem Tag der Abreise der ausländischen Missionare aus Bethesda, deportiert worden (Tagebuch, S. 109). Aber von den Konvois aus nördlicheren Orten waren „einige Tausend“ Kinder und Frauen in Malatia zurückgeblieben (Tiefen, S. 29), die unter extremen Bedingungen ihr Leben fristeten. Eine zweite Gruppe, für die Bethesda zur Zuflucht wurde, waren junge Armenier: „In den Bergen (südlich Malatias, die Hrsg.) nun lebten Tausende von versprengten Armeniern als Sklaven, als Odalisken, zum Teil auch, bei bessergesinnten (kurdischen; die Hrsg.) Kreisen, als rechtliche Hausgenossen. Wem es nun gelang, vielfach mit Lebensgefahr, zu entfliehen, der kam zu uns“ (Tiefen, S. 28f.). Über zwanzig Armeniern gelang die Flucht nach Bethesda (ebenda).

Anderthalb Jahre leistete Christoffel seine Arbeit völlig ohne deutsche Mitarbeiter, dann traf im Sommer 1917 seine Nichte Hildegard Schuler ein, vorbereitet durch Kurse in Kinderpflege, Blindenarbeit sowie Türkisch. Sie starb allerdings schon im Herbst 1918 an Wundrose, im Alter von nur 22 Jahren. Anhaltender Geldmangel, Inflation, eine im Sommer 1916 wütende Choleraepidemie, Brennstoff- und Kleidermangel, das Fehlen von Haustieren, insbesondere einer Kuh, und von Ackerland bildeten weitere Erschwernisse. „Nun hat unser Haus höchstens Raum für 100 Pfleglinge, und das nach orientalischer Auffassung. Es ist dann schon stark überbelegt. Die Zahl aber der Bethesdafamilie hatte schnell 100 überschritten, schnell 200 erreicht, bis wir 240 waren, ohne die Selbstverpfleger. Mehr aufzunehmen war eine technische Unmöglichkeit. Mustafa Agha stellte uns drei Zelte zur Verfügung, die wir im Garten aufschlugen, so daß wir in den heißen Sommermonaten etwas mehr Raum hatten. (…) So wurde Bethesda eine Freistatt für viele Verfolgte und Bedrängte, aber verglichen mit der uferlosen Not war unsere Tätigkeit sehr gering. Wir hätten nicht Hunderte, sondern Tausende versorgen sollen“ (Tiefen, S. 30). Nach Christoffels eigener Schätzung hat die Existenz Bethesdas in den Jahren 1916 bis 1918 etwa eintausend armenischen Frauen und Kindern das Leben gerettet (Tiefen, S. 114).

Nach der Einnahme Konstantinopels durch die Entente durften die deportierten Armenier in ihre Heimatorte zurückkehren, – ein freilich gefährliches Unterfangen, bei dem zahlreiche Armenierinnen getötet oder vergewaltigt wurden. Trotzdem verließen die meisten Armenier zu dieser Zeit Bethesda (Saat, S. 122). Auf Anordnung der interalliierten Kommission in Konstantinopel wurden nach Kriegsende sämtliche Deutsche aus dem Osmanischen Reich ausgewiesen, einschließlich der Missionare. Am 6. Februar 1919 erhielt Christoffel den dritten und endgültigen Ausweisungsbefehl, drei Tage darauf verließ er, gemeinsam mit seinen Pflegekindern Heinz, Otto und Liesel sowie der armenischen Blindenlehrerin Hajkanusch für immer Malatia. Über Samsun erreichte er Konstantinopel: „Der Internierung auf einem türkischen Schiff entging ich nur durch Flucht zu einer befreundeten armenischen Familie“ (Saat, S. 125). Im Konstantinopler Internierungslager und bei der dreiwöchigen Überfahrt bis Bremerhaven übernahm Christoffel die Aufgabe eines evangelischen Lagerpfarrers (ebenda). Seine beiden armenischen Pflegesöhne Heinz und Otto mußte er in Konstantinopel zurücklassen; sie wurden ihm nach einer Denunzation durch einen zum Islam konvertierten armenischen Kaufmann aus Samsun von der britischen Botschaft weggenommen. Die fünfjährige kurdische Pflegetochter Liesel konnte er, wieder mit armenischer Hilfe, nach Deutschland bringen (Tiefen, S. 108 ff.), wo sie im Juni 1919 eintrafen.

Die Blindenmission Christoffels seit 1919

Zurück in Deutschland begann für Ernst Christoffel eine Zeit des Wartens und der Ungewißheit. Bethesda schien verloren, eine Einreise in die Türkei war für Deutsche unmöglich. Trotzdem glaubte er an eine Fortsetzung seiner Arbeit in der Türkei. Die Zeit sei reif für den „Dienst am Islam“, warben die Schriften der Mission  (14). Als 1924 eine Einreise in die Türkei wieder möglich wurde, fand sich Ernst Christoffel im Frühjahr desselben Jahres in Konstantinopel ein. Zwar scheiterten seine Verhandlungen um eine Wiederinbesitznahme Bethesdas, doch man bot ihm die Eröffnung eines Blindenheims in Skutari an. Voller Optimismus mietete und möblierte Christoffel ein Haus und forderte Mitarbeiter aus der Heimat an. Da zog die türkische Regierung plötzlich ihre Zusage zurück und das ganze Projekt fiel ins Wasser. „Wir aber standen vor dem Nichts“ (Saat, S. 239), mußte Christoffel die Situation seiner Mission zusammenfassen.

Doch der tatkräftige Christoffel entdeckte schon im Sommer 1925 ein neues Missionsfeld, den Iran. Er schickte die drei neueingetroffenen deutschen Missionsarbeiter erst gar nicht nach Deutschland zurück, sondern reiste gleich mit ihnen in den Iran, wo zu jener Zeit keine einzige deutsche Missionsstation mehr bestand. Der Neuanfang in diesem für ihre Mission unbekannten Land bildete ein Wagnis: „Zunächst aus geldlichen Gründen. Der Verlust unseres ganzen unbeweglichen Eigentums in der Türkei, durch die Vertreibung von unserem Arbeitsfeld, der Verlust des größten Teils unserer Freundeskreise außerhalb des Reichsgebietes und der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands, hatte unsere finanzielle Lage … stark getroffen“ (Saat, S. 240 ). Die Deutschen hatten außerdem mit dem völligen Unverständnis der iranischen Umwelt für die Arbeit an Blinden zu kämpfen. Christoffel schuf ein neues Blindenalphabet für Persisch und mußte die in Malatia verloren gegangenen Braille- Alphabete für Armenisch und Türkisch rekonstruieren.

Ein erstes Heim wurde 1925 in Tabris, ein zweites 1928 in Isfahan eröffnet. Der Zweite Weltkrieg zog das Werk stark in Mitleidenschaft. Das Heim in Tabris wurde zerstört, Christoffel geriet in Gefangenschaft. 1951 konnte das Heim in Isfahan wieder eröffnet werden. Ernst Christoffel, genannt der „Vater der Blinden im Orient“, verbrachte dort seine letzten vier Lebensjahre. Ihm zu Ehren änderte der Vorstand nach Christoffels Tod den Namen der Mission in „Christoffel-Blindenmission im Orient“ um. 1979 schlossen die iranischen Revolutionsführer die Missionsstation in Isfahan.

Seit Mitte der 1960er Jahre unterstützt die Mission Projekte zur Verhinderung von Blindheit in Afrika, Asien und Lateinamerika. Derzeit bringt sie, mit Hilfe von 400000 Spendern, jährlich ein Volumen von 67 Millionen Mark auf, mit dem 1200 Projekte in einhundert Ländern gefördert werden.Personae dramatis – Handelnde Personen im Malatia der Jahre 1915 bis 1919

Armenische Protagonisten

Choren

selbst fast blind, war Blindenlehrer in Bethesda. Er diente Bauernfeind bei seinen Gesprächen mit türkischen Offiziellen häufig als Dolmetscher. Nach Bauernfeinds Abreise im August 1915 bis zu Christoffels Eintreffen im April 1916 leiteten Choren und Makruhi gemeinsam das Missionshaus.

Chosroff Effendi Kescheschian

Chosroff Effendi, Apotheker am Ort, zählte zu den Vertrauten der Bethesda-Missionare. Er gehörte zur Parteileitung der Daschnakzutiun in Malatia und wurde am 26. Mai 1915 als einer der ersten Armenier dieser Stadt festgenommen, angeblich, weil er ein Gewehr versteckt hatte. Nach Ablieferung einer eigens gekauften Waffe kam er wieder auf freien Fuß. Am 29. Mai wurde Chosroff Effendi erneut vorgeladen: „Er lag jetzt krank und zusammengeklappt im Bett, (…) nahm nicht gerade eine männliche Haltung ein“ (Tagebuch, 29. Mai 1915). Bauernfeind setzte sich für den „Hausfreund“ Chosroff Effendi ein, als dieser erneut verhaftet wurde, ließ sich aber vom Muhasebedschi (Rechnungsrat, die Hrsg.) bald überzeugen, daß Chosroff ein gefährlicher Revolutionär sei: „Keiner, dem man trauen kann …“ (Tagebuch 3. Juni 1915 ).

Unter der Folter nannte Chosroff Effendi “ (…) einen Ort in Babucht (…) wo Waffen versteckt sein sollen. Dort hat man ihn gestern hingeführt und 4 Stunden vergeblich gegraben. Außerdem soll Chosroff Effendi Gift genommen haben (…) “ (Tagebuch, 8. Juni 1915 ). Sein Selbstmordversuch mißlang. Hans Bauernfeind setzte sich in seinem Brief an den Gouverneur von Malatia vom 9. Juni 1915 auch für Chosroff Effendi ein – vergebens. Er wurde im Juni 1915 ermordet.

Gabriel Effendi

war Rechtsanwalt in Malatia und beriet die deutschen Missionare bei Rechtsstreitigkeiten. Im Mai 1915 wurde er ins Gefängnis geworfen. Hans Bauernfeind schrieb am 29. Mai 1915 in sein Tagebuch: „Auf dem Rückweg traf ich Gabriel Eff(endi), der auch gerade aus dem Gefängnis kam, von wo er unter der Bedingung freigegeben war, bis heute ein Gewehr abzugeben. Er wollte nun sehen, irgendwo eines kaufen oder leihen zu können, sonst meinte er sterben zu müssen.“ Eintrag vom 31. Mai: „Gabriel Effendi hat ein Gewehr seines verstorbenen Schwagers ausgeliefert, da er selber keines zu haben behauptet – was wir ihm glauben – ist daraufhin vorläufig freigelassen; es wird aber sein eigenes gefordert. Auch er ist geschlagen, wenn auch auf die leichteste Art, mit einigen schwachen Schlägen auf den Kopf; das erscheint besonders roh, weil er als Rechtsanwalt sein ganzes Leben der Regierung seine Kraft gewidmt hat und bei den Armeniern als halber Türke gilt.“

Am 13. Juni 1915 wurde Gabriel Effendi wieder ins Gefängnis geworfen. Er sollte es nicht mehr lebend verlassen.

Garabed Tschaderdschian

war seit etwa 1910 der Koch und Einkäufer der Blindenmission in Bethesda und lebte mit seiner Frau Makruhi und seinen Kindern Willi (Chad, eigentl. Chaderdjian, starb 1989 in den USA ) und Viktoria im Missionsgebäude. Garabed hatte “ (…) durch seine Treue und seine Gewandheit (…) ein großes Verdienst an der Entwicklung Bethesdas“ ( Tiefen, S. 16 ).

Am 6. April 1915 wurde er verhaftet und entwaffnet ( er übte Gendarmen-Funktion aus), kam aber vorerst wieder frei. Im Juni 1915 wurde Garabed, wie die anderen armenischen Männer Malatias, getötet. Bauernfeinds Ungeschicklichkeit und Autoritätsgläubigkeit verhinderten möglichlicherweise seine Rettung (Tagebuch, 19. April 1915). Bauernfeind hatte zu ihm wie zu allen Armeniern ein höchst zwiespältiges Verhältnis: Als sich nach Garabeds Tode herausstellte, daß jener ein bescheidenes Sümmchen gespart und nicht bis auf den letzten Para der Mission geborgt hatte, spricht Bauernfeind von „unsagbarem Geiz“, „gemeinstem Verstecken-Spielen“ und “ Betrug“ (Tagebuch, 5. Juli 1915 ).

Heinz, Otto und Liesel

sind die drei „Adoptivkinder“ Ernst Christoffels, die er nach seiner Rückkehr 1916 in Bethesda aufgenommen hatte. Heinz, im Jahre 1919 etwa 9 Jahre alt, war ein Bruder des ermordeten Bethesda-Mitarbeiters Krikor. „Von einer zahlreichen Familie war er und eine Schwester, die sich nach unserer Abreise wiederfand, übriggeblieben. Als ich im Frühjahr 1916 nach Malatia zurückkehrte, hörte ich, daß er bei einem kurdischen Bauern die Schafe hütete. Aus diesem Sklavenverhältnis hatte ich ihn herausgeholt“ ( Tiefen, S. 77f. ).

Otto, ein damals siebenjähriger Armenier, war 1916 von einer Türkin, die ihn auf der Straße aufgelesen und für ihn gesorgt hatte, nach Bethesda gebracht worden. „Seine armenische Sprache hatte er ganz vergessen und glaubte sich Türke“ ( Tiefen, S. 78 ).

Als Christoffel 1919 seine „Adoptivkinder“ nach Deutschland bringen wollte, nahm Ottos Stiefbruder, Baron David, Otto zu sich. Heinz wurde Christoffel auf Betreiben der britischen Botschaft und des armenischen Patriarchats ebenfalls genommen, was Christoffel als Unrecht empfand. Wie Bauernfeins Tochter in einem Brief vom 1. Januar 1990 mitteilte, gelangte Otto später doch noch nach Deutschland und wurde von Christoffels Schwester Maria adoptiert, was dem ehelosen Christoffel auf Grund der deutschen Adoptionsgesetze verwehrt war. Unter dem Namen Otto Christoffel wurde der junge Armenier Lehrer für Taubstumme und lebte 1990 als Rentner in Neuwied.

Liesel, eine 1919 etwa sechsjährige Kurdin, war bereits als Säugling nach Bethesda gekommen. Christoffel konnte sie als einziges seiner „Adoptivkinder“ 1919 nach Deutschland bringen.

Krikor

Ihn beschrieb Ernst Christoffel so: „Krikor war eigentlich der Stalljunge, war aber allmählich durch seine Anstelligkeit der Junge für alles geworden. Stall, Garten, Hof, Weinberg, das war alles seine Domäne. Daneben fand er noch Zeit mein Privatzimmer in Ordnung zu halten und mich zu betreuen. Er hatte heißes, kochendes Blut, und im Jähzorn kannte er sich nicht, daneben war er wie ein Kind leicht zu leiten, war treu wie Gold und hatte ein tiefes, unendlich fein empfindendes Gemüt“ ( Tiefen, S. 16f. ).

Im Jahre 1915 dürfte Krikor etwa 18 Jahre alt gewesen sein. Am 27. Mai 1915 wurde er „Soldat geschrieben“ (Tagebuch, 27.Mai 1915), am 4. Juni verhaftet und in der Kaserne eingesperrt. Am 7. Juni gelang es Bauernfeind, ihn wieder herauszuholen. Doch am 30. Juni traf auch Krikor das allgemeine Schicksal seiner Landsleute in Malatia – er wird zusammen mit anderen armenischen Soldaten, darunter sein siebzehnjähriger Bruder, in einen Chan gesperrt und kurz darauf ermordet.

Dr. Mikael Effendi Tschanian

Dr. Mikael , Geschäftsmann, Bruder von Chosroff Effendi, verheiratet mit Frau Veronika, gehörte zur protestantischen Gemeinde Malatias. Am 7. Juni 1915 wurden Dr. Mikael und sein Sohn Mihran verhaftet und “ (…) in das Gefängnis gesteckt, wo 150 Leute in einem ganz kleinen, niedrigen Raum ohne Fenster und jegliche Ventilation zusammengepfercht sind (…) “ (Tagebuch, 8. Juni 1915).

Hans Bauernfeind setzte sich, erfolglos, für Dr. Mikael und seinen Sohn ein. Beide wurden im Juni 1915 ermordet. Frau Veronika versuchte am 13. Juni 1915 nach Mesereh zu fliehen. Auf dem Weg dahin wurde sie vollständig ausgeraubt. Hans Bauernfeind sah sie noch einmal wieder – sie befand sich unter den Deportierten aus Mesereh, die am 13. Juli 1915 durch Malatia zogen.

Badwelli (Patweli) Trdat Tamrasian

der protestantische Pfarrer in Malatia, hatte Bethesda die angrenzenden Grundstücke überlassen. Im Juni 1915 drängte „Badwelli“ (Pfarrer) Tamrasian Bauernfeind und seine Frau wiederholt und eindringlich, mit ihm im Gefängnis den Gefangenen zu predigen und beizustehen: „Wir erkennen seine Absicht sehr an, halten aber beides für ebenso unmöglich wie aussichtslos, gerade jetzt.“ (Tagebuch, S. 32 ). Auch Badwelli Tamrasian wurde im Juni 1915 verhaftet und fiel wahrscheinlich den Massakern zum Opfer. Im Bericht des amerikanischen Konsuls Davis von 1918 (Province, S. 205) ist allerdings von einem “Badveli Dertad Tamzarian” die Rede, der ihm im Jahre 1916 in Charberd bei der Versorgung von Überlebenden half.Türkische Protagonisten

Habesch

war ein blinder Türke und einer der ältesten Bethesdapfleglinge. Er leistete der Mission in der schwersten Zeit unschätzbare Dienste: Während der Massenverhaftungen von Armeniern im Mai und Juni 1915, als man nicht mehr wagte, die armenischen Mitarbeiter der Station auf den Markt zu schicken, erledigte Habesch trotz seiner Blindheit alle Einkäufe. Zur Zeit der großen Hungersnot in Malatia, in den Jahren 1916 und 1917, gelang es Christoffel nicht zuletzt dank Habesch seine Schützlinge durchzubringen: „Die Beziehungen unseres blinden Habesch haben uns da oft gute Dienste getan. Er verstand es, bei seinen Bekannten bald hier einen Scheffel Gerste, bald dort einen Sack Mais oder eine Fuhre Kürbis ausfindig zu machen und zu kaufen“ ( Tiefen, S. 32 ).

Als Christoffel im Februar 1919 Bethesda verlassen mußte, lag Habesch bereits totkrank im Bett und starb wenige Wochen später an der Schwindsucht. Christoffel schrieb 1921: „Wir werden ihn in dankbarem Gedenken behalten, als einen, der in schwerster Zeit Bethesda die Treue hielt und diente, trotz Hohn und Anfeindung vieler seiner mohammedanischen Glaubensgenossen“ (Tiefen, S. 15 ).

Haschim Beg

türkischer Grundbesitzer, Nachbar Bethesdas und einflußreicher Mann in Malatia, gehörte, laut Mustapha Agha zu den „Hauptmachern“, das heißt Drahtziehern der Verhaftungen und Massaker. Haschim Beg zog daraus auch direkten Nutzen; er und seine Söhne bereicherten sich am Eigentum der getöteten Armenier (Tagebuch, 8. Juli 1915 ). In der Rückschau stellte Christoffel fest: „Es war eine der ersten Familien der Stadt (…). Der Vater (Haschim Beg, die Hrsg.), der Deputierter war, und zwei seiner Söhne gehörten zu den Führern der Clique, die in Malatia die Vernichtung der Christen inszeniert hatten“ (Tiefen, S. 62 ).

Müfetisch

Obwohl nur zweifach in Bauernfeinds Tagebuch erwähnt, scheint dieser aus Konstantinopel entsandte Inspektor für den Ablauf des Völkermordprogramms in Malatia von zentraler Bedeutung gewesen zu sein, ein Zusammenhang, den Bauernfeind allerdings nicht begriff. Der Müfetisch traf zur Zeit des Interregnums zwischen den Amstszeiten der beiden Mutessarifs ein, offenbar als Deportationsinspektor. In die Zeit seines Aufenthalts in Malatia fielen die massenhaften Haussuchungen, Festnahmen, Folterungen und die Ermordung der armenischen Männer der Stadt. Seiner offenbar herausragenden Stellung wegen wurde der Müfetisch am 6. Juni 1915 mit großem Gepränge in Malatia verabschiedet, unter gleichzeitiger Freilassung von Strafgefangenen, die kurz darauf die blutige Massakerarbeit übernahmen.

Die Erwähnung des Müfetisch durch Bauernfeind ist historisch insofern wichtig, als sie zumindest die Ansätze eines Inspektorensystems zur Zeit des Ersten Weltkriegs und der jungtürkischen Herrschaft belegt, dessen Existenz zu dieser Zeit von einigen Wissenschaftlern, darunter Stanford Shaw, bestritten wird.

Muhasebeschi

Rechnungsrat in Malatia, wird in Bauernfeinds Tagebuch mehrfach erwähnt. Bauernfeind pflegte mit ihm recht vertrauten Umgang. Der Muhasebedschi gehörte zu denen, die Bauernfeind immer wieder erfolgreich die offizielle türkische Propaganda zur Armenierfrage vermittelten.

Mustapha Agha Asis Oghlu

der „Bellede Reis“ (eigentlich: Belediye reisi :Stadtoberhaupt oder Bürgermeister) von Malatia war für das Schicksal Bethesdas und seiner Bewohner von herausragender Bedeutung. Ernst Christoffel schrieb über ihn: „Er war der Bürgermeister Malatias und entstammte einem vornehmen Geschlecht, das vor längerer Zeit aus Bagdad eingewandert war. (…) Mustafa Agha war ein alter Freund Bethesdas. Seit Beginn der Arbeit hatte er dieselbe protegiert. In vielen schwierigen Lagen hatte er sich für uns und unsere Arbeit eingesetzt, so besonders zur Zeit der Adanamassaker im Jahre 1909. Auch in Malatia sollten damals Christen und Missionare massakriert werden. Damals sagte Mustafa Agha zu mir: ‚So lange ich lebe, geschieht euch nichts.‘ Allerdings stand, wie später bekannt wurde, auf der Liste der vor dem allgemeinen Massaker zu Ermordenden sein Name noch vor dem unsern. – Die verhältnismäßig ruhige Entwicklung Bethesdas bis zum Ausbruch des Weltkrieges wäre ohne sein tätiges Wohlwollen nicht denkbar gewesen, und wir haben es stets als Freundlichkeit Gottes angesehen, daß unsere Arbeit solche Freunde hatte“ (Tiefen, S. 64 ).

Schon kurz nach der Ankunft der Christoffel-Geschwister in Malatia 1909 offenbarte sich ihnen also Mustafa Aghas humanistische Gesinnung: Sein Name stand auf der schwarzen Liste zu ermordender Persönlichkeiten, weil er zu den “ (…) einflußreichen Türken“ gehörte, „von denen man wußte, daß sie sich für den Frieden der Nationen einsetzten“ (Saat, S. 66 ). Von Mustapha Agha erfuhren die Neuankömmlinge zuerst von den „zilizischen Blutbädern“. „Er (Mustapha Agha, die Hrsg.) erzählte mir, (…) daß in Zilizien, Adana und Tarsus Christenmassaker stattgefunden hätten, denen viele tausend Christen zum Opfer gefallen seien. Da unser Freund als echter Orientale zur Übertreibung neigte, schenkte ich seinen Mitteilungen nicht vollen Glauben. Dennoch entsprach das Gesagte den Tatsachen, ja es blieb noch weit hinter der blutigen Wirklichkeit zurück“ ( Saat, S. 65 ).

Hans Bauernfeind erlebte mit Mustapha Agha viele Situationen, die der oben geschilderten aus dem Jahre 1909 glichen. Wieder war der Bürgermeister der erste und einzige, der den Deutschen gleich zu Beginn der armenischen Verfolgungen die Tragweite der Ereignisse klarzumachen und sie über die Vorgänge in der Stadt zu informieren versuchte. Wieder stieß er bei ihnen auf Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit. Doch Bauernfeind, anders als Christoffel, war bis zu seiner Abreise im August 1915 nicht in der Lage oder willens zu begreifen, wie sehr Mustapha Aghas angebliche Kassandrarufe der „blutigen Wirklichkeit “ entsprachen. Mehr noch: Je deutlicher die Anzeichen für eine allgemeine Vernichtung und Verschickung der Armenier Malatias wurden, je offensichtlicher Mustafa Aghas Informationen von der Realität gestützt wurden, desto entschiedener stempelte Hans Bauernfeind den Bürgermeister als wahnsinnig ab.

Bauernfeind bemängelte in seinem Tagebuch öfters Mustapha Aghas armenierfreundliche Haltung und hielt ihn für keinen zuverlässigen Gewährsmann. Er stünde “ (…) ganz unter dem armenischen Einfluß und auf ihrer Seite“ (Tagebuch, 9. Juni 1915 ), ja er sei “ (…) wegen seiner Christenfreundschaft als ‚Gjaur‘ verhasst und gefährdet“ (Tagebuch, 7. Juli 1915). Der aufrechte Bürgermeister, der deutlich sah, welcher Katastrophe für das armenische Volk sie beiwohnten, verstand die passive Haltung der deutschen Missionare nicht. Für Äußerungen wie „Die Armenier warten alle auf euch, daß ihr sie erlöst “ (Tagebuch 9. Juni 1915) erntete er bei Bauernfeind nur Unverständnis.

Mustapha Agha beschränkte sich nicht auf die Kommentierung des Geschehens, er rettete tatkräftig die Leben vieler Armenier. Nach Christoffels Rückkehr stellte er sich beim Kampf um die Rettung Bethesdas an dessen Seite und unterstützte ihn materiell. 1921 wurde er wegen seines Einsatzes für die armenischen „Gjaur“ von einem seiner Söhne ermordet.

Mutessarif

Hans Bauernfeind erlebte in seiner Zeit in Malatia die Amtszeit zweier Mutessarifs (Gouverneure). Der „alte“ Mutessarif, ein 57jähriger Türke namens Muhaff, wurde am 3. Juni 1915 nach Konstantinopel abberufen – angeblich aufgrund einer Intrige des Walis von Mesereh (Tagebuch, 21. Mai 1915 ).Nach einer späteren Version sei er abberufen worden “ (…) nach einem neuen Gesetz, das bestimmt, daß die Beamten, welche über 25 Jahre ein Amt bekleiden, abzurufen und erst in Konstantinopel über ihre Dienstfähigkeit geprüft werden müssen“ (Tagebuch 28. Mai 1915 ). Der „alte Mutessarif“ äußerte sich kein einziges Mal kritisch zu den bereits im Mai und Juni 1915 in großem Maßstabe vor sich gehenden Massenverhaftungen, Folterungen und Ermordungen armenischer Männer. Er bemühte sich vielmehr, seinen „Freund“ Bauernfeind von der Schuld der Armenier zu überzeugen und ihn von jeder proarmenischen Aktion abzuhalten: „Ich sprach privatim mit dem alten Mutessarif über all die Fälle (von Verhaftungen, die Hrsg.). Er riet mir dringend ab, mich für jemanden zu verwenden. Es gehe alles nach den erlassenen Gesetzen (…) “ (Tagebuch, 1. Juni 1915 ). Bauernfeind pflegte ein sehr enges Verhältnis zum Mutessarif: Er besuchte ihn und seine Frau regelmäßig und nannte ihn liebevoll „unser Mutessarif“. Als die Bauernfeinds im August 1915 auf ihrer Rückreise nach Deutschland kurz in Konstantinopel Station machten, fanden sie noch die Zeit, „ihren Mutessarif“ zweimal zu besuchen.

Während des kurzen Interregnums bis zur Ankunft des neuen Mutessarif führte der Kaimakam (Landrat ) von Arrha die Amtsgeschäfte, die vor allem in der Organisation der Massenverhaftungen und Ermordungen der armenischen Männer bestanden. An ihn richtete Bauernfeind seinen Protestbrief vom 9.Juni 1915, in dem er sich gegen die Verhaftung protestantischer Armenier und gegen „Auswüchse“ bei den Verhaftungen in Malatia wandte.

Als am 20. Juni 1915 schließlich der neue Mutessarif aus Konstantinopel eintraf, gab es schon “ (…) kaum noch freie Armenier (…) “ (Tagebuch, 23. Juni 1915) in Malatia. Dieser Akt der armenischen Tragödie war in Malatia beendet. Dem neuen Mutessarif oblag nun die Ermordung der armenischen Gefangenen und Arbeitssoldaten sowie die Durchführung der Deportation der armenischen Bevölkerung Malatias.

Der neue Mutessarif, ein 45jähriger Kurde, reiste mit Frau und fünf Kindern aus Konstantinopel an. Gleich nach der ersten, kurzen Begegnung war Bauernfeind von ihm angetan: „Der neue Mutessarif (…) gefiel mir nicht übel. Er ist keiner von den modernen Schwätzern, sondern offenbar ein Mann von innerer Bildung und ernster Lebensauffassung“ (Tagebuch, 22. Juni 1915). Nach der zweiten Begegnung, schrieb Bauernfeind, bereits euphorisierter: „Er gefiel uns wieder sehr. Ernst , freundlich, männlich, von innen heraus höflich und gebildet, warmer Deutschfreund. Er stammt aus einem vornehmen Kurdengeschlecht aus der Muscher Gegend“ (Tagebuch 23. Juni 1915).

Bauernfeinds Begeisterung für den neuen Mutessarif wurde auch dadurch nicht getrübt, daß in seine Amtszeit die massenhafte Ermordung der männlichen Armenier Malatias fällt, auch die seiner Mitarbeiter Krikor und Garabed. Dem psychologisch geschickt agierenden Beamten gelang es spielend, den naiven und obrigkeitshörigen Pastor Bauernfeind um den Finger zu wickeln und zu beeinflussen: Dem Mutessarif täte es unendlich leid, daß „(…) das ganze (armenische, die Hrsg.) Volk um weniger Schuldiger willen leiden müsse, doch solange nicht alles an den Tag gekommen sei, läge in der Strenge die größte Milde. Er bitte uns inständig, ihm zu helfen, ihm alles zu sagen, was wir meinten und wüßten. (…) um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen täte er seine Pflicht“ (Tagebuch, 24. Juni). Wenige Tage später begannen das Massaker an den Armeniern Malatias. Hans Bauernfeind schrieb in sein Tagebuch, der Mutessarif schäme sich deswegen „(…) in Grund und Boden“, aber er sei völlig „(…) in der Hand des Volkes“ (Tagebuch, 2. Juli 1915). Am 10. Juli 1915 bereitete ihn der Mutessarif durch das Auftischen einer neuen armenischen Verschwörungslegende auf die baldige Deportation aller Armenier Malatias nach „Urfa“ vor. Bauernfeind hatte großes Mittleid – mit dem Mutessarif: „Er machte einen schwer kranken Eindruck. (…) der ganze Mann binnen der kurzen Zeit seines Hierseins völlig erschöpft und gebrochen“ (Tagebuch, 10. Juli 1915 ). Dieses bewußte Ignorieren des offensichtlichen Zusammenhanges zwischen den Vorgängen in Malatia und der Verantwortung, die der Mutessarif als oberster Beamter in der Stadt dafür tragen mußte, bestimmte Bauernfeinds Haltung bis zu seiner Abreise. „Die Sache stellt sich uns immer klarer so dar, daß neulich die Massenmorde und sonstigen Ungesetzlichkeiten nur während der Zeit des Stellvertreters und von ihn noch insceniert, in den Tagen der schweren Erkrankung des Mutessarif vorgekommen sind“ (Tagebuch, 5. August 1915 ). Bauernfeinds abschließender Eindruck: “ Ein strenger, gerechter, unbestechlicher Beamter (…)“ (Tagebuch, 11. August 1915 ).

Hinsichtlich der Einschätzung des Mutessarif klafft zwischen den Aussagen Bauernfeinds und denen Christoffels ein deutlicher Widerspruch: Für Christoffel war der Mutessarif kein „warmer Deutschenfreund“, sondern Angehöriger einer „deutschfeindlichen Cliqué“ sowie „deutsch- und christenfeindlich“ (Saat, S. 20).

Kommandant Nadin Beg

Der Gendarmerie- (Saptieh)kommandant von Malatia, von Bauernfeind als “ (…) feiner, fröhlicher und doch ernster Mensch (…) “ (Tagebuch, 26. Mai 1915) beschrieben, leitete die Verhaftungen und Folterungen der armenischen Männer Malatias bis zu seiner Abberufung nach Mesereh am 17. Juni. Am 6. August kehrte er “ (…) im Rang erhöht nach Malatia zurück“ (Tagebuch, 8. August 1915 ).Sonstige

Miss Graffen (Graffam)

Ihr wirklicher Name, den Bauernfeind nie korrekt wiedergab, lautete Mary L. Graffam. Die Amerikanerin tauchte am 21. Juli 1915 in Hans Bauernfeinds Leben und Tagebuch auf. Sie war Mitarbeiterin der amerikanischen Mission in Siwas und begleitetete die Siwasarmenier auf ihrem Deportationszug. In Malatia wurde ihr das Weitergehen verwehrt. Miss Graffam blieb in Bethesda und war bereit, das Heim nach der Abreise der Bauernfeinds weiterzuführen. Doch der Mutessarif verbot ihr schroff in Malatia zu bleiben. Sie reiste daher mit Bauernfeinds bis Siwas und blieb dort, um sich im Schweizerischen Waisenhaus, mitlerweile geführt von der amerikanischen Mission, um armenische Waisen zu kümmern: Bauernfeind trug am 17. August 1915 in sein Tagebuch ein: „Miss Graffen war gestern auch beim Wali. (…) Er will Miss Graffen jetzt nicht mit uns nach Konstantinopel reisen lassen. Sie solle noch etwas hier (in Siwas, die Hrsg.) bleiben: er wolle zu ihr kommen u(nd) mit ihr die Angelegenheit der Waisen regeln“ (S. 119f.). Als Ernst Christoffel im Februar 1919 heimwärts reiste, traf er sie, die „derzeitige Leiterin der amerikanischen Missionsstation“ ( Tiefen, S. 92) noch in Siwas an: „Miss G.(raffam, die Hrsg.) war überhäuft mit Arbeit. Sie war auf der Station allein. Nach der Eröffnung des Waisenhauses sammelten sich aus dem ganzen Distrikt versprengte armenische Waisen an. Bald waren mehrere Hundert beisammen, täglich kamen neue dazu“ (Christoffel, Tiefen, S. 92 ).

Mary Graffam zeichnete 1919 ihre Erlebnisse in der Türkei auf  (15). Diese Schilderung über die Deportation der Siwasarmenier, die sie bis nach Malatia begleitet hatte, geben ein völlig anderes Bild wieder, als die Wiedergabe bei Bauernfeind vermittelt. Sie schreibt von massenhaften Ermordungen und Mißhandlungen schon auf der Strecke bis Malatia. Unklar wird wohl letztlich bleiben, ob sie selbst es für angebracht hielt, Bauernfeind eine harmlose Version zu übermitteln, oder ob Bauernfeind zensierend eingriff. Auch ihren dreiwöchigen Aufenthalt in Malatia schilderte sie:”The governor in Malatia ordered Miss Graffam to appear before him. The following day she helplessly looked out from a nearby orphanage and watched as her girls and people filed by. (…) For three weeks, Mary L. Graffam remained in Malatia, which she thought to be the counterpart of the worst description of hell. The sights were terrible. At first, the Turks murdered the Armenians in the street. There was so much blood, though, that they strangled the victims with ropes and took them away at night. They left most unburied. Every afternoon, two or three thousand Armenians passed Miss Graffam’s house. She kept carbolic acid on the window sills to keep the stench of the dead from drifting in the house. ‘The sky was black with birds and there were hosts of dogs, feeding on the bodies. You could tell’, she added, ‘where a massacre had taken placed by the migration of birds and dogs.’”  (16)Hans Bauernfeinds Tagebuch

Bauernfeind verstand sein Tagebuch spätestens ab dem 22. März 1915 nicht mehr als private Aufzeichnung, sondern als notwendige Korrektur zur offiziellen deutschen und türkischen Kriegsberichterstattung. Er schrieb also mit dem Anspruch, als Kenner der Vorgänge im Landesinneren meinungsprägend zu wirken und begriff sich, im Frühjahr 1915, als konstruktiv-kritischen Zeitzeugen:

„Da die Zensurbehörde Mitteilungen über die wahren, mit der Mobilmachung zusammenhängenden Zustände im Innern der Türkei trotz meines vorsichtigen, die aufrichtigen Bemühungen der Regierung stets bereitwillig anerkennenden Tones nicht durchgehen läßt, sehe ich mich gezwungen, alle diesbezüglichen Eindrücke in einem Sonderheft niederzulegen, welches ich dann nach dem Kriege der Post übergeben werde. Die neulich gestrichenen Stellen aus meinem Tagebuch sind ja später aus dem Original nachzulesen.

Mir liegt natürlich nichts ferner, als die Osmanische Regierung herabsetzen zu wollen. Nur sehe ich eine große Gefahr in dem üblichen Fehler, sich durch die Beobachtungen an der Oberfläche (…) täuschen zu lassen über die wahren Verhältnisse im Innern, die doch schließlich als Grundlage angesehen und für die Beurteilung maßgebend sein müssen. Die gewöhnlichen Selbsttäuschungen in dieser Beziehung sind verhängnisvoll zunächst für die angestrebten Reformen, die einen offenen klaren Blick in die vorhandenen Schäden als erste Bedingung erfordern und auch für uns, die wir auf die Bundesgenossenschaft mit der Türkei für die Zukunft unseres Landes so große Hoffnungen setzen“ (Tagebuch S. 1).

Nach seiner Ankunft in Konstantinopel Ende August 1915 legte er seine Aufzeichnungen der deutschen Botschaft vor: „Mein Tagebuch fand großes Interesse. Die Botschaft wird es mir nach gründlicher Kenntnisnahme nachschicken“ (30. August 1915, S. 130). Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes (Berlin) finden sich Hinweise darauf, dass Bauernfeinds Tagebuch tatsächlich von der Botschaft Konstantinopel nach Berlin übermittelt wurde und dort ein Jahr später dem Reichskanzler zugestellt wurde. Im Begleitschreiben des Oberhofpredigers Dryander vom 17. August 1916 heißt es:

„Der bisherige Leiter des deutschen Marineheims in Yeniköy am Bosporus, Pastor Hans Bauernfeind, hat vor seiner Abreise von Constantinopel die anliegende Tagebuchabschrift der dortigen Kaiserlichen Botschaft mit der Bitte übergeben, sie mit sicherer Gelegenheit nach Berlin befördern und dort an ihn selbst oder in seiner Abwesenheit an Eure Excellenz aushändigen zu lassen. Da Pastor Bauernfeind nicht mehr in Berlin anwesend ist, darf ich das Tagebuch seinem Wunsch entsprechend hiermit Eu. p.p. erg?ebenst? übersenden. Ich gehe dabei von der Voraussetzung aus, dass Herr Bauernfeind von jeder Verwertung des Inhalts seiner Aufzeichnungen während der Dauer des Krieges Abstand nehmen wird. (…)“

Eine maschinenschriftliche Randnotiz gibt interessante Auskunft, wie Bauernfeinds Tagebuch politisch eingestuft wurde: „Das Tagebuch ist im allgemeinen türkenfreundlich gehalten. Auch in der Armenierfrage nimmt der Verfasser einen gemäßigten Standpunkt ein. Doch dürfte wegen viler [sic! D. Hrsg.] unerfreulicher Einzelheiten Veröffentlichung während des Krieges nicht erwünscht sein. (…)“ [Hervorhebung d. Hrg.]

In einer handschriftlichen Erklärung vom 14.08.1916 bestätigte Hans Bauernfeind, dass er von seinen Aufzeichnungen keinen Gebrauch machen wolle (Quelle: PA/AA, IA Türkei 183, Armenien Bd. 44, Mikrofiche Nr. 7151). Er fügte sich damit den in Deutschland in Hinblick auf die Armenien- bzw. Türkeiberichterstattung geltenden Zensurbestimmungen. Die im Tagebuch wiederholt auftauchende Ankündigung Bauernfeinds, in Deutschland „Zeuge der Wahrheit“ zu werden, hat er weder während noch nach dem Ersten Weltkrieg in die Tat umgesetzt, denn er ist unseres Wissens nach niemals mit seinen Erfahrungen aus dem Jahr 1915 an die Öffentlichkeit getreten. Sein einziger, uns vorliegender gedruckter „Bericht aus ‚Bethesda'“ deckt den Zeitraum November 1911 bis Februar 1912 ab (veröffentlicht im Juni 1912).

Obwohl das Tagebuch ursprünglich für den öffentlichen oder zumindest behördlichen Gebrauch in Deutschland verfaßt wurde, legte sich Bauernfeind keinerlei Hemmungen bei Werturteilen auf. Dies galt besonders für seine unverhohlene Antipathie gegen Armenier.

„Ein gefährliches und verdächtiges Volk“: Bauernfeinds Armenierbild

Bauernfeinds unüberwindliche Abneigung speiste sich aus einer eurozentristischen, speziell deutsch-protestantischen Überheblichkeit gegenüber orientalischen Christen, aber auch aus Sozialneid, wie er auch Bauernfeinds Äußerungen über die amerikanische Missionsarbeit prägte. Insgesamt wurde keine der gängigen zeitgenössischen Vorurteils-Stereotypen ausgelassen, selbst wenn diese im Widerspruch zueinander stehen: Bauernfeinds Armenier sind gleichzeitig weichlich, unmännnlich, intrigant, zänkisch, würdelos, raffgierig, betrügerisch, aber auch gefährlich und politisch unzuverlässig. Sämtliche von Bauernfeind den Armeniern zugeschriebenen Eigenschaften und Untugenden wurden übrigens schon damals, besonders aber zur Zeit des Nationalsozialismus auch den Juden angelastet, und der Vergleich zwischen beiden Völkern findet sich bei Bauernfeind nicht zufällig. Trotz seiner Augenzeugenschaft bei der Vernichtung der Armenier und seiner zeitweilig sehr klaren Einsicht in die Verantwortung der Regierung hat Bauernfeind seine Vorurteile nie revidiert und brachte, kurz vor seiner Ausreise aus der Türkei, sogar Verständnis für die türkische Vernichtungsabsicht auf. Völliges Unverständnis zeigte er gegenüber dem Bedürfnis der Armenier nach Selbstverteidigung, ihre nach den Massakererfahrungen von 1894-96 und 1909 allzu berechtigten Ängste vor neuen Verfolgungen tat er als bloße Hysterie ab.

Selbst die Tatsache, daß sich die Tätigkeit der Mission ganz auf die Unterstützung von Armeniern stützte, konnte seine festen Vorurteile nicht aufbrechen: Armenier dienten ihm und anderen Missionaren als Dolmetscher, Rechtsberater, Dienstboten, auf Reisen als Kutscher und Herbergsväter, in Krisenzeiten als Lebensretter. Vor diesem Hintergrund wirken die folgenden Zitatbeispiele besonders empörend.

28. Mai 1915 – (…) Die Weichlichkeit und gegenseitige Verräterei und fortwährende Betrügerei raubt natürlich (sic!) der Regierung jeden Rest von Achtung und Vertrauen den Armeniern gegenüber. (…) (Seite 15)

(…) Ein wie gefährliches, vom Mutterleib an vergiftetes Volk die Armenier sind, sahen wir auch gestern wieder an den Ansichten, die Juraper und Nektar (zwei unserer Schülerinnen) in ihrem letzten Aufsatz aussprachen, natürlich unter Haiganuschs und überhaupt der weiblichen Erwachsenen Einfluß. Das Thema lautete: „Was merken wir hier in Malatia von den Nöten des Krieges?.“ Inhalt: Eine Schilderung der Grausamkeiten der Regierung gegenüber den unschuldigen Armeniern! (…) Die Wahrheit wird gehaßt und kommt gegen das Gift des Hasses nicht auf. Der feste Punkt der armenischen Geschichte ist das Massaker 1895/96; diese Erinnerungen beherrschen alles und werden als heiligstes Nationalgut von Glied zu Glied vererbt. Wie wenig damals „Märtyrertum“ dabei gewesen sein kann und wieviel aufrührerische Umtriebe voraufgegangen sein müssen, das sieht man jetzt zur Genüge. Die Maßregel entspricht der Roheit und dem sittlichen Tiefstand des ganzen Landes, aber begreiflich ist es, daß der Regierung einmal die Galle überlief. (…) (Seite 15 f.)

3. Juni 1915 – (…) Verlassen darf man sich jedenfalls hier auf niemanden und nichts. – Den Charakter des armenischen Volkes lernen wir ja auch hier im Haus zur Genüge kennen. Leute, die jahrelang unter unserem Einfluß stehen und Bethesda, den Deutschen alles verdanken, – innen wohnt das Gift, das sie entweder verhalten oder gelegentlich ausspritzen. Die treuesten, anhänglichsten, willigsten Arbeiter, aber in dem Punkt wie Schlangen. Die Wahrheit können sie nicht vertragen, auch nicht mit der größten Liebe verbunden. Keiner, dem man trauen kann, der eine persönliche Überzeugung hat, alle unter dem Banne des Volksgiftes. (…) Sie alle wollen nicht die Wahrheit, sondern wollen sich vor Massakern fürchten, Märtyrer sein und als solche beklagt und unterstützt werden. (…) (Seite 18)

11. Juni 1915 – (…) Chossroff Eff.s (Effendi, die Hrsg.) Fall besprachen wir ganz besonders eingehend. Das ist also Tatsache: Chosroff Eff. hatte ein verbotenes Gewehr und mit seinem Wissen als Parteihaupt der „Taschnakzagan“ waren 14 andere vorhanden bei einzelnen Armeniern. Erschwert ist seine Sache durch Verleumdungen, durch seine neuerlichen Verrücktheiten (Selbstmordversuch, Behauptung, in Babucht seien Waffen vergraben), durch strenge Anweisung von oben, gegen die Taschnakzagan sehr streng vorzugehen. Trotzdem ist der Komm(andant; die Hrsg.) von der persönlichen Unschuld Chosroff Eff.s überzeugt. Er legte mir nahe, um ihn zu befreien an den Wali zu telegraphieren. Ich sagte aber, uns seien durch die Zensur die Hände gebunden. Darauf erbot er sich, einen Brief von mir durch einen Saptieh nach Mesereh zu befördern. Erst wollte er noch einige Tage arbeiten und versuchen, die Sache so zu ordnen. Übrigens sei Chosroff Eff. bisher kein Haar gekrümmt und hätte gar keinen Grund, zu fürchten. – Ich ging sehr befriedigt und beruhigt fort, in dem Bewußtsein, daß sich die Regierung vor Ungerechtigkeiten und Übertreibungen hütet und schweren Grund hat, gegen die verlogenen und verräterischen Armenier streng vorzugehen. Das ist schon an sich, wie man aus der trotz allem bisher mäßigen und tadellosen Haltung der türkischen Bevölkerung den Armeniern gegenüber auch zur Genüge erkennen kann, die Richtung der gegenwärtigen inneren Politik, offenbar stark unter dem Einfluß der Deutschen Militär-Mission und daneben wird auch unsere Gegenwart und Einwirkung nicht ohne Nutzen sein. (…) (Seite 22)

11. Juni 1915 – (…) Gestern nachmittag kam Jesther, eine etwa 18jährige Blinde aus der Stadt, die wir auch vor einem Jahr fortschicken mußten, mit ihrer Großmutter. Heute würde ein Massaker sein, ob sie nicht hier bleiben dürften. Entsetzlich, wie einzelne gewissenlose Leute, Türken und Armenier, meist Frauen, das ganze Volk ängstigen. Die verdienten die härtesten Strafen. Und das Volk ist teils zu dumm, um die Haltlosigkeit solcher Gerüchte zu begreifen, andererseits wälzen sie sich ja mit einer krankhaften Wollust in der Furcht. Wir nahmen Jesther natürlich nicht an, sondern suchten sie nach Möglichkeit wieder zurecht zu bringen. (…) (Seite 32)

3. Juli 1915, abends 11 Uhr – (…) Wir Deutsche sind also unnötig hier; man nimmt zwar von uns gnädigst Geld an, aber nicht das Evangelium, nicht geistliche Hilfe. Die hat man auch i(m) a(llgemeinen) nicht nötig. Wir beobachten jetzt leider wieder die Tatsache, daß das armenische Volk durch alle Heimsuchungen nur immer härter wird. Ihre Frömmigkeit läßt sich ziemlich in allen Zügen mit der des jüdischen Volkes zur Zeit Jesu vergleichen. Nicht in ihrer Sünde sehen sie ihr Verderben, sondern in den Türken. – (…) Was wir unter Trauer verstehen, das kennt man hier nicht. Hier gibt es stattdessen nur Verzweiflung, Schreien, Fatalismus, Bitterkeit, Angst, Fassungslosigkeit, Haß usw., aber eine Ehrfurcht erweckende tiefe Trauer findet man kaum. (…) (Seite 47)

23. Juli 1915 – (…) Die Stimmung der verbannten Bevölkerung ist natürlich nicht vom Besten; sie fühlen sich hin und her getrieben wie Schlachtschafe. Sie glauben natürlich immer das Schlimmste, machen aus eins einhundert, was ja bei einem so tief stehenden Volk nicht weiter verwundern kann. (…) (Seite 81)

24. Juli 1915 – (…) Heute früh waren 9 Kinder hier, die gestern von den übrigen geflohen waren, weil, wie sie behaupteten, man sie gerade töten wollte. Da wir sie nicht behielten, gingen sie zur Kaserne (dem Sammelpunkt der Deportierten, die Hrsg.). „Man wird uns schlachten“, das ist bei den Armeniern eine Empfindung, die sie wie eine sexuelle Wollust in einer oft geradezu ekelhaften Weise beherrscht. Ganz unbegründet ist sie natürlich nicht, aber das Volk könnte im Himmel sein und wäre noch nicht zufrieden, wenn es keinen Grund zu klagen und zu fürchten und zu intrigieren hätte. Die wollen nicht denken und die Wahrheit sehen. (…) (Seite 88)

29. Juli 1915 – (…) Daß selbst die Schüler des amerikanischen Kollegs nicht zuverlässig sind, sieht man daraus, daß bei einem Knaben unterwegs (auf der Deportation, die Hrsg.), wie Miss Graffen erzählt, ein Messer gefunden wurde, mit dem er im Begriff war, einen Saptieh zu erstechen. (…) (Seite 97)

Kangal, 14. August 1915, mittags –(…) Das türkische Volk i(m) a(llgemeinen; die Hrsg.) macht auch in dieser Zeit einen sympathischeren Eindruck als das armenische, welches in der schlimmsten Not seinen Götzendienst mit Geld u(nd) Essen u(nd) Reichtum aller Art sowie seine Streitsucht und Verlogenheit nicht aufgeben kann. Allerdings merken wir auch das immer wieder, daß Malatia ganz abnorm schlechte Bevölkerung hat. Glücklicherweise darf man nach den Malatialeuten nicht das ganze armenische Volk beurteilen. (…) (Seite 16 f.)

Siwas, 17. August 1915, früh 5.45 Uhr – (…) Wir besahen uns gestern noch den Neubau des Schweizerischen Waisenhauses. In dieses Grundstück und die Gebäude sind einige hunderttausend Mark gesteckt (worden); alles war so schön und praktisch ausgedacht, u(nd) nun muß alles preisgegeben werden. Die erwachsenen Mädchen, mit denen wir gestern abend zusammen waren, machen einen sehr guten Eindruck, hübsch, freundlich, gewandt, sauber u(nd) geschmackvoll angezogen, alles wie in Europa. Wer nicht länger im Orient gelebt hat, würde ganz entzückt von diesen armenischen Mädchen sein. Aber in den meisten Fällen wird es doch so sein, wenn nicht in allen, daß man sie nicht näher kennen lernen darf, um nicht bitter enttäuscht zu werden. Jedenfalls ist es ein höchst gefährliches Experiment, diese Kinder so ihrem Land u(nd) Volk zu entfremden u(nd) auf ein ganz anderes Niveau zu heben.

Hier im College sind viele tausend Ltq. von Armeniern abgegeben. „Wenn wir sterben, gehört es euch, bleiben wir leben, so gebt es uns wieder.“ Man hat es angenommen, aber ohne zu zählen u(nd) ohne die geringste Verantwortung zu übernehmen, nur in jeden Sack oder dgl. (dergleichen, die Hrsg.) den Namen u(nd) die Aussage notiert. Wir hätten das nicht getan, denn die Verantwortlichkeit ist riesengroß. Aber die Art, wie die Amerikaner den Fall behandelt haben u(nd) behandeln werden, ist korrekt. Es ist unglaublich, welch ungeheurer Reichtum im armenischen Volk steckt. Man sollte, anstatt in Deutschland für die „armen“ Armenier zu sammeln, die reichen Armenier gehörig schröpfen u(nd) ihr Geld für ihre notleidenden Landsleute verwenden. Das ginge natürlich nur unter deutscher oder amerikanischer Leitung. Übrigens wäre es für uns Deutsche ein trauriges Zeichen, wenn wir so etwas den Amerikanern überließen u(nd) uns selbst außerstande zeigten, den nötigen Einfluß auf die Regelung der inneren Angelegenheiten der Türkei auszuüben. Denn die Vernichtung des armenischen Volkes dürfen wir nicht nur aus humanen Rücksichten nicht zulassen, sondern es steht die für Deutschland keineswegs gleichgültige Frage der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Türkei auf dem Spiel. (Seite 120 f.)

18. August, 12.20 Uhr, Aufenthalt in Sarkischlar, einem großen kultivierten Ort. Dort lagerten an einem schönen, schattigen Ort Mengen von Armeniern aus Samsun, Marsevan usw. Außerdem trieben sich eine Menge Männer herum, die Muhammedaner geworden waren u(nd) sich dadurch die Erlaubnis erwirkt hatten, dort zu bleiben. Wenn das tatsächlich die Regierung annimmt – daß sie es nicht will, wissen wir -, so müßte man das einen schweren Fehler nennen. Einige von den Leuten redeten uns an u(nd) hängten sich wie Schmeißfliegen an uns. Bei derartigen Fällen kann einem manchmal das ganze armenische Volk so widerlich werden, daß man es versteht, wenn die Türken sie ein für allemal los werden wollen. (…) (Seite 122)II. DOKUMENTATION

Zeuge wider Willen: Hans Bauernfeind über den Völkermord an den Armeniern1. Entwaffung, Haussuchungen, Festnahmen, Folter und Massaker der Männer

2. April 1915 – (…) Vorhin war ein armenischer Priester hier (Vertreter des Wardabed). Mit ihm sprachen wir natürlich auch über Krieg, Mobilmachung usw. Von den 700 aus Malatia eingezogenen Armeniern sind bereits über 150 tot und zwar meist infolge von Krankheiten, d(as) h(eißt) infolge mangelnder Fürsorge. Entsetzliche Zustände! (…) (Seite 3)

16. April 1915 – (…) Gestern abend kam Garadeb (Karapet; die Hrsg.) (unser Koch und Einkäufer) ohne Gewehr zurück. Man hatte ihn morgens Knall auf Fall ins Gefängnis gesteckt, ihm Gewehr und Seitengewehr abgenommen, den ganzen Tag nichts zu essen gegeben, als er zum Abort gehen wollte, einen Saptieh mitgegeben. Sein Vorgesetzter war in Arschadagh, sein Stellvertreter behauptete, ein Telegramm aus Adiaman bekommen zu haben, wonach Garabed heute früh nach dort abgehen müsste. Damit er nicht entflöhe, hielt er es für nötig, ihn einzusperren, alles, ohne irgend eine Gelegenheit zu bieten, Nachricht zu geben. So wäre er heute früh direkt aus dem Gefängnis nach Adiaman abgeschoben worden, wenn nicht gestern abend sein Kommandant zurückgekommen wäre und darauf aufmerksam gemacht hätte, daß man den, weil er den Deutschen zur Verfügung gestellt sei, nicht ohne weiteres fortschicken könne ohne vorher die Sache dem Mutessarif vorzulegen. So wurde er denn abends befreit. (…) (Seite 6)

19. April 1915 – (…) Es ist eine neue Verordnung eingetroffen, nach der Armenier, d.h. die christlich osmanischen Staatsangehörigen, überhaupt keine Waffen mehr tragen dürfen, sondern nur noch für Arbeiten verwendet werden dürfen. Gar(abed) kann also auch deshalb nicht weiter Saptieh sein, sondern die Regierung kann ihn nach Belieben zu ihren Zwecken verwenden. Der Komm(andant) machte uns das überaus liebenswürdige Anerbieten, uns Garabed vollständig zur Verfügung zu stellen. Wir lehnten dies aber dankend ab, teils um das Entgegenkommen der Regierung nicht unnötig viel in Anspruch zu nehmen, besonders aber um unserer und Gar(abed)s willen, denn für Gar(abed) ist jetzt längst nicht genug Arbeit. Wenn wir ihn nun doch wieder beschäftigen, würde es unfehlbar Streit und Eifersüchteleien geben und Gar(abed) würde, obwohl seine ganze Familie hier freie Station genießt und er nur um unseretwillen nicht in den Krieg geschickt wurde, im Stillen Gehaltsansprüche darauf gründen. Wohl aber haben wir uns ausgebeten, daß Gar(abed) hier wohnen bleiben, also nicht fortgeschickt werden darf, und daß er uns, so oft wir ihn brauchen, nach unserem Belieben zur Verfügung gestellt wird. Das wurde uns gern gewährt. (…) (Seite 6 f.)

4. Mai 1915 – Die Regierung scheint jedes Zutrauen zu den Armeniern verloren zu haben. Als wir Sonntag bei Chosroff Effendi (Apotheker, Hausfreund) einen Besuch machten, erzählte uns die alte Mutter, die wir allein zu Hause trafen, daß die Regierung in vielen armenischen Häusern u(nter) a(nderem) auch bei ihnen, Haussuchung veranstaltet habe. Sie suchen nach Waffen, Büchern, Zeitungen, Briefen und Flüchtlingen. Mehrere Verhaftungen sind schon erfolgt. Der armenischen Bevölkerung bemächtigt sich begreiflicherweise eine gewisse Erregung. (…) (Seite 7 f.)

10. Mai 1915 – (…) Ein(e)s ist sicher: Die Regierung hält hier strenge Haussuchungen, geht unverständig vor, was beim Volk Erbitterung hervorrufen muß. Ich war in der Stadt, das armenische Volk ist aufgeregt und furchtsam. Am schlimmsten sind die Frauen, die ihre bösen Zungen arbeiten lassen und die Wahrheit und Lüge nicht unterscheiden können. (…) (Seite 9)

16. Mai 1915 – Die Haussuchungen und Gefangennahmen gehen weiter. Ein sehr braves Mädchen (Veronika, d. Hrsg.), Sabathistin (Familie Bonapartian), ist gefangen nach Mesereh geführt, weil bei ihr einige geschriebene, von ihrem Prediger verfaßte armenische Lieder gefunden worden sind. Soweit wir die Sache beurteilen können, eine ganz harmlose Sache und ein grausamer Mißgriff der Regierung. Das Desertieren ist zu einer Art Versteckenspielen mit der Regierung ausgeartet. Einer unserer Meister, Steinhauer Megrditsch Warbed (Mrkttitsch Warpet; die Hrsg.) wurde vor einigen Tagen hier gelegentlich der Suche nach Waffen infolge der Aussage eines Kindes in einer Vorratskiste gefunden, nachdem er sich 7 Monate versteckt gehalten hatte. Ein Vetter unseres Bekannten Bardrjan, Jedward, wurde vorgestern mit einigen Freunden gefaßt. Solche Leute werden dann einige Zeit gefangen gehalten, nach Mesereh geschickt usw., bis sie ihr Spiel wiederholen. (…) (Seite 9)

17. Mai 1915 – (…) Das Mädchen (…) soll zu drei Monaten Gefängnis verurteilt sein. Das betreffende Liederbuch enthielt zwei revolutionäre Lieder. Sie hatte es von einem 24jährigen Manne gekauft. Letzterer ging straffrei aus, weil er amtlich auf 16 Jahre eingetragen war. Dieses Jüngerschreibenlassen ist ja eine allgemein hier verbreitete Unsitte. Man bezweckt damit Vorteile bezgl. (bezüglich; die Hrsg.) des Militärdienstes. Das Mädchen hatte hinter den vorhandenen Liedern geistliche Lieder handschriftlich nachgetragen. (…) (Seite 12)

Nach den neuesten Gerüchten soll, wie schon oft erzählt wurde, auch Dr. Micael in Erzerum wieder im Gefängnis sitzen. Auch Prof. Samuel (Tamrasjan; die Hrsg.), Sohn des hiesigen Badwelli (prot. Prediger), der in Charlottenburg (Berlin; die Hrsg.) Musik studiert hat, neulich einige Zeit hier war und jetzt wieder in Kharput ist, soll gefangen sein. Jetzt sollen auch die 18/19jährigen eingezogen werden, das würde auch Kirkor (Krikor bzw. Grigor; die Hrsg.) treffen. (Seite 12)

26. Mai 1915 – (…) Der Müfetisch (Inspektor; Deportationsinspektor? die Hrsg.) aus Konstantinopel, der hier ist und bei Haschim Bej wohnt, ist der angenehmste, fein gebildeste und männlichste türkische Beamte, den wir je gesehen haben. man fühlte sich gerade wie mit einem feinen deutschen Beamten, etwa Schulrat, zusammen. (…) Eine Kehrseite zu obigen: Die Willkür, mit der fast täglich einige Armenier ohne erkennbaren Grund gefangen gesetzt und vor Gericht gestellt werden, gestern zwölf, darunter auch der Apotheker Chosroff Eff(endi), beginnt uns mehr und mehr zu befremden. – Krikor soll auf Bemühungen des Muhasebedschi (Rechnungsrat; die Hrsg.) hin als Soldat geschrieben werden, jedoch für die Arbeitergruppe und zwar so, daß er uns als Arbeiter zur Verfügung gestellt wird. Die Sache liegt in den Händen des Gendarmeriekommandanten. (…) (Seite 12 f.)

27. Mai 1915 – Kaum war ich gestern beim Kommandanten gewesen, als auch schon Krikor zur Regierung geholt wurde, um dort sofort und ohne geringste Schwierigkeit als Soldat geschrieben zu werden. Er wurde uns sofort zur beliebigen Verwendung überwiesen, soll nur täglich seine drei Soldatenbrote abholen. Er ist glücklich, seine Eltern natürlich erst recht. Und für uns ist es auch äußerst günstig. Zwar hatte Krikor in der letzten Zeit zu manchen Klagen Anlaß gegeben, aber er nimmt sich jetzt natürlich sehr zusammen, da er ja völlig in unserer Hand ist und recht gut weiß, daß er, falls wir ihn entließen, sofort weggeschickt werden würde. (…) (Seite 13)

(…) Nun muß die Regierung auch bei Armen suchen lassen, während bisher alle die strengen Erpressungsmaßregeln – Gefängnis, Prügel usw. – nur gegen „bessere“ Stände angewandt wurden. Auch aus den Feldern werden Waffen ausgegraben. Die Armenier verraten sich gegenseitig. (Seite 13 f.)

28. Mai 1915 – (…) Der Muhasebedschi bat heute, für acht bis 14 Tage mit seiner Familie bei uns wohnen zu dürfen. Sein von ihm angegebener Grund ist folgender: Er wohnt dem Gefängnis gegenüber; dort werden jetzt jede Nacht Armenier verprügelt, scheinbar oft maßlos, denn ein ziemlich alter armenischer Priester (katholisch) ist infolgedessen gestorben. Das könnten sie nicht mehr ertragen. (…) Die Gewaltmaßregeln gegen Armenier treffen natürlicherweise, da einmal das berechtigte Mißtrauen da ist, auch öfters Unschuldige, obwohl wir bisher dafür keine Beweise haben. Denn die Gerüchte im Volk…., na, darüber könnte man ja Bücher schreiben! Doch scheint es tatsächlich vorzukommen, daß Leute heimlich Gewehre kaufen, um welche abliefern zu können, wenn sie durch Prügel und Gefängnis dazu gezwungen werden sollen. (Seite 14 f.)

31. Mai 1915 – (…) Das Mädchen ist zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. (…) Jedenfalls soll das Mädchen in Einzelhaft gehalten werden, nicht mit den meist entsetzlich verdorbenen übrigen Frauen zusammen. Der Fall wird so schwer aufgefaßt, weil der Bruder des Mädchens zu den Russen übergegangen sein soll, wovon die Mutter nichts sagte. Man kann eben hier schließlich niemanden mehr glauben. (…) (Seite 16)

9. Juni 1915 – Wir bestellten uns heute den armenischen Stadtarzt herauf und ließen uns von ihm über alles berichten, insbesondere über den Fall Chosroff Effendi. Letzterer hatte sich also tatsächlich vergiften wollen, hatte eine riesige Dose Morphium genommen, auch versucht, sich mit einem Stück Blech die Pulsader aufzuschneiden. Für alle Fälle hatte er auch Strichnin und Arsenik bei sich. Der schnell herbeigerufene Stadtarzt konnte gerade noch sein Leben retten. Gründe: „Mein Volk wirft alle Schuld auf mich; die Regierung versteht mich nicht und will mir nicht glauben; also will ich auch nicht mehr leben.“ Sicher hat auch die namenlose Angst vor Schlägen stark mitgespielt. Die sollen allerdings oft unmenschlich sein. Wenn die Leute halbtot geschlagen sind, werden sie ins Wasser geworfen, bis sie wieder zu Bewußtsein kommen, um dann weiter geschlagen zu werden. Starke Dorfleute prügeln, und nur Polizisten sind dabei, kein höherer Beamter. Einige Leute soll man nach Haus geschafft haben, aus Furcht, daß sie infolge der Schläge sterben würden, wie es ja einmal vorgekommen sei. Drei Leute sollen auf geheimnisvolle Weise verschwundens ein. Man sagt, sie seien des nachts in den Tochmanssu geworfen (Nebenfluß des Euphrat), das erscheint uns aber doch nicht glaubhaft. – Das Gefängnis ist nach Beschreibung des Stadtarztes ein Raum von etwa 160 Quadratmeter Größe, niedrig, dunkel, feucht, mit nur einem winzigen Luftloch an der Decke, in dem augenblicklich 200 Armenier eingesperrt sind. Dazu gehört ein kleiner Hof mit Brunnen und Abort. Nachts machen die Gefangenen ihre Bedürfnisse in einem Blechgefäß innen ab, das morgens ausgegossen wird. (…) (Seite 20)

(…) Bei der Verabschiedung des Müfetisch (Deportationsinspektor? die Hrsg.) im Hof der Schule waren sämtliche Spitzen zugegen. Er zeigte dort eine Nummer einer Kriminal-Zeitschrift mit Abbildungen von Massen von Gewehren, Bomben und dergleichen, die bei Armeniern in Kuharea (Kütahiye?; die Hrsg.), Diarbekir usw. gefunden sein sollen und in einzelnen Zimmern zusammengebracht waren. Der Stellvertreter des Mutessarif erzählte mir außerdem, gestern seien in Mesereh an 5000 Bomben gefunden. Das türkische Volk wird mehr und mehr gegen die Armenier aufgereizt; die Atmosphäre ist äußerst gespannt, doch sind offene Feindseligkeiten nicht zu bemerken. (…) (Seite 20)Bauernfeinds Brief an den Kaimakan von Arrha

Malatia, 9. Juin 1915
Monsieur,
Excusez que je prends la liberté de m’adresser à vous par écrit. A cause de ne pas pouvoir vous causer seul il ne me reste pas d’autre moyens. Comme la question arménienne est une affaire extremement importante et ne laisse pas de tranquillité à personne, nous aussi ne pouvons pas rester indifferents. Cette affaire exige bien de la sevérité et de la rigueur, mais tout autant de sagesse et de recherches et informations scrupuleuses. Nous savons fort bien que nous n’avons aucun droit officiel de nous mé`ler à cette affaire, mais d’autre part, quelques raisons m’engagent néanmoins à vous adresser, en cette affaire, quelque lignes. Nous connaissons par propre expérience l’état de la population de Malatia, de différentes nations, nous savons suffisament les circonstances de maintenant, nous sommes dans l’affaire présente, pour ainsi dire, neutres soyants en mé`me temps les confédérés du gouvernement et du peuple ottoman et d’autre part, par notre travail naturellement en contact avec la nations arménienne. Je vous assure, Monsieur, que nous en sommes bien loin de prendre la partie des Arméniens; au contraire, comme je vous ai dit l’autre jour, nous cherchons à corriger leurs fautes à toute occasion, et nous parlons à eux souvent d’une extré`me sévérité. Mais, selon votre propos de l’autre jour, je dois supposer que vous ne vous trouvez pas encore tout à fait au courant sur les événements qui se passent ici, à l’heure présente. Voilà pourquoi je vous prie de bien vouloir me permettre de tirer votre attention sur quelques points:

1) Nous sommes bien consternés par le fait que, en plusieurs endroits, les Arméniens ont pris le parti de nos ennemis, de mé`me qu’aussi à Malatia ont été trouvées tellement d’armes défendues, et que la population ne les a pas délivrées sur le premier ordre. Mais nous sommes tout à fait convaincus qu’ici la peur a joué dans cette affaire un ró`le beaucoup plus important que des intrigues révolutionnaires. Nous savons de mé`me qu’ici beaucoup d’Arméniens, par force de violence, au moyen de coups et d’autres intimidations ont été obligés, n’ayant pas, eux mé`mes, d’armes qu’ils pourraient délivrer au(x) gouvernement , de les acheter d’autres personnes pour les retourner au gouvernement, sinon de dénoncer, pour s’affranchir eux mé`mes, d’autre personnes, soit coupables, soit innocents, ou de chercher d’autres moyens de mensonge ou de fausseté plus ou moins vils et bas.

2) A cause de cela assez d’hommes ont été mis en prison et ont été bá`tonnés qui sont, eux mé`mes innocents, et les noms des quels seulement ont été dénoncés par des traitres perfides. Certainemet, il faut punir sévèrement les coupables, mais avant tout, la culpabilité est à prouver par les moyens du droit public. Bá`tonner ou mettre en prison des personnes, seulement à cause d’un soupcon, cette pratique ne nous semble pas légitime. Nous serions bien contents si nous nous trompions, mais nous avons raison de craindre que des choses pareilles se sont passées plusieurs fois.

3) De mé`me l’exécution de la peine de `bá`ton n’a ni règle ni mesure et transgresse souvent les lois de l’humanité. Il nous semble absolument nécessaire que, à l’occasion d’une telle responsabilité l’exécution de la peine ne se passe pas sans contró`le de fonctionnaires plus haut que des agents de police. Je répète: nous serions heureux de comprendre que nous voyons trop noir, mais les indices sont trop clairs et convaincants.

4) Plusieurs détails: Micael Eff(endi, die Hrsg.) Tschanian et son fils Mihran, et le pharmacien Chosroff Eff(endi, die Hrsg.) Kescheschian. Les deux premiers sont, dans l’affaire présente, absolument innocents et désinteressés, se ne sont jamais mé`les à des affaires parailles, mais ont été calomniés de la manière la plus basse. Nous les connaissons dépuis longtemps, de mé`me Chosroff Eff(endi). Celui-ci était le chef du parti des „Taschnakzagan“, mais ses intentions et efforts n’étaient point dirigés contre le gouvernement, de manière révolutionnaire, mais il travaillait seulement pour les intéréts légitimes de sa nation, comme chaque parti le fait de mé`me. Son influance n’était point dangereux et contraire. Maintenant, la situation s’est fort aggravée à cause de basses calomnies – beaucoup d’Arméniens ont, pour se délivrer eux-mé`mes, dénoncé son nom, et parce que, dans les circonstances présentes, chaque affaire se présente beaucoup plus grave que dans l’état normal. Outre cela, dans la situation dangereuse et fort pénible, calomniés par ses compatriots, mal compris par le gouvernemet, dont il est un sujet fidèle, il a nouvellement, tout à fait perdu la té`te, de manière qu’il allait s’empoisonner. Sur son bon sens n’existe, cependant, aucun doute.

5) Si vous voulez bien accepter, Monsieur, notre conviction: si le gouvernement par force, veut trouver ici des choses qui n’existent vraiment pas, et continuellement emploie des moyens de violence, aussi envers des innocents, nous craignons que la population arménienne, de plus en plus, devient troublée et préoccupée. Cependant, si le gouvernement fait voir, outre la sévérité nécaissaire, aussi plus de bienveillance, libéralité et d’une légalité scrupuleuse, nous esperons súrment que la `population arménienne apprendra une lecon de ces jours bien pénibles pour tout le monde, et que, dans l’avenir, il prendra une (?) enne plus loyale. Il y a, parmi eux, des séducteurs très bas, et malheureusement, la population est, en general, assez stupide pour se faire séduire.

Comme pour nous, de mé`me pour le gouvernement et le bien du pays, il est d’une extré`me importance que, parmi le gouvernement et la nation arménienne soit établie un entendement sincère, surtout dans les circonstances présentes. Dans ce but, ma conscience m’engagea, Monsieur, de tirer votre attention et votre conscience, sur les points ci-dessus mentionnés.

Agreez, Monsieur, l’expression de nos sentiments les plus sincères,
Votre dévoué
P. Hans Bauernfeind

14. Juni 1915, morgens – (…) Gabriel Eff(endi), der Rechtsanwalt, ist seit gestern wieder im Gefängnis. Ich war eben bei Mustapha Agha. Der steht völlig unter dem Einfluß seiner armenischen Umgebung. Er versicherte mir wiederholt, die Regierung ließe jede Nacht 3, 4 Gefangene heimlich verschwinden, die totgeschlagen oder ins Wasser geworfen würden. Mit seinem Wagen würden sie fortgebracht. Ein Priester, Verwandter von Dr. Micael, soll tot sein, ebenso ein gewisser Bontschüklian; beide kannten wir, aber haben noch keine bestimmte Nachricht. Die Frauen kommen ins Gefängnis, um Essen zu bringen, erfahren dann, daß es nicht mehr nötig sei, bekommen aber keine nähere Nachricht. Die an sich etwas mysteriös erscheinende Tatsache, daß die Leichen nicht ausgeliefert, sondern heimlich vergraben werden, erklären wir uns damit, daß im anderen Falle die Toten als Märtyrer und Heilige verehrt werden und möglicherweise Unruhen entstehen würden. (…) (Seite 28) Die Aushebungen werden streng gehandhabt, die Armenier aber nur zu Arbeiten verwendet. (…) (Seite 29)

15. Juni 1915 – Heute früh kamen wieder Frauen, heulten, flehten inständig: Für die Gefangenen wird kein Essen mehr angenommen, die Kleider wären zurückgeschickt; also sind viele tot, natürlich heimlich umgebracht. Obwohl wir den wahren Sachverhalt noch nicht verstehen und kennen, halten wir das natürlich alles für leere Gerüchte; denn gar zu oft haben wir ja erlebt, daß mit aller Bestimmtheit die ungeheuerlichsten, blödsinnigsten Behauptungen und Nachrichten verbreitet werden. Wollte ich das alles erzählen, würde ich Bände füllen. Fortwährend zum Kommandanten möchte ich natürlich auch nicht gehen. Der Badwelli forderte mich dringend auf, mit ihm ins Gefängnis zu gehen und den Gefangenen zu predigen. Natürlich ganz undenkbar. Heute zogen die türkischen entlassenen Gefangenen, 250 an der Zahl, als Freiwillige in den Krieg ab, mit großem Gepränge an begleitendem Volk; Pferde, Trommeln, singende Schüler. (…) (Seite 29)

16. Juni 1915 – (…) Daß Gefangene sterben und heimlich begraben werden, scheint uns jetzt auch festzustehen. Wir glauben aber nicht daran, daß die Regierung zu diesem Sterben hilft; daß sie die Leichen (bisher stehen uns übrigens nur zwei oder drei Fälle einigermaßen fest) nicht ausliefert, verstehen wir; denn es würde eine riesige Erregung durch die Stadt gehen, wenn die Leichen zur Schau ausgestellt würden. Wir sind nun dahinter gekommen, wo sie begraben werden. Erst hielt ich Krikors diesbezügliche Beobachtungen für nichtig, gestern habe ich selbst folgendes festgestellt: An der Südspitze unseres Feldes 11, wo am Berghang der Choratawassergraben nach Norden umbiegt (siehe unsern Grundstückplan), arbeiteten fünf Mann an einem der Schützengräben, die noch von den militärischen Übungen her zurückgeblieben sind. Als sie mich mit Krikor auftauchen sahen, ließen sie plötzlich ihre Arbeit liegen und entfernten sich in auffallender Eile. Als wir aber entschlossen auf sie zugingen, wichen sie uns nicht weiter aus, sondern begrüßten mich mit großer Höflichkeit und Freundlichkeit. Sie waren eifrig bemüht, mich von der Absicht, oben die Arbeiten unserer Leute am Wassergraben – wir wässerten gerade – zu inspizieren, abzubringen. Ich sollte mich doch in der Hitze nicht dort hinauf bemühen (…). Ich fragte sie nun, was sie denn da in unserem Felde zu graben hätten. Ich hatte den Satz kaum ausgesprochen, da antworteten sie schon in verdächtiger Hast und Bereitschaft: „nichts, nichts.“ Ich sagte: „Ja, aber ihr grabt doch nicht für nichts und wieder nichts dort?“ Sie sagten dann, verlegen darüber hinweggehend, sie vergrüben einige eklige Sachen vom Krankenhaus. Nun sind in letzter Zeit oft Lumpen und Bettreste u(nd) dergl(eichen vom Krankenhaus allerorten ausgeschüttet und verbrannt. Aber in diesem Falle lag es auf der Hand, daß es sich um eine faule Ausrede handelte. Denn 1) wozu diese Heimlichkeit, 2) kam aus dem Loch, das zwar oben einigen Abfall harmloser Art zeigte, ein unverkennbarer Verwesungsgeruch. Und ein Tier würden sie schwerlich mit solcher Sorgfalt und Verschwiegenheit begraben. Außer diesem Loch, das sich direkt am Wasser befand, ist eines eine Strecke weiter östlich, so viel ich erkennen konnte, innerhalb unserer Grenzen. Dort hatten sie gerade angefangen zu arbeiten. Als nachts im Kleegarten gewässert wurde, beobachteten Choren und Krikor Folgendes: Vier Leute kamen mit Spaten an, von ihnen einer auf einem Lastpferd. Sie begaben sich nach der betr(effenden) Stelle; man hörte von weitem Geräusche von Steinen und dergl(eichen); nach einer Viertelstunde kamen sie zurück. Als sie an Krikor vorbeikamen, der eine Laterne trug, fragte ihn einer streng: „Warum hast du uns nicht gesagt, daß hier Menschen sind?“, worauf Krikor antwortete: „Ihr saht ja doch die Laterne.“ Nach alledem erscheint es uns sehr wahrscheinlich, daß die verstorbenen armenischen Gefangenen tatsächlich auf dem Feld begraben werden. Erschütternd, aber schließlich nicht unbegreiflich und den orientalischen Verhältnissen angepaßt. (…) (Seite 31)

23. Juni 1915 – Inzwischen sind sowohl Bardrjan als auch Nischan und andere Leute ins Gefängnis gesteckt, so daß es jetzt tatsächlich kaum noch freie Armenier hier gibt. (…) (Seite 35)

24. Juni 1915 – Um 11 1/2 Uhr begab ich mich zu Pferde nach dem an die Südwestecke unseres Grundstückes 11 (…) angrenzenden Choratagraben, an dessen Ausbesserung Garabed, Choren und Krikor arbeiten. Auf dem Rückweg ritt ich an den (…) Grabstellen vorbei und beobachtete an der westlichsten, daß seit gestern dort neue Erde aufgehäuft ist. Demnach scheint der Bericht unseres Gärtners (Türken), daß dort die Hunde die Leichen der armenischen Gefangenen ausscharrten, richtig zu sein. In dem zweiten Loch sah ich zu meinem größten Entsetzen, wie der Schädel und der noch mit verwestem Fleisch bedeckte Rücken eines Leichnams herausragte(n), offenbar von den Hunden – vielleicht auch den unseren mit – nachts herausgezerrt. Eine Stunde später saß ich mit Choren beim Mutessarif in der Wohnung, den ich sofort um eine geheime Unterredung in einer wichtigen Angelegenheit hatte bitten lassen. Ich erstattete genau Bericht über all meine Beobachtungen und hatte im Anschluß daran eine fast zweistündige Besprechung mit ihm über die ganze armenische Angelegenheit. Zunächst schickte er einen Saptieh an Ort und Stelle, der aber offenkundig bemüht war, die Sache zu beschönigen (es sei dort ein Pferd begaben und vielleicht einer aus dem Krankenhaus), weil er sicher mit in die Geschichte verwickelt war. Was ich alles mit dem Mutessarif sprach und was ich ihm erzählte, brauche ich ja nach allem Vorhergeschriebenen nicht mehr wiederzugeben; nur von seinen Ausführungen will ich wenigstens die wichtigsten Punkte festhalten. Was vor seiner Zeit passiert wäre, könne er nicht mehr ändern; er sage nicht, daß nichts Ungesetzmäßiges vorgekommen sei; er deutete sogar an, daß auf Betreiben von einigen reichen Leuten der Mutessarifstellvertreter manchem zum Sterben etwa nachgeholfen habe. Auf meine eindringliche Bitte, doch den armen Frauen wenigstens Nachricht zu geben über den wahren Verbleib ihrer Männer, ließ er fühlen, daß sie das nicht ändern könnten, weil die Sache eben nicht rein sei. Solange er auf seinem Posten stehe, verspreche er mir auf Ehre, daß nie derartige Ungesetzlichkeiten vorkommen würden. Die Gefangenen sollten auch jetzt die Erlaubnis haben, von Hause beliebig Betten und Essen sich schicken und sich besuchen zu lassen und auf dem Gefängnishof spazieren zu gehen. Freilassen könne er aber niemand, müsse eher noch mehr ins Gefängnis setzen, bis hier die verborgenen Bomben und Sprengmittel gefunden seien, an deren Vorhandensein gar nicht zu zweifeln sei. (…) (Seite 33 f.)

25. Juni 1915 – (…) Eben wollte ich Mustapha Agha besuchen, traf ihn aber unterwegs an dem Köschke des Mutessarif, wo ich etwas mit ihm sprach. Er sagte, in der Nacht seien, auf mein gestriges Einschreiten hin, die in den sechs Löchern begrabenen Leichen ordentlich bestattet. Es handele sich um mehr einhundert!! (…) Mustapha Agha behauptete auch sicher zu wissen, daß neulich eine Abteilung armenischer Arbeiter, welche am Tschiftlik zwischen hier und Tsoghlu am Euphrat, mit Straßenarbeiten beschäftigt waren, von den Seite 29 erwähnten entlassenen (türkischen; die Hrsg.) Gefangenen unterwegs aufgehoben, erschossen und ins Wasser geworfen seien. Wir hatten schon derartige Gerüchte gehört, aber nie ernst genommen. Allerdings wunderten wir uns gleich darüber, daß diese Leute sofort hier alle bewaffnet wurden, obwohl es Räuber und Mörder waren. Und Tatsache ist, daß von den betr(effenden) Arbeitern, die wo anders hingeschickt sein sollen, bisher keine Nachricht wieder gekommen ist. Unsere Nerven werden durch alle diese unheimlichen Begebnisse stark angegriffen; zudem sind wir und unsere Leute persönlich jetzt gefährdet. Wir müssen sehr vorsichtig sein. (…) (Seite 35 f.)

2. Juli 1915 – Das Grauenhafte, Entsetzlichste ist geschehen: Massaker. (…) Als ich beim Mutessarif war, kamen plötzlich alle Arbeiter (wohl 100 bis 200), die eben mit Eseln, Röhren, Werkzeugen u(nd) dergl(eichen) nach Indärä zu der Wasserleitungsarbeit gegangen waren, zurück. Kurze Zeit darauf wurden von hier Soldaten beobachtet, die nach Indära hinaufgingen, und ein Offizier zu Pferde, höchstwahrscheinlich der Gendarmeriekommandant. Diese seltsamen Vorgänge haben wir auch erst gestern verstanden. (…) (Seite 40 f.)

Da wir den Juli mit einem Besitz von 1,25 Piaster (ca. 30 Pfennig) angetreten haben und unser letztes Geld (übrigens von Choren geborgt) bei Garabed gewesen war, beschloß ich am andern Morgen, also gestern früh, zu Mustapha Agha (Bürgermeister) zu gehen und ihn zu bitten, uns fünf Ltq. zu leihen. Ich ging früh mit Choren und dem Saptieh und traf Mustapha Agha allein, so daß man einmal freier sprechen konnte. Nach den nötigen Eingangsgesprächen fragte ich, ob er nicht wüßte, wo Garabed wäre. Er wäre nach Mesereh geschickt, lautete die Antwort. Nachdem ich ihm alle meine Eindrücke erzählt hatte, sagte ich, wir hätten Sorge, daß etwas anderes geschehen sei. Darauf er: Sage es niemand anders, Garabed haben sie getötet, und nicht nur ihn, sondern in der vorigen Nacht 300, in der vergangenen 180. Alle nach Indärä gebracht und dort – ich mochte nicht fragen, ob erdrosselt oder abgeschlachtet; denn Schießen hätten wir gehört. Es muß sich um alle Gefangenen handeln, d(as) h(eißt) also um fast alle Männer, die überhaupt hier noch vorhanden waren. Morgens sind die dann dort alle vergraben. Ziemlich sicher ist auch Krikor darunter; es hatte schon geheißen, er würde „wo anders hin geschickt.“ Das scheint nach dem jetzigen Sprachgebrauch zu bedeuten „töten“, während „gehen“ sterben, d(as) h(eißt) auf gewaltsame Weise, heißt. (…) (Seite 42)

(…) Garabed soll übrigens besonders, in der Regierung, getötet sein. Er muß, wie jetzt herauskam, die letzten Tage schon Todesahnungen gehabt haben. (…) (Seite 43)

(…) Wir dachten auch viel über Mesereh nach. Wenn irgend möglich, wollten wir mit dem ganzen Haus nach Mesereh. Aber auf der Reise würden wir zweifellos überfallen; es ginge nur, wenn die Regierung uns hülfe und schützte. Das wird sie aber keinesfalls können und dürfen. Mustapha Agha nahm mir auch gleich jede Hoffnung; der Mutessarif werde uns nicht lassen; wir seien hier sicher. Übrigens soll es in Mesereh, Siwas, Erserum, Ersinghan, Cäsarea usw. gerade so zugehen wie hier. Es sei ein Befehl von oben, natürlich reiflich vorbereitet. Darum so lange schon kein türkischer Besuch mehr bei uns, darum die Seite 34/35 wiedergegebenen Worte des Mutessarif, (…) darum die eiligen Gefangensetzungen aller noch übrigen Männer und auch der Knaben, die der Mutessarif einmal frei gelassen hatte. Wie entsetzlich hat man uns betrogen und verraten, mit satanischer Bosheit und Schlauheit. Nicht die ganze Regierung, durchaus nicht; aber sie steht unter der Pöbelherrschaft. (…) Als dieser Mutessarif kam, war sicher die Sache unter dem Vertreter schon so weit geschürt, daß er nicht mehr gegen den Strom konnte. Vier, fünf Leute sollen alles geleitet haben. (…) (Seite 43 f.)

4. Juli 1915 – (…) Unter dem türkischen Volk sollen nach Habeschs Aussagen nur 80 Prozent mit den Maßregeln gegen die Armenier einverstanden sein. – In der vorigen Nacht um 1 1/2 Uhr hörten Choren u(nd) Sarah, wie zwei Wagen nacheinander (oder einer zweimal) nach dem Bergabhang fuhren, ganz offenbar wieder neue Ermordungen und Begrabungen. In einem solchen Wagen werden schwerlich unter 10 bis 20 Leichen gewesen sein. Das Töten soll jetzt zu Ende sein; nach unseren Erfahrungen also wohl mindestens 600 bis 700. Es sind übrig noch außer einzelnen etwa 40 Arbeiter, die Röhren für die Indäräwasserleitung machen. Die rechnen aber ganz bestimmt damit, daß sie nur noch so lange leben werden, als ihre Arbeit dauert. Aaron und Megrditsch Warbed sollen noch leben. – (Seite 48)

5. Juli 1915, 11 Uhr abends – Ehe ich heute früh, d(as) h(eißt) in der vergangenen Nacht, zu Bett ging, machte ich noch einmal den gewöhnlichen Rundgang auf der oberen Eiwa. Da hörte ich das unheimliche Knarren der Wagenräder auf dem Feld u(nd) begriff: Sie fahren von neuem Leichen nach den Grabstellen am Bergabhang. Nach etwa einer Viertelstunde kam das Geräusch wieder und verlor sich in den Obstgärten. Mihran hörte dann später noch einmal den selben Vorgang. Habesch hat gehört, es seien vier Katholiken getötet, in einem Wagen immer nur zwei Leichen gebracht. (…) (Seite 49) (…) Über Krikors Verbleib kursiert folgendes unkontrollierbare Gerücht: Er sei vorigen Dienstag Abend noch im Chan gesehen. Da seien zwei Gruppen aus den dort befindlichen Armeniern (Arbeitssoldaten) gebildet, die eine sollte hier die Wasserleitungsarbeit beendigen, die andere, der Krikor zugewiesen wurde, sollte wohin geschickt werden, um Weizen zu pflücken. Ein Saptieh hätte gesagt: Ich wundere mich, daß die Deutschen dich nicht aus unserer Hand haben befreien können. Diese Gruppe sei dann ins Gefängnis überführt und sei spät abends von neuem gesehen, wie sie von dort nach unbekanntem Ziel abgeführt worden sei, angeblich zur Erntearbeit. in Wirklichkeit aber wohl, um in Indära erdrosselt zu werden. Das war ja auch eine Ernte – des Schnitters Tod. Diese Einzelheiten sind wohl nur Legende. Aber als einziges, was wir hörten, wollte ich es doch festhalten. Abgesehen von all dem Grauenhaften, Unheimlichen u(nd) all dem Jammer, was fortwährend die Seele belastet u(nd) die Nerven in Aufruhr bringt, hat unser Herz am tiefsten verwundet dieser unsagbar gemeine u(nd) niederträchtige Verrat, den unsere „Bundesgenossen und Brüder“ an uns verübt haben, der Garabed u(nd) Krikor das Leben, uns die Arbeiter, an denen unsere Arbeit zum größten Teil hing, u(nd) vor allem jede Spur von Vertrauen zur Regierung u(nd) Ansehen u(nd) Achtung beim Volk gekostet hat. (…) Wir arbeiten mit unseren Leuten für dies Land u(nd) Volk, wir bieten allen unseren Einfluß auf zur Beruhigung des Volkes, wir geben uns Mühe, oben u(nd) unten als Zeugen der Wahrheit aufzutreten; der Dank ein doppelt tötlicher Schlag. Wir stehen als Verratene u(nd) als Verräter da. (…) (Seite 51)

7. Juli 1915 – (…) Die Nacht verlief ohne Zwischenfälle. Solange ich wachte, war gar nichts zu hören; nachher sind Geräusche gehört worden, als ob eine Menge Menschen nach Indära gegangen wäre. Doch kann das auf einer Täuschung beruht haben. (…) Um halb elf Uhr kam plötzlich Mustapha Agha, der Bürgermeister. Von dem konnten wir noch Folgendes erfahren: Er gibt die hier in den letzten 15 Tagen getöteten Armenier auf über 2000 (zweitausend) an. Die meisten habe man in Indära begraben (aus Furcht vor uns nicht mehr hier oben am Bergabhang), etwa 150 am Tasch däpä, 250 an der Kundebeg-Seite. Der Mutessarifstellverteter, Kaimakan von Arrha, habe die Hauptschuld. Zu seiner Zeit seien schon eine ganze Reihe in der Regierung mit Schlägen und Striemen ums Leben gebracht! (…) Jetzt sei einer der Hauptmacher – Haschim Beg u(nd) seine Söhne (…). Der Mutessarif (…) habe nichts dagegen machen können; alles sei in Händen von vier, fünf Leuten. Jetzt arbeite er noch immerfort daran, daß die Frauen hier bleiben dürften. Übrigens hatte uns neulich Haschim Beg, als er (…) mit seinem schwarzen Adoptivsohn, einem schlechten Menschen, hier war, gesagt: Wenn solche Sachen (d.h. Metzeleien) passierten, so würde es ja durch Vermittlung eines Großen, wie z(um) B(eispiel) meiner, geschehen!! – Es sei übrigens auch vom Minister in Konstantinopel Befehl gekommen, gegen die Armenier vorzugehen. So sei es in vielen Städten ebenso gegangen wie hier, unter) a(nderem) auch in Diarbekir. In Mesereh habe es der Wali nicht zugelassen. Der habe die Armenier, Männer u(nd) Frauen, nach Urfa abgeschickt über hier, an den hiesigen Mutessarif telegraphiert, daß er Leute entgegenschickte. Dieser habe geantwortet: Er hätte keine zuverlässigen Leute. Als sich Mustapha Agha angeboten hätte, hätte ihn der Mutessarif nicht gelassen. Überhaupt ist Mustapha Agha wegen seiner Christenfreundschaft als „Gjaur“ verhaßt u(nd) gefährdet. Heute waren 200 armenische Frauen bei ihm gewesen. Er hatte ihnen geraten, sie sollten sich weigern zu gehen. – Verbannte aus Siwas seien massenhaft in den Tochmassu, Nebenfluß des Euphrat, drei Stunden von hier, geworfen. Leere Wagen seien dann viele in der Nacht hierher gekommen. (Wir hörten vorgestern Nacht übrigens auch das Geräusch vieler Wagen von der Siwasstraße her). So würde es noch vielen gehen. – Das Pferd des getöteten (…) Stadtarztes hat Mehmed Beg jemandem in Mesereh zum Geschenk gemacht. Das des katholischen Bischofs, der in der Nacht getötet wurde, hat man Mustapha Agha gegeben; er kam heute darauf geritten. Der Mollah, der zum Parlament gehört (???), u(nd) der schon oft u(nd) sehr freundschaftlich hier war, verbreitet die Ansicht, die Ware der getöteten Armenier gehöre von Rechts wegen den Türken. Der Mutessarif soll vergeblich dagegen ankämpfen. (…) Mustapha Agha fragte: „Schreitet denn Europa gar nicht dagegen ein? Steht so etwas denn in Eurem oder in unserem Buch? Wenn gefragt wird, hier steht die ganze Wahrheit geschrieben,“ – dabei zeigte er auf sein Herz, – „ich fürchte nicht.“ (…) (Seite 53 f.)

8. Juli 1915 – (…) Zu der oben gegebenen Bemerkung noch eines, was auch heute Makruhi erzählt wurde: Von den Arbeitern, die in Tschiftlik arbeiteten, sind bereits welche aus dem Chan ins Gefängnis überführt worden! Wie entsetzlich, wenn man sich all die Leute vorstellt, denen nichts ferner lag als politische Umtriebe, mit denen wir verkehrten u(nd) die wir stets beruhigten, daß ihnen gerade in dieser Zeit keine Gefahr drohen könne, wie Bardrjan, Micael Eff(endi) u(nd) Sohn, Gabriel Eff(endi), der sein ganzes Leben unermüdlich als Rechtsanwalt im Dienste der Regierung gearbeitet hat, der Badwelli, dessen größtes Anliegen war, die Leute in dieser Zeit der Not zu Gott zu führen u(nd) zum Beten anleiten zu können, der noch dicht vor seiner Verhaftung gern mit uns darüber gesprochen hätte, ob man nicht den Gefangenen Gottes Wort bringen könne; aber auch Chosroff Eff(endi), Nischan u(nd) viele andere hatten keinesfalls todeswürdige politische Vergehen begangen. Diese Leute wurden nun alle ins Gefängnis gesperrt und nachts irgendwo erwürgt u(nd) verscharrt. Man kann’s nicht fassen. – Ganz unbegreiflich ist uns, daß wir all das nicht vorausahnten. (…) Wir sind aber dankbar, daß wir es nicht geahnt haben u(nd) meinen, Gott habe unsere Augen gehalten. Denn hätten wir es gewußt, so hätten wir wohl unser Leben für das der Armenier einsetzen müssen – u(nd) aller Wahrscheinlichkeit nach vergeblich. (Seite 56 f.)2. Deportierte aus Siwas und Mesereh/Charberd; Vorbereitung der Deportation aus Malatia

2. Juli 1915 – (…) Gestern Nachmittag kam Haschim Beg, unser Nachbar. (…) Das einzige, was er sagte, war: Die Armenier würden alle in die Urfaer Gegend in Verbannung geschickt. Wenn sie ganz durchgeführt wird, übrigens eine unsagbar grausame – und unnötige – Maßregel. (…) Aber die Ausführung der Strafe entspricht ganz dem sittlichen und intellektuellen Tiefstand des Landes und erscheint in einzelnen Fällen als unendlich grausam und willkürlich. Es muß auch deshalb entschieden Massaker genannt werden, wenn auch im Gegensatz zu dem von 1895/96 in der Form eines Justizmordes großen Stils, der vor der Öffentlichkeit als patriotische Notwendigkeit hingestellt und mit dem Beispiel der Deutschen in Belgien gedeckt wird, mit kaum einem Fünkchen Recht. – (Seite 44 f.)

4. Juli 1915 – (…) Es ist im Markt ausgerufen worden, daß binnen vier Tagen die ganze armenische Bevölkerung nach Urfa in Verbannung geschickt wird. Wenn diese Maßregel in vollem Umfange durchgeführt werden wird, liegt darin ein Elend enthalten, das nur der einigermaßen ermessen kann, der im Orient gelebt hat. Soll es eine Strafe sein, so wäre die unendlich grausam u(nd) willkürlich. (…) (Seite 46)

5. Juli 1915 – (…) Was die Regierung mit all den Kranken, Siechen, Gebrechlichen usw. vorhat, ist uns unklar. Kinder, die hier bleiben, will die Regierung in die Schule schicken; es wurde ausgerufen, wer ein Kind aufnehmen wolle, solle sich melden!! (…) (S. 51)

8. Juli 1915 – (…) Vormittag kamen die Frau u(nd) Mutter des protestant(ischen) Schneidermeisters Avedis. Sie sagten, alle Armenier hätten Gift bei sich, um sich, falls sie wirklich geschickt würden, gleich zu vergiften. „Wir wollen Christus nicht verleugnen.“ Das klingt sehr schön nach Märtyrertum, verliert aber sehr, wenn man bedenkt, daß die ganze Sache mit dem Christentum gar nichts zu tun hat. Denn die Türken verlangen gar nicht, daß die Armenier Muhammedaner würden. Damit will ich natürlich nicht ableugnen, daß bei dieser unmenschlichen Durchführung eines zunächst rein politischen Strafverfahrens gegen ein gefährliches u(nd) verdächtiges Volk auf Grund vom Kriegsgesetz bei einigen Machern auch religiöser Fanatismus eine große Rolle gespielt hat, der dann das Kriegsrecht als Maske benutzte. Aber denen kommt es nicht auf Zwangskonvertierung der Armenier, sondern auf ihre Vernichtung an. Eine große Rolle scheint mir auch zu der Gesichtspunkt zu spielen, daß einige Große hier, wie z(um) B(eispiel) Haschim Beg u(nd) Söhne, sich an der Habe der getöteten Armenier bereichern wollen – auch eine Art Kriegsbeute!! – Übrigens scheint neuerdings Hoffnung vorhanden zu sein, daß die Abwanderung unterbleibt. Das wäre ein großer Segen. Denn namenloser Jammer würde entstehen, wenn all die Kranken, Schwangeren, Gebrechlichen ohne jede Verpflegung, stets mit Todesangst, jetzt weggeschickt würden. Am Tochmassu sollen Tausende von Verbannten aus der Siwas- und Erserumgegend in furchtbarer Not herumliegen. Türkische Frauen ängstigen nun auch die Armenier vielfach: „Da und dort ist ein tiefer Brunnen gebraben, da werdet ihr alle hineingeworfen“ usw. – Die Regierung fordert von vielen jetzt Unterschriften, ohne zu sagen, wofür. Wir wissen nicht, was das zu bedeuten hat (…). (…) (Seite 55)

9. Juli 1915 – (…) Heute früh sahen wir wieder etwa einhundert Armenier aus Mesereh ankommen, die sich eine Zeitlang zwischen uns u(nd) Haschim Beg(s Grundstück; die Hrsg.) an der Hecke lagerten, mit viel Büffelwagen, Kühen, Eseln u(nd) sonstigem Hab u(nd) Gut kamen sie in kleinen Gruppen an, von Saptiehs u(nd) bewaffneten Kurden begleitet. So weit wir es von weitem beobachten konnten, machte alles keinen Eindruck von besonderer Not. (…) (Seite 57)

10. Juli – (…) Wie jetzt nach Beseitigung der Armenier hier das ganze Handwerk darniederliegt, dafür nur ein Beispiel: Wir wollten heute den Henkel einer Gießkanne löten lassen. Das ist nicht möglich, da es keinen Klempner mehr gibt in der ganzen Stadt! (…) (Seite 58) (…) Heute nachmittag ging ich zum Mutessarif. (…) Er scheint alles besonders dem Stellvertreter in die Schuhe zu schieben. Auf meine Frage bezügl(ich) der hier noch vorhandenen armenischen Arbeiter erklärte er, für deren Leben bestehe keine Gefahr (?); auch hätte er gebeten, daß die wegen der hier nötigen Arbeiten nicht nach Urfa brauchten. (…) Ob die Bomben- und Pogromgeschichten (der Waner „Aufstand“; die Hrsg.) auf Wahrheit beruhen oder etwa Fälschungen der Macher sind, die das ganzeVorgehen gegen die hiesigen Armenier legitimieren sollen – gefunden sind trotz aller Nachforschungen keine Bomben – wird schwerlich jemals bekannt werden. Möglich ist beides. (…) Andererseits war hier seitens der Armenier nichts vorgefallen, das für die Regierung Grund zu Besorgnis hätte geben können. Die Maßregel der Verbannung hätte vollauf genügt, im Notfall noch einige standrechtliche Erschießungen nachweislich Schuldiger, die hier meines Wissens gar nicht gefunden sind. Die hier stattgehabten Vorgänge können auch nicht etwa als ein unzähmbarer Ausbruch der Volkswut, als eine Konzession an leidenschaftlichen Volkswillen aufgefaßt werden, denn davon war nichts zu spüren; sondern es handelt sich zweifellos um einen meisterhaft organisierten, längst vorbereiteten Massenjustizmord, den einige wenige Beamte auf dem Gewissen haben. Und man darf oder muß doch wohl annehmen, daß von oben wenn auch kein offener Befehl, so doch absichtlich zweideutige Weisungen gekommen sind, die eben den betr(effenden) Machern genügend Spielraum ließen. Ob nicht doch die ganze Waffeneintreibung schon unter diesem Gesichtspunkt stand? (…) (Seite 60 f.)

11. (Juli 1915), abends 10 1/2 – Aaron Warbed war heute morgen hier, sprach aber glücklicherweise u(nd) verständigerweise keine Bitte aus. Es seien noch etwa 12 armenische Arbeiter hier, außerdem noch in den einzelnen Viertel einzelne alte Männer u(nd) Jünglinge, die, wo man sie greift, auch als Arbeiter geschrieben werden. Auch Senerkerim Vorperian, Nischans Bruder, sei noch zu Haus u(nd) von seiner Krankheit einigermaßen wieder hergestellt. Was mit all den anderen Männern geworden ist, darüber kursieren immer noch nur Mutmassungen u(nd) Gerüchte im Volk, wenn auch ziemlich bestimmte. Die Seite 37 erwähnten, vom Mutessarif freigelassenen Knaben waren ja, wie ich schon schrieb, hinter seinem Rücken schnell wieder gefangen gesetzt, dazu andere; u(nter) a(nderem) auch Neffen Aaron Warbeds. Dieser ging in der Sache den Mutessarif an, welcher dann bereitwilligst die Sache untersuchen wollte u(nd) Aaron Warbed beauftragte, am folgenden Morgen Wahub Effendi, den türkischen Vorgesetzten der Arbeitergruppe, zu ihm zu schicken mit der Liste der betr(effenden) Knaben. Letzterer brachte dann Aaron Warbed folgenden Bescheid, man weiß leider nicht, wie weit als Antwort des Mutessarif(s) u(nd) wie weit von sich aus. Es sei sehr zu bedauern, daß Aaron Warbed nicht einen Tag eher gekommen sei, denn nun seien die Knaben nicht mehr da. Als Aaron Warbed dann bat, ihm offen zu sagen, ob sie denn noch lebten oder was mit ihnen sei, sagte er, es seien 150 Personen, die ihrer Schuld überführt seien, enthauptet, die übrigen 500 nach Urfa abgeschickt worden. Die Knaben seien gewiß unter den letzteren, u(nd) wenn erst die Liste der in Urfa Angekommenen hier eintreffe, könne man sich ja weiter bemühen. Dazu ist Folgendes zu bemerken:
1) befindet sich hier unseres Wissens kein zuständiges Kriegsgericht, welches in der Lage gewesen wäre, die erwähnten 150 Personen abzuurteilen
2) warum sind sie, wenn es sich um ein gesetzmäßiges Verfahren handelt, nicht öffentlich standrechtlich erschossen worden?
3) halten wir es für gänzlich ausgeschlossen, daß hier 150 todeswürdige Verbrecher gewesen sein sollen, wie ja auch kein direktes Vergehen nachgewiesen und bekannt geworden ist.
4) warum sind Namen u(nd) Schuld der Hingerichteten nicht bekannt gegeben?
5) wenn die erwähnten 500 Mann wirklich nach Urfa geschickt sind, warum dann diese Heimlichkeit? Ganz unmotiviert Männer u(nd) Knaben aus den Häusern u(nd) Straßen abzufangen u(nd) nachts „nach Urfa zu schicken“, ohne daß irgend jemand erfährt, was aus ihnen geworden ist, das kann doch unmöglich gesetzmäßig sein u(nd) wirkt in höchstem Maße verdächtig.
Wir können es uns nicht anders erklären, als daß die „nach Urfa Abgeschickten“, wie sich später herausstellen wird, leider unterwegs verstorben sind, d(as) h(eißt) mit Hilfe der begleitenden Saptiehs, oder daß sie „entflohen“ sind, d(as) h(eißt) ihre Seele! Alles ein satanisches Spiel, äußerlich tadellos, in Wirklichkeit ein furchtbarer Greuel, dem man aber schwerlich wird auf die Spur kommen können.
Hoffentlich war die Antwort Wahub Eff(endi)s nicht vom Mutessarif inspiriert, denn es wäre uns schwer, wenn auch der so löge; u(nd) andererseits ist es doch kaum anzunehmen, daß er nicht wissen sollte, was dieses „nach Urfa schicken“ der Männer bedeutet.
(…)Im Volke spricht man, es kämen dieser Tage 7000 Armenier aus Mesereh hier durch. – (Seite 62 f.)

12. Juli (1915) Vormittag – Vorhin sahen wir sie kommen, ein ganzes Heer auf einmal, nach meiner Schätzung etwa zweitausend. Vorne einige Jailen (Reisewagen), dann sehr viele Esel u(nd) sonstige Lasttiere, die Leute meist reitend, z(um) T(eil) nebenhergehend, Männer, Frauen u(nd) Kinder an Zahl im normalen Verhältnis zueinander, Bettzeug u(nd) sonstige Habe bei sich, auch Büffel- und Ochsenwagen voll Sachen, begleitende Saptiehs u(nd) Soldaten in genügender Menge, u(nd) doch nicht so viel(e), daß sie etwa eine Gefahr für das Volk bildeten könnten, kurz: alles so weit wir es sehen konnten in bester Ordnung. Kein großer Lärm, kein Schreien oder Klagen. O wenn doch hier auch alles so geworden wäre! Aber wenn sie von hier weggehen, werden es nur Frauen u(nd) Kinder sein. (…) (Seite 63 f.)

(…) Nach den Nachrichten, die Habesch u(nd) Mahmud heute Abend aus der Stadt mitbrachten, handelt es sich um achthundert Häuser, also mindestens drei- bis viertausend Personen, u(nd) zwar nicht nur Mesereh selbst, sondern aus umliegenden Dörfern. Für die Nacht sind die Männer in der Kaserne, die Frauen in der benachbarten türkischen Schule untergebracht worden; morgen in aller Frühe sollen sie weiterziehen. Bis hierher sollen sie zehn Tage gebraucht haben (für einhundert Kilometer!); die meiste Schwierigkeit bereitet ja das Übersetzen über den Euphrat. 150 Saptiehs sollen mitgekommen sein. Als die Leute hier gezählt wurden, sollten drei Mädchen gefehlt haben. Der betr(effende) Offizier soll dann sehr streng befohlen haben: Bis Morgen werdet ihr die finden. Das Gerücht ist da, als seien die in dem Gedränge des Übersetzens ins Wasser gefallen. Das wäre an sich gut möglich; nur würde es befremden, daß dies niemand bemerkt haben sollte. (…) Vorhin beobachteten wir auf der Siwasstraße, von der Siwasser Seite her kommend, viele Büffelwagen u(nd) etwa ein- bis zweitausend Menschen, sicher auch Armenier von der Seite. (…) (Seite 63 f.)

16. Juli 1915 – (…) Heute früh war ein armenischer Töpfer hier, der uns für eine kleine Arbeit bereitwilligst zur Verfügung gestellt worden war. Er behauptet, die aus Mesereh Gekommenen seien unterwegs beraubt, hier seien ihnen alle Sachen abgenommen. Die Männer seien alle vorausgeschickt, um unterwegs getötet zu werden. So werde es allen gehen. (…) (Seite 66)

Veronika (die Frau von Dr. Micael; die Hrsg.), die übrigens nüchtern und sachlich sprach u(nd) keine Schauergeschichten u(nd) Sensationsnachrichten brachte, sagte noch Folgendes aus: Armenische Frauen, welche hier, wie sie eben, durch den Markt gehen, werden in keiner Weise behelligt. Auch nachts wird in den Häusern nicht mehr geraubt. Von Wegsendung der hiesigen weiblichen Bevölkerung soll vorläufig abgesehen werden. Der Mutessarif hätte ein Bittgesuch, welches sie mit anderen Frauen ihm in der Regierung überreicht hätte, sehr freundlich u(nd) gerührt u(nd) tief bewegt entgegengenommen. Auch Mustapha Agha täte sein Möglichstes. Viele armenische Frauen haben in Türkenhäusern, z(um) B(eispiel) bei Arab Osman, Unterkunft gefunden. Die Frauen aus Siwas, welche im Markt in einer Schule untergebracht waren, seien eben weitergeschickt; nach Habeschs Aussage auch die aus Mesereh, deren Männer neulich gleich in der folgenden Nacht weitergeschickt sein sollen, nach allgemeiner Annahme offenbar, um auch unterwegs getötet zu werden. Kinder aus Siwas, die hier belassen wurden, um in eine türkische Schule geschickt zu werden, wurden freigelassen, um in den Straßen Brot zu betteln. Der Mutessarif sei übrigens in der Schule gewesen, um ihnen Brot verteilen zu lassen. Neun Wagen voller Kinder seien aus der Siwasser Gegend heute angekommen, die aussagten, sie seien unterwegs von ihren Eltern getrennt worden, um hier in die Schule geschickt zu werden; was aus ihren Eltern geworden sei, wissen sie nicht. Von den aus Mesereh Entsandten seien sieben (oder zwölf) vom Wali zurückgerufen worden, wahrscheinlich, um dort gehängt zu werden.

Andere mehr oder weniger kontrollierbare Gerüchte hörten wir noch mehr. Es verstärkt sich uns von Tag zu Tag der Verdacht, daß es sich um eine ganz allgemeine, hinterlistige Vernichtungspolitik gegen die Armenier handelt. Der äußere Schein tadellos: gesetzmäßige Aburteilung der Aufruhrstifter, Verbannung der übrigen Bevölkerung nach Urfa. Möglichst viele von den Männern tötet man heimlich unterwegs oder noch an Ort und Selle, die Frauen läßt man i(m) a(llgemeinen) leben, d(as) heißt) verkommen, die Kinder desgl(eichen), oder man macht sie zu Türken. Nachher heißt es dann: Soviele Armenier wir sammeln konnten, sind in Urfa. Wie viel(e) es sein müßten, wer will das kontrollieren? Die Türkei wird versuchen, wie viel sie sich Deutschland gegenüber erlauben darf, wie sehr sich Deutschland täuschen läßt, u(nd) wir fürchten, daß sie da mit wachsendem Erfolg auf eine aus Freundschaft schwache, in falscher Weise nachsichtige deutsche äußere Politik spekulieren wird. (…)

Die ganze Anlage der Armenierverfolgung ist jetzt noch satanischer als 1895/96. Wir hoffen ja immer noch, daß wir zu schwarz sehen. Doch haben wir bisher immer zu weiß gesehen u(nd) sind jedesmal in der grauenhaftesten Weise getäuscht worden. Die Gründe mögen triftig gewesen sein, das Schuldkonto der Armenier groß – obwohl sicher das meiste von der Regierung willkürlich aufgebauscht und verallgemeinert wird -, daß unmenschliche Grausamkeiten u(nd) Gesetzwidrigkeiten vorgekommen sind u(nd) vorkommen, kann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Vertritt dem gegenüber nicht die deutsche Regierung mit äußerster Kraft u(nd) Strenge den Standpunkt des Rechtes, so ist es um das Ansehen sowohl Deutschlands, als auch des Christentums geschehen u(nd) die Schäden sind gar nicht abzusehen.

Frauen im Chan sollen auch erzählt haben, in Siwasser Dörfern hätten Frauen die Stellen gezeigt, wo die Männer die Gewehre vergraben hätten, darauf seien diese angesichts ihrer Frauen erschossen worden u(nd) die Frauen in die Verbannung geschickt. Dagegen läßt sich ja nichts sagen. (…) (Seite 66 f.)

17. (Juli 1915), Mittag – (…) Um uns äußerlich gegen den unerträglichen Geruch möglichst zu schützen, haben wir die Taschentücher voll Eau de Cologne u. werden abends immer karbolgetränkte Handtücher vor die Schlafstubenfenster hängen. Ob der Geruch aus Indärä kommt oder von den Schützengräben am Bergabhang, wissen wir nicht. In Indärä muß es sich um Hunderte, am Bergabhang um Dutzende von Leichen handeln, vielleicht aber auch um Hunderte. (…)

Sonntag, 18. (Juli 1915), Mittag – Gestern Abend 6 Uhr beobachteten wir von der Eiwa aus, wie – nach meiner Schätzung etwa zweitausend – Leute mit Lasttieren u(nd) Büffelwagen in geordneten Zügen, begleitet von Saptiehs u(nd) „Baschy Bosuk“, d(as) h(eißt) irregulären Soldaten, von der Siwasstraße den Feldweg herüberkamen auf den Acker an der Meserehstraße vor dem türkischen Friedhof, welche nördlich an unser Grundstück angrenzt. Choren behauptete, sie sicher als armenische Dorfleute aus der Siwasser Gegend erkennen zu können. Es waren gemischt Männer, Frauen u(nd) Kinder. Wir meinten, sie würden sich hier sammeln, wie die Leute aus Mesereh neulich in der Kaserne u(nd) in der Schule übernachten u(nd) dann nach Urfa weiterziehen. Zu unserem größten Erstaunen setzten sich dagegen die Volksmassen nach kurzer Zeit in der entgegengesetzten Richtung in Bewegung, d(as) h(eißt) nach Mesereh zu; eine Menge Betten ließen sie zurück, bei denen eine Wache zurückblieb. (…) Das Ablenken des Zuges nach Mesereh erschien im höchsten Maße verdächtig. Denn schwerlich wird man die Mesereher Bevölkerung über Malatia nach Urfa schicken u(nd) die Siwasser über Malatia-Mesereh. (…) Als vorhin um neun Habesch zum Markt gehen sollte, sagte ich ihm, er solle zu erfahren suchen, wohin die Leute gestern Abend gegangen u(nd) warum die Betten zurückgeblieben wären. Darauf gab er zögernd nach u(nd) nach folgenden Bescheid: „Wozu sollte ich fragen, was doch jeder weiß. Nicht weit hinter dem Jechl Chan (ein ca. 2-300 Meter hoher Hügel nördlich der Meserehstraße, 1/2 Stunde von hier) ist ein großes Grab gegraben; dort werden sie alle ‚verloren‘.“ Die Betten u(nd) sonstiges Hab u(nd) Gut haben die Leute vielfach hier fortgeworfen, weil es ihnen ja doch nichts mehr nützte. Aus Siwas seien viertausend Familien abgeschickt, hier angekommen seien davon fünfhundert. Unterwegs würden sie immer in Gruppen geteilt u(nd) ab u(nd) zu eine von ihnen umgebracht, u(nd) zwar auch Frauen u(nd) Kinder.

Wir blieben still, ab u(nd) zu seufzend, völlig niedergeschlagen sitzen, denn wir müssen das alles voll glauben nach dem, was wir selbst beobachtet haben. (…) (Seite 69 f.)

(…) Sicher sind gestern Abend zwischen 10 u(nd) 11 die vielen Baschy Bosuk dem Zug nachgesetzt, weil die Begleitmannschaften allein das Abschlachten so großer Mengen nicht schaffen konnten. Und wir, die „Bundesgenossen u(nd) Brüder“ der Türken, müssen das vor unseren Augen geschehen lassen! (…) (Seite 70) Inzwischen kam Veronika wieder. Es hieße, morgen würde auch die Bevölkerung von Malatia geschickt (sie schien nur zu ahnen, was dieses „Schicken“ bedeutet). Auch die in türkischen Häusern Verborgenen würden herausgeholt. Sie würde schon gehen, aber was dann aus ihrer alten, fast blinden Muter werden sollte? (…) Alles Hab u(nd) Gut der Armenier sei als Eigentum der Regierung erklärt worden; tatsächlich sollen den Armeniern aus Mesereh hier alle ihre Reichtümer an Geld u(nd) Schmucksachen abgenommen worden sein. Die Kinder aus Siwas sind noch in der Schule u(nd) bekommen je nach Alter ein oder zwei kleine Brote pro Tag, völlig unzureichend. – Auch sie wußte, daß unterwegs u(nd) hier die Züge immer in kleinere Gruppen verteilt u(nd) nach verschiedenen Richtungen geschickt werden.

Der oben erwähnte Gesichtspunkt erscheint mir für das Verständnis des ganzen Verfahrens äußerst wichtig: Die Regierung hat nicht nur unter dem Vorwand einer strategischen Notwendigkeit eine vorzügliche Gelegenheit, die „armenische Frage“ endlich einmal radikal zu lösen, sondern befreit sich so von allen Finanzschwierigkeiten, die der Krieg mit sich bringt. Für die Elenden, die übrig bleiben, können ja die deutsche Missionare später sorgen, wozu man ihnen nach einigen Schikanierungen großzügigst Erlaubnis geben wird, u(nd) den durch Beseitigung der Armenier vernichteten Handel u(nd) Wandel wieder in Gang zu bringen, dazu sind dann auch die Deutschen gut genug. Wenn die Türkei uns dann nicht mehr nötig hat, bekommen wir einen Fußtritt u(nd dürfen gehen. Religiöse Motive werden in der anti-armenischen Vernichtungspolitik zwar bei den das Feuer schürenden religiösen Behörden mitspielen; im Volk ist davon aber nichts zu spüren. Das Ganze ist ist eine politische Maßregel. Griechen u(nd) Syrer z(um) B(eispiel) werden geschont, u(nd) Deutsche sind jetzt höchstens als lästige Zeugen in Gefahr. Im Volk ist vielfach wohl die Stimmung verbreitet, die Deutschen seien Mohammedaner geworden oder ständen im Begriff, es zu werden. Ist die deutsche Regierung nicht äußerst vorsichtig u(nd) vor allem stark u(nd) streng der Türkei gegenüber, so stehen hier auch für Deutschland Katastrophen bevor. (…) (Seite 70 f.)

20. Juli 1915 – (…) Viele achtbare armenische Frauen sollen versuchen, durch Übertritt zum Islam sich vor der Verbannung zu schützen. Doch bezweifeln wir sehr, ob die Regierung das annimmt. Denn es kommt ihr nicht darauf an, Proselyten zu machen, sondern politisch hinderliche Bevölkerung unschädlich zu machen. Gestern Nachmittag kam Veronika wieder. Es sei ausgerufen, die Armenier sollen all ihre etwa noch nötigen Geschäfte schnell erledigen. Sie bat nun wieder flehend um einen Rat betr(effs) ihrer alten Mutter. Wir schickten sie zur Mutessarifin, die sie freundlich empfing, lange mit ihr sprach u(nd) ihr Möglichstes versprach.

Heute sind wieder viele Armenier angekommen. Im Markt ist deswegen sehr schwer etwas zu bekommen, weil die alles aufkaufen. Übrigens sind die Marktpreise jetzt unerhört teuer. Sachen wie Gurken z(um) B(eispiel) verkommen wahrscheinlich massenhaft in den Dörfern, u(nd) es ist niemand da, der sie zum Markt bringt. (Seite 76)

21. Juli 1915 – (…) Nachmittag(s) kamen wieder ein- bis zweitausend Armenier von der Siwasseite mit Büffelwagen u(nd) lagerten an der Straße. Um 3 badeten wir, u(nd) während wir dabei waren, kam Makruhi ganz aufgeregt angelaufen u(nd) rief draußen: Die Amerikaner aus Siwas kommen als Kriegsgefangene! Wir machten uns schleunigst fertig u(nd) fanden tatsächlich wenigstens ein amerikanisches Fräulein aus Siwas, Miss Graffen, mit einer alten Predigerfrau im Wohnzimmer, zwar kam sie nicht als Gefangene, sondern ganz freiwillig begleitete sie die Armenier aus Siwas nach Urfa, um zu sehen, ob alles gut abgeht u(nd) darüber zu berichten u(nd) um ihnen unterwegs in Krankheiten u(nd) allen Nöten beizustehen. Ein gefährliches Unternehmen u(nd) voller Schwierigkeiten u(nd) schwerster Entbehrungen, aber höchst dankenswert u(nd) wertvoll. Dazu gehört großer Mut u(nd) Opfersinn u(nd) Weisheit. Uns war es eine Wohltat, die außer uns wohl niemand ermessen kann, mit einem Menschen ihresgleichen über alles sprechen zu können u(nd) über andere Regionen u(nd) die ganze Praxis der Verbannung genauere Nachricht zu bekommen. Ich will versuchen, das, was wir von Miss Graffen erfuhren, wenigstens in den Hauptsachen u(nd) möglichst geordnet wiederzugeben. (S. 76 f.)

22. Juli 1915 – Zunächst die Haltung der Regierung u(nd) ihre armenische Politik. Infolge der Übertritte verschiedener Armenier, auch aus dem Inneren, meist solcher, die sich durch Bedell (Lösegeld) vom Militärdienst befreit hatten, zu den Russen, infolge der Aufstände in der Wangegend u(nd) ähnlicher Vorkommnisse, endlich auf Grund der Tatsache, daß in vielen Landesteilen Vorbereitungen zu einem bewaffneten Aufstand zur Hilfe der eindringenden Russen gegen die osmanische Regierung aufgedeckt worden sind, wurden folgende Maßregeln ergriffen, wie fast alle befragten Beamten u(nd) Kundigen aussagen: Die Angehörigen revolutionärer Parteien wurden teils verbannt, teils zum Tode verurteilt. Dieses Töten geschah aber fast nie öffentlich, sondern in der Form, daß gruppenweise Leute zur Arbeit geführt wurden, deren Führer eine bestimmte Anzahl auf einer Liste angegebener Personen unterwegs „verlieren“ sollten. Neuerdings ist ja Befehl gekommen, daß die gesamte armenische Bevölkerung nach Urfa, z(um) T(eil) offenbar auch nach Mossul, nach anderen Aussagen nach Mesopotamien verbannt werden soll. Es sind wiederholt strenge Befehle gegeben worden, daß niemand seine Hand an Eigentum u(nd) Leben der Armenier legen darf. Tatsächlich sind wiederholt Kurden erschossen worden, die sich nach der Seite hin vergangen hatten. Für die glückliche Durchführung der Riesentransporte u(nd) die Verpflegung unterwegs wird offenbar nach Möglichkeit gesorgt, nur daß die Möglichkeit unter den jetzigen Umständen fast nie vorhanden ist. Die ganze Haltung der Behörden erscheint korrekt. Angesichts der in der Tat schwierigen Lage den Armeniern gegenüber u(nd) der Russengefahr mußte auch alles überstürzt u(nd) konnte nicht so vorbereitet u(nd) organisiert werden, wie es sonst vielleicht geschehen wäre. Nur ein Zweifel kommt uns: Wenn die Regierung nicht, wenigstens in der ersten Zeit, absichtlich etwas Spielraum gelassen hätte, so hätten einzelne Lokalbehörden schwerlich gewagt, so vorzugehen, wie sie z(um) B(eispiel) hier getan hat, d(as) h(eißt) immer einzelne Beamte oder einflußreiche Privatpersonen. – Es wird ja hier immer gesagt, daß alles im Auftrage der deutschen Regierung geschehe. Dem gegenüber war es uns interessant u(nd) beruhigend zu hören, daß viele unter den deutschen Offizieren an der Kaukasusfront sehr entrüstet wären über manche Maßregel gegen die Armenier, obwohl andere, z(um) B(eispiel) Postelt Pascha  (17), diese am liebsten alle beseitigt sehen möchte(n). Frl. (Fräulein) v(on) Wedel, eine Norwegerin, u(nd) SCHw(ester) Eva Elbers  (18), früher in Marasch, dann Kurdenmissionarinnen, zuletzt im Roten Halbmond in Erserum u(nd) dann in Ersinjan, hatten dort manches gehört u(nd) gesehen, z(um) B(eispiel) auch, wie Türken armenische Frauen u(nd) Mädchen unter sich verteilten, hatten dann Widerspruch erhoben. Daraufhin wurde ihnen bedeutet, wenn sie nicht binnen zwei Tagen abreisten, würden sie ins Gefängnis gesteckt. Es war nur gut, daß man sie nach Konstantinopel abreisen ließ, übrigens unter strenger Bewachung, wo sie, wie Miss Graffen hoffte, einen wirksamen Bericht beim deutschen Botschafter erstattet hätte(n). – Das armenische Volk habe in Siwas selbst alle Waffen ausgeliefert, Bomben od(er) dgl. (dergleichen; die Hrsg.) seien nicht gefunden, sonstige Verschwörungen auch nicht entdeckt worden. Dagegen die in Wan vorgekommenen Metzeleien unter den Türken, die Kämpfe zwischen Armeniern u(nd) Türken in Karahissar u(nd) dgl. (dergleichen) sind allgemein bekannt, u(nd) es kann nicht verwunderlich erscheinen, daß man den Armeniern nun auch an anderen Orten nicht mehr traut, auch wo sie sonst friedlich sind. Geheime Vorbereitungen für die Zeit der Vernichtung der Türkenherrschaft, mindestens die entsprechenden Wünsche u(nd) Hoffnungen, sind wohl im ganzen armenischen Volk verbreitet gewesen. Aber darum etwa das ganze Volk als ein Volk von Empörern anzusehen, wäre eine große Übertreibung. Auch die Türken wissen u(nd) geben zu, daß ein großer Teil jetzt unschuldig leidet u(nd) keinen aktuellen Grund gegeben hat, gegen die Armenier einzuschreiten. Das ist bedauerlich, aber selbstverständlich. – Die Verbannung wird so durchgeführt, daß nach vorheriger Bekanntmachung die einzelnen Häuser geräumt werden u(nd) zu Hunderten u(nd) Tausenden die Leute unter Begleitung von Saptiehs auf den Weg gebracht werden; soweit möglich gehen sie mit Ochsen- oder Büffelwagen; wo keine Fahrstraßen vorhanden sind, wie z(um) B(eispiel) zwischen hier u(nd) Urfa, soweit möglich mit Lasttieren, meist Eseln. Die Verbannung ist scheinbar eine allgemeine; doch bemühen sich offenbar einzelne Valis, alte, gebrechliche Leute, Schwangere am Ort zu lassen. Die Waisenmädchen im Schweizer Waisenhaus in Siwas hat man „vorläufig“ dort gelassen. Doch scheint sonst der Schutz von Ausländern oder Türken nicht anerkannt zu werden, abgesehen von Einzelfällen. Eine verdächtige Erscheinung ist die, daß oft auf der Reise einige Gruppen abgesondert werden, um einen anderen Weg zu gehen. Allgemein sind die Gerüchte, daß die einzelnen Gruppen dann getötet werden, doch liegen dafür keine Beweise vor. Aus der Umgebung von Miss Graffen sind auch bei Hassan Tschelebi über einhundert Männer, darunter auch Lehrer der amerikanischen Anstalten, abgesondert worden. Was aus ihnen geworden ist, ist unbekannt.

Eigentliche Massaker, d(as ) h(eißt) in dem Sinne öffentlicher Metzeleien, haben auch nach Miss Graffens Wissen nicht stattgefunden, abgesehen vielleicht von den Plätzen, wo auch die Armenier bewaffnet gegen die Regierung vorgegangen sind. Dagegen scheinen einzelne Personen u(nd) Gruppen, auch bisweilen Frauen, vielfach ermordet zu sein. Allerdings ist das so geschickt u(nd) verborgen geschehen, daß sich schwer Beweise werden beibringen lassen. Z(um) B(eispiel) aus Siwas wußte Miss Graffen keinen einzigen Fall bestimmt. Daß auf der Reise einzelne Personen von der Brücke in den Tochmassu geworfen sind, scheint nicht unmöglich. Das fällt aber auf das Konto roher Kurden, die das Gedränge benutzen, um „aus Versehen“ so etwas passieren zu lassen. Außerdem hat Miss Graffen ein Kind mit einer Schnittwunde im Hals gesehen, das erklärte, seiner Mutter u(nd) anderen sei der Hals abgeschnitten, vor seinen Augen. In Tokat u(nd) Ersinjan sollen sehr viele getötet worden sein. Die Männer, welche in Siwas im Gefängnis waren, sollen noch dort sein u(nd) auch in Verbannung geschickt werden, ihren Frauen nach. Das ist ja ein gutes Zeichen. Höchst verdächtig sind ja immer diese geheimen Sendungen von großen u(nd) kleinen Gruppen zu Ernte-, Wegbau- u(nd) Eisenbahnarbeiten. Das klingt sehr gut u(nd) wahrscheinlich, scheint aber oft keine saubere Sache zu sein. Von manchen Gruppen sind Nachrichten gekommen, aber daß viele dabei getötet werden, kann kaum einem Zweifel unterliegen. Doch auch nur annähernd richtige Zahlen werden sich kaum je aufstellen lassen. Wir fürchten, daß die Verluste nicht hinter denen von 1895/96 zurückbleiben. Nun Einzelheiten über die Züge u(nd) Wege der Verbannten. Man muß sich klarmachen, welch unendliche Schwierigkeiten es bereiten muß, Hunderttausende von Menschen in einem im Krieg begriffenen, z(um) T(eil unkultivierten Land ohne Eisenbahn u(nd) durch von wilden Völkern bewohnte große Landgebiete hindurchzuführen. Z(um) B(eispiel) waren nach einem Brief aus Charput dort bereits 91000 Personen aus den nördlichen Gebieten durchgekommen. Viele der Schwierigkeiten u(nd) Nöte, die Miss Graffen schildert u(nd) die wir auch z(um) T(eil) beobachten können, muß man also als Folgen der natürlichen Verhältnisse ansehen. Später werde ich dann auch diejenigen schildern, welche auf das Konto böser Menschen u(nd), wenn auch nur ganz indirekt, auf das der Regierung zu schieben sind.

Auf der einen Seite sind viele Reiche unter den Armeniern, so viele, daß wir uns immer wieder entsetzen. Unter Lumpen, bisweilen aus Sicherheitsgründen Kindern umgebunden, finden sich viele Hunderte von Lira (19 Mark). Aber ein Armenier hilft dem andern nicht. Deshalb sind viele Arme dabei; vielfach sind sie, ohne Vorbereitungen treffen u(nd) irgendetwas mitnehmen zu können, fortgeführt. Viele haben also weder Geld bei sich, um etwas zu kaufen, noch größere Vorräte bei sich, müssen nur von altem, hartem Brot leben. Außerdem ist es jetzt, wo nirgend Männer für Arbeit oder Transport u(nd) Transportmittel da sind, an sich schon außerordentlich schwer, etwas zu kaufen zu finden. Nun denke man sich Züge von zehntausend Menschen, dicht aufeinander, u(nd) überlege, wie viel Lebensmittel die in den wenigen u(nd) meist kleinen Dörfern finden werden, ganz abgesehen davon, daß die Bevölkerung nicht gerade bereitwillig ihnen helfen wird. Hunger müssen sie also viel leiden. Noch schlimmer ist der Durst in diesem wasserarmen Lande und bei Wanderungen durch trockene, schattenlose Gegenden bei 30 bis 35 Grad Schattentemperatur. Manchmal haben sie ein Glas Wasser für einen Piaster (18 Pfennig) gekauft u(nd) dann jeder wenigstens einmal seine Zunge damit benetzt. Dann die Anstrengungen! Wenn auch die Landbevölkerung im Ganzen gesund ist u(nd) sehr langsam gegangen wird (täglich drei bis vier Stunden), so bringen doch die vielen Alten u(nd) Kinder, Säuglinge u(nd) besonders die, welche nicht mehr getragen werden können, große Schwierigkeiten mit sich. Die Regierung gibt zwar möglichst viele Tiere, aber vielfach kann sie es beim besten Willen nicht. Es kann gar nicht ausbleiben, daß unterwegs viele sterben; man muß sich sogar wundern, daß es nicht mehr sind. Miss Graffen, die stets am Ende des Siwasser Zuges (zehntausend) war, hat im ganzen 49 Tote gezählt in den 15 Tagen seit Siwas (siehe Seite 87). (…) – Nun ein Sonderkapitel: Die Beraubungen. Die Regierung hat im Innern fast kein Militär zur Verfügung. Die paar Saptiehs sind nur durch Uniformierung oder Abzeichen auf den Armen dazu gemacht. Bei den zehntausend Leuten aus Siwas waren etwa fünf bis sechs Saptiehs! Außerdem sind auch diese selten zuverlässig. Ferner muß man bedenken, welch willkommene Beute den Dorfleuten die Habe der durchziehenden Armenier ist. Es kann gar nicht ausbleiben, daß sehr oft entweder die Saptiehs oder Baschy Bosuk, oder unter deren stillschweigender Zustimmung Kurden die Leute berauben oder unter Drohungen Geld u(nd ) Gut von ihnen erpressen. Selbst Miss Graffen hat sozusagen gezwungen viele Bachschisch (bis zu zehn Ltq.!) geben müssen. Derartige Beraubungen u(nd) Erpressungen sind der Tat massenhaft vorgekommen u(nd) kommen natürlich fortgesetzt vor. (…) Sehr schlecht soll es nach glaubwürdigen Zeugnissen den Armeniern aus Samsun gegangen sein. Auf dem Weg bis Siwas müssen wohl eine ganze Anzahl getötet sein. Wenn z(um) B(eispiel) einer mal etwas aus dem Zuge heraustrat, wurde er als Flüchtling erschossen. Manchen wurde ohne jeden Grund gesagt: Du willst fliehen, das sieht man dir an, u(nd) wurde daraufhin erschossen. – Die oben erwähnte(n), in Hassan Tschelebi vom übrigen Zug getrennten Männer, 150 bis 200, sind jetzt im Gefängnis zu Hekim Chan. Einige Verdächtige sollen nach Siwas zurückgeschickt werden, die übrigen unter stärkerer militärischer Besatzung nach Urfa nachgeschickt werden, wie überhaupt stets die Männer besonders geschickt werden sollen, mit mehr Saptiehs, weil sie sonst zweifellos diese vergewaltigen (überwältigen; die Hrsg.) würden. Der Vorbeizug der Zehntausend  (19) erfolgte gestern Nachmittag innerhalb von drei bis vier Stunden. Doch gingen sie sofort von der Siwasstraße auf einem Feldweg nach Jechl Chan vorbei zur Meserehstraße herüber, bis nach Frudschir, so weit Wagen gehen können. Von da werden sie zu Fuß weitergehen. Vorhin kamen ca. fünfhundert aus der Meserehgegend, die jetzt beim Köschnük lagern, mit Ochsenwagen. Der arme Mutessarif hier soll wohl nicht wissen, wo ihm der Kopf steht. Alles kommt hier vorbei, täglich zu Tausenden. (…) (Seite 77 ff.) Die schon öfters erwähnten armenischen Kinder in der Stadt, die jetzt die Regierung in einzelnen Häusern untergebracht hat, sind übrigens entweder Waisen oder solche, welche die Mütter der Regierung freiwillig anvertraut haben. Es soll also eine Veranstaltung sozialer Fürsorge sein. (Seite 81) (…)

Da Miss Graffen vorhatte, auf zehn bis zwölf Lastpferden Mehl für die Reise nach Urfa mitzunehmen, ließ ich gestern früh Mustapha Agha, den Bellede Reis, holen, damit wir mit ihm über alles sprächen. Es zeigte sich wieder die völlige Urteilslosigkeit bei ihm. Er meint, Malatia sei eine Mördergrube: Von allen Seiten würden sie hierher gebracht, um getötet zu werden. Nach Urfa würden keine kommen usw. (…) (Seite 83) (…) Gestern Abend, als Miss Graffen gerade abreisen wollte, ihren Leuten nach, u(nd nur noch auf das versprochene Beglaubigungsschreiben u(nd) den Saptieh vom Mutessarif wartete, kam Nachricht: Der Wali von Siwas hätte telegraphiert, sie solle von hier nicht weiter reisen. Das war kein kleiner Schreck, nicht nur für all ihre Protestanten, die sich ganz an sie angeschlossen hatten u(nd) nun ohne sie weiter mußten, sondern was soll nun aus der alten Predigerfrau werden, die bei ihr ist, u(nd) besonders aus dem etwa 17jährigen werdenden Lehrer, der sie bisher als ihr Arabatschi begleitet hat? Nach langem Hin u(n) Her beschlossen wir, daß sie alle vorläufig bei uns bleiben sollen. (…) (Seite 83)

23. Juli 1915 – (…) Vor drei Tagen war ja, kurz vor Miss Graffen, eine Gruppe von etwa eintausend bis 1500 Menschen hier angekommen u(nd) lagerte am türkischen Friedhof an der Meserehstraße. Wir hatten gedacht, sie würden, da dort kein Wasser ist, nach kurzer Zeit weiterziehen; als sie abends aber noch da waren, schickten wir durch Mahmud u(nd) die Knaben einige Eimer Wasser hin. Vorgestern früh hatte der dortige Saptieh durch unseren fragen lassen, ob nicht ein paar Frauen von uns Wasser holen dürften, was wir natürlich trotz aller Bedenken sofort erlaubten. Nun ging es zwei Tage hier zu – wer es nicht gesehen hat, kann sich keinen Begriff davon machen. Wie ein reißender Strom nach einem Wolkenbruch (kam) es über uns. Ein Schreien, ein Zanken, ein Klagen, Wimmern von Säuglingen. (…) Kranke Frauen wollten Medizin, Hungrige Essen, Geld, ein Fragen: Was werden wir werden, wohin schicken sie uns, wie werden wir gehen können, was wird aus unserer Habe, werden sie uns töten, was wird aus unseren kleinen Kindern, wie werden wir Essen u(nd) Wasser finden usw. Belehrungen sind natürlich die wenigsten zugänglich. (…) Man sah natürlich namenloses Elend: Kranke, die sich kaum schleppen können u(nd) nun etwa zwei Wochen zu Fuß gehen müssen, kleine Kinder, die kaum noch lange leben werden. Aber andererseits muß man sagen: Die meisten der Frauen – Männer waren fast nicht dabei, nur einige alte u(nd) einige Jünglinge, die anderen werden extra geführt, wohl gebunden – sind so gesund u(nd) kräftig, daß sie meistens sehr gut all die Anstrengungen überstehen werden, vielfach sogar noch gesünder werden (sic! die Hrsg.). In dem Lager hier sollen drei Personen (oder vier), darunter zwei kleine Mädchen, gestorben sein. (…) (Seite 83) (…) Heute nacht behauptet unser Mihran gehört zu haben, wie Saptiehs immer brüllten: Gebt uns Geld, gebt uns Geld. Alle Betten u(nd) sonstige Habseligkeiten sind hier geblieben, denn jetzt können sie ja nichts mehr weiter mit sich tragen, da die Ochsenwagen nicht weiter gehen können u(nd) Tiere nicht da sind. Etwa fünfhundert andere kamen heute Morgen, auch aus der Siwasser Seite, vorbei u(nd) gingen mit ihnen zusammen, ebenso etwa fünfhundert andere, die gestern Nachmittag ankamen u(nd) die Nacht am Köschnik zugebracht haben. Ich vergaß zu erwähnen, daß, wie Miss Graffen erzählt, in Siwas noch viertausend armenische Männer im Amelatabur (das heißt Arbeitsgruppe) sind. (…) (Seite 84)

(…) Heute früh kamen auch zwei unserer Kinder aus Mandjaluk (Mandschaluk, bei Siwas; die Hrsg.), die wir nach Kriegsausbruch geschickt hatten: Der blinde, etwa 15jährige Ruppen (Ruben; die Hrsg.) u(nd) der sehende, etwa zwölfjährige Dikran (Tigran; die Hrsg.). Die sind auch mit der oben erwähnten Frau wieder hierhergeschickt. Dikrans Schwester, Asniv, ist mit den anderen weitergeschickt, ebenso Anton, ein anderer unserer Knaben aus Mandjaluk. Die erzählten auch viel von Beraubungen unterwegs, wenn auch mit der landesüblichen Übertreibung. (…) Dikran erzählte auch, er habe unterwegs gesehen, wie eine Gruppe Männer abgesondert, gebunden u(nd) in ein Tal geführt worden sei. Nachher seien die, welche sie weggeführt hätten, mit deren Kleidern zurückgekommen. Solche Berichte haben natürlich wenig Wert; daß jedoch derartige Dinge vielfach vorgekommen sind, kann weder bezweifelt werden noch unter den hiesigen Verhältnissen u(nd) jetzigen Umständen weiter befremden. (…) (Seite 85) (…) Zu Seite 80 muß ich berichtigen, daß Miss Graffen zwischen Hassan Badragh u(nd) Malatia, also auf der letzten Tagereise, 49 Tote gezählt hat. Bis dahin waren wenige gestorben u(nd) waren begraben worden. Diese letzte Strecke von etwa 55 Kilometern ist besonders heiß, so daß viele den Hitzschlag bekamen u(nd) auch wegen der unsinnigen Glut nicht begraben werden konnten, wenn man nicht aus Rücksicht auf die Toten noch weitere Opfer haben wollte. Die Berichte, daß die Armenier in Dörfern vielfach getötet worden sind, hört man sehr oft, besonders von der Siwasser Gegend. (Seite 87 f.).

24. Juli 1915 – (…) Gestern abend war Hedwig mit Miss Graffen bei der Mutessarifin, u(nd) er kam auch dazu. Davon mag Hedwig selbst erzählen: (…) Er (der Mutessarif; die Hrsg.) brachte ein sehr langes Schriftstück, welches gestern aus Konstantinopel gekommen war, betreffs der Armenier. Einiges las er vor: „Das Eigentum der Armenier, welches sie zurücklassen, soll von der Regierung versiegelt werden. Was ihnen an Wertsachen u(nd) Schmucksachen nachgeschickt werden kann, soll geschehen, d(as) h(eißt) sobald alle an ihrem Bestimmungsort angelangt sind; die anderen Sachen, Teppiche usw. sollen verkauft werden u(nd) das Geld ihnen zugestellt werden. Dort soll jedem so viel Land zugeteilt werden, wie er hier hatte. Landwirtschaftliche Geräte u(nd) Samen sollen sie bekommen, die Handwerker sollen Werkzeuge bekommen. Für die armen Leute sollen von seiten der Regierung Häuser gebaut werden, Schulen usw. sollen gebaut werden.“ Nach allem, was der Mutessarif uns vorlas, sind die Befehle ausgezeichnet, wenn auch nur die rechten Leute da wären, sie zu verwirklichen. (…) (…) Miss Graffen frug, wann die Männer, die von ihnen getrennt worden seien, nach Urfa kämen. – Die kämen noch vor den Frauen hin, weil sie keine Kinder u(nd) Lasten mit sich hätten u(nd) schneller gehen könnten. Mit den Frauen hätten sie sie nicht schicken können; denn wenn einer versucht zu fliehen, soll er erschossen werden, – wenn nun einer zwischen den Frauen u(nd) Kindern flieht, kann doch nicht auf ihn geschossen werden, weil dann sicher andere getroffen würden. (…) (Seite 89)

(…) Von Malatia wurden ihm (dem Mutessarif; die Hrsg.) 60 bis 80 Gesuche überreicht von den armenischen Frauen, worin sie baten, zum Islam übertreten zu dürfen, damit sie in Malatia bleiben könnten. Es wird aber nicht angenommen u(nd) nicht gewünscht von den Türken. Miss Graffens Weiterreise nach Urfa wurde von dem Siwas-Wali verboten. Der Mutessarif hätte lieber gesehen, wenn sie mitgegangen wäre. Doch sagte er sehr richtig, Miss Graffen könne überfallen werden oder erkranken u(nd) sterben auf dem Wege, dann käme an uns die Frage, warum habt ihr das erlaubt?! – Nach jedem Besuch, den ich dort machte, ging ich (Hedwig Bauernfeind, die Hrsg.) mit erleichtertem Herzen von dort weg, u(nd) wir beide können gar nicht anders als dem Mutessarif unser Vertrauen schenken, obwohl wir hier von so vielen Seiten betrogen wurden. (Seite 90)

27. Juli 1915 – Gestern früh schickte ich Mustapha Agha die letzten fünf Ltq., die wir ihm noch schuldeten, u(nd) ließ ihn hierher bitten, um mit ihm über unsere Reise u(nd) Hausangelegenheiten zu sprechen. (…) Im übrigen Gespräch zeigte sich deutlicher denn je, daß er fast völlig den Verstand verloren haben muß u(nd) kaum noch ernst zu nehmen ist. Daß keiner der Armenier nach Urfa kommen würde, daß alle, Männer, Frauen u(nd) Kinder, unterwegs getötet würden, daß hier in der Umgebung alles voll von Leichen wäre, daß ganz Kurdistan an die Russen fallen würde usw., das ist seine fixe Idee, der arme Mann. Sollten wir jetzt auch vielleicht unter dem Einfluß des Mutessarif viel zu hell sehen: Wie Mustapha Agha es darstellt, ist es doch sicher ein Wahnsinn. (…) (Seite 92)

(…) Gestern abend war auf einmal Bedros aus Siwas mit seinem Vater hier, ein etwa 20jähriger Blinder, den wir im August vorigen Jahres auch nach Hause geschickt hatten. Er zählte, daß er mit seinen Verwandten (acht Personen) mit einer etwa einhundert Personen betragenden Gruppe mit Ochsenwagen eben hierhergekommen sei, wo sie die Nacht in Köschnik verbringen würden. Er erzählte Schauergeschichten von Metzeleien, grausamsten Ermordungen u(nd) Räubereien unterwegs. In den Dörfern der Siwasgegend sei es entsetzlich hergegangen. Auf der Reise muß tatsächlich geradezu furchtbar gestohlen u(nd) unter Drohungen erpreßt werden. Zweimal, in Aladja Chan u(nd) Hassan Tschelebi, wurden auch wieder Männer abgesondert, nach allgemeiner Ansicht der Armenier natürlich, um getötet zu werden. Ob all diese Gruppen Männer immer getötet oder auf unbekannten Wegen nach Urfa geführt werden, bleibt ein Rätsel. Erst in Urfa wird man später feststellen können, wie viele Männer angekommen sind. Selbst wenn nicht so viele getötet werden, wie man annehmen zu müssen scheint: Die seelischen Qualen, die man dem Volke um der Schuld einiger Tausend Halunken von Verführern u(nd) Aufrührern zumutet, sind höchst grausam. Bedros sonstigen Erzählungen messen wir nach unseren bisherigen Erfahrungen nicht viel Bedeutung mehr zu. (…) Trotz aller Bitten behielten wir Bedros nicht hier. Denn er ist groß, stark, gesund, wegen seiner Blindheit kaum gefährdet. Jede Person erschwert die Insicherheitbringung unseres ganzen Hauses in Mesereh. Es scheint uns das Natürlichste, daß er jetzt all die Schwierigkeiten mit seinen Angehörigen trägt. Wenn wir noch jemand aufnehmen, werden es solche sein, die tatsächlich ganz hilflos u(nd) dem Verderben preisgegeben erscheinen. Wenn später hier die Arbeit wieder ordentlich aufgenommen werden kann, so ist es ja nicht schwer, Bedros aus Urfa zurückzurufen. So blieben wir hart – das muß man jetzt lernen. (…) (Seite 92 f.)

(…) Von anderen unserer Pfleglinge brachte er (Petros; die Hrsg.) uns auch Nachrichten: Der blöde, blinde Kallust (Galust; die Hrsg.) bettelte u(nd) sei in einem furchtbaren Zustand, Jeprem vielleicht getötet, da in seinem Dorf fast alle getötet seien; auch er habe gebettelt. Megrditsch aus Amasia, Srbuhi aus Siwas, zwei kleine Blinde, mußten auch auf der Reise sein, der große Harutjun müsse schon hier vorbei sein. (…) (Seite 93)

28. Juli 1915 – (…) Es kamen wieder Frauen, Kinder u(nd) vorhin auch Brief von dem zwei bis drei Stunden entfernten ersten Haltepunkt der Siwasleute. Merkwürdigerweise scheinen sie immer noch dort zu sein. Viele möchten bei uns Schutz suchen. Es kommen Gerüchte von Räubereien u(nd) Metzeleien. (…) (Seite 94)

29. Juli 1915 – Gestern brachte Habesch den kleinen Dikran mit, den er in der Stadt weinend u(nd in einem jämmerlichen Zustand gefunden hatte. Wir beschlossen, ihn nun hier zu behalten u(nd) ihn Habesch sozusagen zu schenken, damit er sein „Auge“ sei, was Habesch natürlich für die Zeit unserer Abwesenheit eine große Hilfe sein wird. Und Habesch liebt Dikran rührend u(nd) wird gut für ihn sorgen. Als wir es Habesch sagten, strahlte sein blindes Gesicht, wie ich es noch nie sah. Auch Ruppen wollen wir nehmen, bisher konnte er nicht gefunden werden.

Heute morgen kamen einige protestantische Frauen aus Mesereh, die uns die ersten Nachrichten von Ehmanns brachten. Herr Ehmann soll sich auch sehr in all die Sachen gemischt haben u(nd) infolgedessen mit dem Wali auf gespanntem Fuße leben, was für unsere Pläne natürlich sehr ungünstig ist. (…) Seine Lehrer hat man ihm bisher gelassen, aber wie lange noch, ist fraglich. Er soll gesagt haben: Wenn ihr mir einen meiner Leute nehmt, muß ich das Haus schließen u(nd) abreisen. Eine deutsche Missionarin aus Musch sei nach Mesereh geflüchtet, weil dort die Russen kamen (von denen aus Wan keine Nachricht!!!). Als sie mit den Verbannten über Diarbekr nach Urfa gewollt habe, hätte man sie nicht gelassen. Eine Amerikanerin sei nach Urfa abgereist, aber seit Diarbekr sei keine Nachricht mehr von ihr gekommen. Die Lehrer der Amerikaner in Harput seien im Gefängnis sehr schlecht behandelt und furchtbar geschlagen worden. – Diese Familien, deren Männer hier auch damals von ihnen abgesondert sind, haben ganz unermeßliche Reichtümer mit sich gebracht, 32 Esel voll Seide, Teppiche, Schmucksachen u(nd) überall auf sich u(nd) die Kinder Hunderte von Goldstücken aufgebunden, abgesehen von den Schätzen, die sie in Mesereh gelassen haben. Sie sind unterwegs nicht bestohlen. Wohl aber mußte eine Frau ihre schöne 14jährige Tochter unterwegs einem türkischen Leutnant geben! Einmal hätten sie sich unterwegs zusammen gefunden u(nd) seien sich in gemeinsamem Gebet einig geworden, sich in den Euphrat zu stürzen; als sie im Begriffe waren, es zu tun, hätte es aber Gott oder der Satan verhindert! Nun sind sie hier, wissen nicht, ob ihre Männer leben oder irgendwo getötet sind, müssen fortwähren(d) die Schauergeschichten u(nd) Lügen der Malatiafrauen anhören u(nd) wissen nicht, was aus ihnen werden soll, ob man sie alle nur hier in den Gebirgen allmählich verloren gehen lassen will oder was sonst. (…) (Seite 94f.) (…) Heute Vormittag war auch unser Steinhauer, Megrditsch Warbed, mit einem türkischen Meister hier. All die armenischen Handwerker sind hier noch ungefährdet u(nd) auch unangefeindet; nur die Zukunft liegt dunkel vor ihnen. Heute Nachmittag kam wieder in einiger Entfernung ein großer Zug aus Siwas durch, Hunderte von Ochsenwagen. Zehn- bis fünfzehntausend Menschen liegen nun hier in der Nähe u(nd) sind bisher nicht weiter geschickt. Sie sind alle in furchtbarer Angst; uns kam von dort Nachricht. Beweise, daß massenhaft Leute unterwegs getötet werden, sind nicht vorhanden, aber Verdacht liegt genug vor. (…)

Heute Abend besuchte ich wieder den Mutessarif (…). Ich fand dort einen Mollah vor, der mit ihm über die Versorgung der jetzt auf achthundert angewachsenen Waisenkinder aus der Siwasgegend mit ihm überlegte, die jetzt sich in der Stadt herumtreiben. (…) (Seite 96)

31. Juli 1915 – Gestern Nachmittag kam wieder ein Zug von etwa 1000 bis 1500 Leuten durch, offenbar aus der Stadt Siwas. Aus Mesereh kam die telegraphische Antwort auf unseren türkischen Brief: „Leider kann ich euch unter diesen Verhältnissen nicht aufnehmen.“ D(as) h(eißt) also, daß das deutsche Waisenhaus in Mesereh auch nicht bestehen bleiben wird. (…) Wir ließen uns nun sofort beim Mutessarif anmelden, um mit ihm das Nötige zu besprechen (…). Wir zeigten ihm unser Mesereher Telegramm u(nd) fragten um Rat. Er sagte: Das hätte er vorher gewußt, hätte uns nur nicht abhalten wollen, selbst zu fragen. Denn da der strenge Befehl gekommen sei, keinen einzigen Armenier in den betr(effenden) sechs Vilajets zu lassen, könnte natürlich auch das Mesereher Waisenhaus nicht stehen bleiben. Denn wenn die Regierung auch die Waisenhäuser nicht schließen würde, wenn auch Kinder unter 15 Jahren hierbleiben dürften, die Deutschen würden gezwungen werden, selbst ihre Anstalten zu schließen, da alle Gehilfen ja fort müßten. (…) (Seite 97)

(…) Als wir um Viertel vor acht vom Mutessarif zurückkamen, lag hier auf dem Hof ein völlig erschöpftes, aufgelöstes, sich vor Schmerz am Boden windendes Mädchen, das aus Mandjaluk mitgekommen war u(nd) von jemand hier an der Straße den Rat bekommen hatte, bei uns Zuflucht zu suchen. Sie scheint nicht ganz klar bei Verstand zu sein. Die ganze Nacht stöhnte u(nd) jammerte sie; wir konnten sowieso vor Aufregung so gut wie gar nicht schlafen; nun repräsentierte mir das Klagen des Mädchens immer den Jammer des ganzen Volkes, u(nd) es war mir, als seien wir von gellenden Hilfeschreien von allen Seiten umgeben. Eine unheimliche, qualvolle Lage! Und doch hat uns Gott das auferlegt, das alles zu sehen u(nd) zu wissen – und – stille zu sein. (…) (Seite 99)

1. August 1915 – (…) Eben zogen wieder etwa eintausend Dorfleute aus der Siwasgegend durch. Es kann nicht ausbleiben, daß viele am Hitzschlag sterben. (…) (Seite 100 f.) (…) Vorhin kam wieder ein Zug von mindestens zweitausend Personen von der Siwasseite hier durch, d(as) h(eißt) sie berühren hier die Meserehstraße nie mehr, sondern lassen ganz Malatia rechts liegen. (…) (Seite 102) (…) Vorhin war die blinde Maritza aus Arabkir hier, die wir auch im vorigen Herbst entließen, ein etwa 17jähriges, dickes Mädchen, das gerade angefangen hatte, etwas Mensch zu werden. Sie war in der Stadt in einer Kirche. Ihre tagelange Hoffnung, hier bei uns bleiben zu können, mußten wir ihr nun in zwei Minuten zerbrechen. Sie fand kein Wort, drehte sich um u(nd) ging schluchzend heraus. Das ist schwer erträglich, das Herz tut einem weh, u(nd) man fühlt sich am ganzen Körper wie geschlagen. (…) (S. 102)

5. August 1915 – Vorgestern kam wieder ein Zug von etwa eintausend Armeniern durch, gestern einer, der etwa zwei Stunden vorbeizog. (…) (Seite 102)3. Beobachtungen unterwegs: Reise von Malatia nach Konstantinopel vom 11. bis 30. August 1915

„Malatia liegt hinter uns, Gott sei Dank.“

Hassan Badragh, 11. August 1915 – (…) Heute, morgen und übermorgen soll die Bevölkerung von Malatia abziehen. Wir sind einerseits heillos froh, daß wir das nicht mehr erleben, andererseits gingen wir natürlich ruhiger fort, wenn das alles vorbei wäre. (Seite 109)

(…) Heute früh, 11. August, 2.30 rollten die Wagen in die stockfinstere Nacht hinaus. Wir ließen alles mit einem gewaltsamen Ruck dahinten und streckten uns nach dem, was da vorne ist. (…) Die Luft war bis Kyrk Gös (Brücke über den Tochmassu), wo wir um 5.40 bei Sonnenaufgang anlangten, meist rein, von den grossen Durchzügen der Armenier kaum etwas zu spüren. Dort aber lagerten sie zu vielen Hunderten. Wir sahen dort von Not eigentlich nichts. Doch soll Hunger herrschen, wie uns einer unserer Saptiehs sagte. (…) Übrigens waren die Männer dort noch nicht von den Frauen abgesondert. Das geschieht wohl gewöhnlich erst in oder bei Malatia, ehe der Gebirgsweg anfängt. (Seite 110 )

(…) Nun begriffen wir nur zu gut, warum unsere Kutscher durchaus vor der Hitze des Tages in Hassan Badragh hatten ankommen wollen. Die uns nur gar zu wohl bekannten Leichengerüche, rechts und links Einzel- u(nd) Massengräber, wohl etwa 100, wenn nicht mehr, durchweg so mangelhaft, daß z.T. Leichenteile hervorragten. Bald hörten die Gräber auf, aber nicht die Toten: Männer, Frauen, Kinder lagen, z.T. in Lumpen, z.T. ganz nackt, in entsetzlichem Zustand, mehr oder weniger verwest, auf der Straße, im Staub. Wir zählten in den vier Stunden bis Hassan Badragh (ca. 20 km.) 100 Leichen. Natürlich sind uns in dem welligen Gelände viele entgangen, so daß man wohl ohne Übertreibung rechnen kann, daß auf dieser 20 km. langen Strecke etwa 400 Personen mindestens liegengeblieben sind, das macht mindestens ein Prozent. (…) Das bedeutet natürlich keine direkte Schuld der Regierung, denn die Hitze ist die Hauptursache. Aber es zeigt die ganze Überstürzung und Undurchführbarkeit der Verbannung. (Seite 111)

Hekimhan, 12. August 1915 – (…) In den ersten 4 – 6 km hinter Hassan Badrig (Badragh, die Hrsg.) lagen 14 unbestattete Leichen an der Straße, d. h. so viel sahen wir; z.T. dicht am Ort. Dann eine ganze Strecke lang keine – dort sind sie meist begraben worden. Schließlich bis hierher (d. h. bis Hekimhan, die Hrsg.) noch weitere 15, z. T. zu zweien (auch Männer) und unter solchen Verhätnissen, daß der Verdacht eines gewaltsamen Todes nicht fern liegt. Wegen des zerklüfteten Geländes konnten wir viele nicht sehen, die wir aber rochen. (…) Wir begegneten noch einem Zuge von 2000 Verbannten, mit Ochsenwagen, meist aber zu Fuß, Männer, Frauen u(nd) Kinder gemischt, auch ganz Alte u(nd) Gebrechliche aller Art darunter, ein Bild namenlosen Jammers, wie wir es bisher noch nicht sahen. Einige, die wir fragten, waren aus Marsevan. Viele hatten weder Essen noch Geld, die Kurden rauben alles, sollen auch öfters welche töten. Die paar Saptiehs, die dabei sind (hier z. B. 5!) können dagegen natürlich nichts machen und sollen es natürlich z. T. auch nicht. … Und so müssen viele Tausende in Not und Angst zugrunde gehen um einiger Hundert gewissenloser Umstürzler willen! Furchtbar! (Seite 111f.)

Kangal, 14. August 1915 – (…) Wir sahen gestern nur etwa 20 – 25 unbestattete Leichen, aber meist solche, bei denen Verdacht vorlag, daß sie ermordet waren. Je näher der Ausgangspunkt, deso geringer naturgemäß die Todesfälle infolge von Erschöpfung und Hungersnot, da die Beraubung von Kleidungsstücken, Geld, Nahrungsmitteln u(nd) Tieren offenbar erst in den kurdischen Bergen bei Hassan Tschelebi u(nd) Hekimhan anfängt. (…) Gegen Mittag kamen wir in dem gefürchteten Hassan Tschelebi an. (…) Jetzt werden da immer von den Armeniern die erwachsenen Männer von den übrigen abgesondert, nach allgemein verbreiteter Ansicht, um getötet zu werden. In Wirklichkeit wohl wenigstens meistens um gruppenweisen zu Strassenarbeiten usw. verwendet zu werden. Es sind wenigstens derartige Gruppen schon öfters gesehen worden. (Seite 113)

(…) Wir begegneten noch öfters Gruppen von Armeniern, die aber noch (nicht, die Hrsg.) so die Spuren der Not an sich trugen. Der Weg war bis Aladja Chan entsetzlich, steinig, staubig, oft kaum zu fahren, sehr viel Steigung. Nach den gräßlichsten Schwierigkeiten kamen wir totmüde, innerlich und äußerlich erschöpft um 8.20 in Aladja Chan an. (Seite115)

(…) Heute früh kamen wir erst 7.25 Uhr fort, fuhren aber sehr schnell, bei prachtvoll kühler u(nd) reiner Gebirgsluft (keine Leichen mehr am Weg) und auf verhältnismäßig guter Straße bis hierher (Kangal, die Hrsg.), wo wir 12.05 anlangten. (…) Miss Graffen wollte wegen Levon telegraphieren (der in Hassan Tschelebi verhaftet worden war, die Hrsg.), aber nicht nur nahm man ihr Telegramm nicht an, sondern der Offizier kam u(nd) hätte am liebsten sie u(nd) Pampisch hier gelassen, wenn es uns nicht auf Grund des Papieres gelungen wäre, den vorsichtigen u(nd) dazu etwas dummen Mann zu überzeugen, daß Miss Graffen ein Recht hat, mit uns zu reisen. Er verbot ihr aber, den Chan zu verlassen u(nd) mit Armeniern zu sprechen. Gegen uns als Deutsche war auch er höflich und freundlich. (Seite 115 )

Deliklitasch, 15. August 1915 – Gestern fuhren wir 2. 20 aus Kangal ab, in sehr flotter Fahrt bis hierher wo wir 6. 50 ankamen. Auf der mindestens 70 km langen Strecke (von Kangal nach Deliklitasch, die Hrsg.), die wir gestern zurückgelegt haben, sahen wir keine einzige Leiche mehr (…).“ (Seite 115 )

(…) Als wir uns dem Dorfe näherten wartete dort unser ein uniformierter Reiter, der uns die Nachricht gab, der Tetchärchan, bis wohin wir noch fahren wollten,sei völlig von der Regierung belegt u(nd) unbenutzbar, (…); dagegen könnten unsere Wagen u(nd) Pferde im Chan des Ortes untergebracht werden, während für uns das beste Haus im Ort, das des Aghas, bereit sei. (…) Gestern abend versammelten sich hier natürlich, wie das Sitte ist, die Dorfbewohner, u(nd) wir sprachen mancherlei mit ihnen. (…) Wir sprachen auch viel über die armenische Angelegenheit. Die Leute hatten auch die schlimmsten Vorstellungen betr(effs, die Hrsg.) Ermordung u(nd) Beraubung der Verbannten unterwegs, ohne allerdings offenbar gewisse Nachrichten zu haben. Aber wie es uns noch stets bei dem türkischen Volk aufgefallen ist, fühlten wir bei ihnen den Armeniern gegenüber keinen Hass u(nd) keine Verachtung, sondern nur Mitleid, u(nd) zwar aufrichtiges (…) Warum denn nun all diese armen Leute aus ihren Dörfern heraus müssen? Ja diese Frage kommt uns auch oft. (Seite 115f.)

(…) Wir begegneten gestern Zügen (von Deportierten, die Hrsg.) aus Ordu u(nd) Trapesunt. Es soll immer noch Nachschub aus diesen Gegenden kommen. Was soll das nur werden! Mit jedem Tag nach Süden kommen diese Massen tiefer in Not, Elend, Hunger, Blösse u(nd) Gefahr hinein. (Seite 117)

Siwas, 16. August 1915 – Gestern hatten wir einen äußerst schwierigen Tag. (…) Morgens dauerte es sehr lange, bis wir endlich fortkamen, 8 Uhr. Wir fuhren über Tetschär u(nd) Ullasch (…) Körperlich und seelisch völlig erschöpft kamen wir hier (Siwas, die Hrsg.) an, so spät, daß wir den heutigen Tag hier verbringen müssen und erst morgen abfahren können. Unterwegs sahen wir keine Leichen mehr, wohl aber erwachsene Armenier, die mit Erntearbeiten beschäftigt wurden. Vor der Stadt (Siwas, die Hrsg.) wird von Armeniern die Straße repariert. (…)

Hier (in Siwas, die Hrsg.) fuhren wir zunächst zum armerikanischen Krankenhaus. (…) Im Krankenhaus waren noch männliche u(nd) weibliche armenische Angestellte, auch erwachsene Männer. Aber dieser Tage sollen die auch fort. (…) Wir kamen hier in solche Aufregung und Verwirrung hinein, daß wir erst spät die die ersehnte innere und äußere Ruhe fanden. (Seite117 f.)

Chanly, 17. August 1915 – Abfahrt aus Siwas 8.30, Ankunft hier (Chanly, die Hrsg.) 5.45, meist schnelle Fahrt auf fast durchweg guter Straße. An vielen Stellen wird an ihr gearbeitet; etwa 500 Armenier sahen wir gruppenweise dabei beschäftigt. Jetzt sehen wir lebendige Männer an der Straße arbeiten, nicht mehr Leichen liegen. Die Männer machten einen gutgenährten Eindruck, ihre Arbeit ist nicht zu schwer. Nur haben sie Angst, was später aus ihnen wird. (Seite 121)

Gemerek, 18. August 1915 – Heute früh 7.10 Abfahrt aus Chanly, fuhren den ganzen Tag in schnellem Tempo durch eine fruchtbare Hochebene. (…) Hunderte von Armeniern mit Erntearbeiten beschäftigt. (…) 12.20 Aufenthalt in Sarkischlar, einem grossen kultivierten Ort. Dort lagerten an einem schönen, schattigen Ort Mengen von Armeniern aus Samsun, Marsevan usw. Außerdem treiben sich eine Menge Männer herum, die Muhammedaner geworden waren u(nd) sich dadurch die Erlaubnis erwirkt hatten, dort zu bleiben(…). Einige Jungens sprachen uns auch an, die als Handwerker dort bleiben dürfen. Ihre Schwestern hätte man gewaltsam vor ihren Augen fortgenommen, um sie mit Türken zu verheiraten. Die Meinung, daß die Männer unterwegs getötet würden, ist nicht nur bei Armeniern, sondern auch im türkischen Volk fast allgemein verbreitet. Es ist immer wieder so furchtbar traurig, zu sehen, wie um einer Horde von elenden Schuften willen (gemeint sind die armenischen „Aufrührer“; die Hrsg.) so viele Tausende von gänzlich Unschuldigen und Unwissenden, so unnötig solch namenlosen Jammer ertragen müssen. Mußte das jetzt wirklich sein? Das ist eine Frage von schwerer Verantwortung. (Seite121f.)

(…) Gemerek ist ein großer, schön gelegener Ort mit 5000 Häusern, davon 1500 armenischen. Die Armenier sind jetzt fort, daher macht alles einen öden, zerstörten Eindruck. Wir fuhren – da offenbar die Chans in den Händen von Armeniern waren – lange hin u(nd) her, ohne Unterkunft zu finden. Endlich wurde uns hier ,(…), das Zimmer des Kommandanten eingeräumt(…) Wir unterhielten uns teils französisch, teils türkisch, mit dem Komandanten u(nd) dem offenbar armenischen Militärarzt, der zu dem Trupp armenischer Arbeitssoldaten gehört. (…) Hier sind 900 armenische Männer aus der Cäsareagegend im Ameletabur (Arbeitsbataillon, die Hrsg.). Wenn man mit solchen Menschen spricht, packt einen immer wieder der ganze Jammer. Der Doktor (…) behauptete gesehen zu haben, daß 70-80 Männer aus Cäsarea, meist Kaufleute, auch viele Unschuldige darunter, auf der Landstraße von Gendarmen erschossen worden seien. (Seite122f.)

Cäsarea, 20. August 1915 – Gestern kamen wir (…) erst 7.30 fort, fuhren dann 5 Stunden durch ziemlich langweilige Landschaft bis Sultan-Chan, wo wir (…) Pause machten. (…) Auch Armeniern begegneten wir wieder, u(nd) zwar Männern auf Ochsenwagen. (…) Kurz vor Cäsarea begegneten wir einem geheimnisvollen Zuge von etwa 4-5000 armenischen Männern, die aus Nigde kamen u(nd) ganz offenbar nicht um getötet zu werden, sondern zur Ernte-oder Straßenarbeit abgeführt wurden. Denn sie hatten alle Brotbeutel umgehängt, z.T. auch Betten. Hinterher kamen Ochsenwagen, wie uns schien, mit landwirtschaftlichen Geräten. ( Seite 123f.)

(…) Heute morgen ging ich mit dem äußerst angenehmen Saptieh in den Markt (von Cäsarea, die Hrsg.) , um einige Einkäufe zu machen. Alles ist wie ausgestorben, fast nichts zu haben. Überall die gleiche Auskunft: Der Laden gehört einem Armenier, oder die Handwerder waren Armenier. Die armenischen Männer sind alle im Ameletabur (Arbeiterbataillon, die Hrsg.); von Verbannung scheint hier aber keine Rede zu sein. (Seite 124)

Bor, 22. August 1915 – (…) Um 9 Uhr kamen wir in Nigde an, einer Stadt von etwa 25-30000 Einwohnern, ein Drittel Türken, ein Viertel Griechen. Die Armenier, fast so viel wie Griechen, waren alle in Verbannung geschickt. Die Männer hatten wir ja vor Cäsarea gesehen; die Übrigen über Eregli nach Jemen, soll wohl Urfa gemeint sein. (…) Nun ging es über langweilige Ebene bis hierher (Bor, die Hrsg.) auch einer nicht kleinen Stadt, wo wir 12.05 ankamen u(nd) im Chan abstiegen. (…) Der Weg zwischen hier und Siwas ist teilweise vorzüglich, teils scheußlich, teils in Arbeit, teils unfertig,(…), in buntem Durcheinander. Immerhin muß man bewundern, wie viel Arbeit da in den Kriegsmonaten von den Ameletabur (Arbeiterbataillone, die Hrsg.) geleistet worden ist. In der vorigen Nacht trafen wir wieder auf eine Gruppe armenischer Männer. Die Ansicht, daß sie meistens getötet werden, vertrat sogar der junge Tschorusch ( Tschawusch: türkisch für Unteroffizier, die Hrsg.), der uns Nachts begleitete, ein intelligenter Mann. (Seite 126 f.)

Eregli Bahnhof, 23. August Nachm(ittags, die Hrsg.), 4 Uhr – Jetzt sind wir also wirklich so weit gekommen; nur können wir es vor Müdigkeit noch kaum fassen. Wir fuhren gestern (am 22.8.1915, die Hrsg.) Abend um 10 Uhr von Bor ab (…) Aber wie ein großer Moment war es dann, als wir die Bahnlinie erreichten! Um 10.00 kamen wir hier an, hatten viel Arbeit im Chan, Essen im Hotel, alles geradezu scheußlich. Alles wimmelt hier von Armeniern, die zu Tausenden draußen lagern, oder, die Reichen, in der Stadt wohnen. Von Elend hier wenig zu spüren; meist widerliche Typen, Stadtleute z. B. aus Smyrna. Die ahnen nichts von bevorstehenden Gefahren, sind scheints noch recht „oben auf“. – Eine Frau, Protestantin aus Smyrna, behauptete, die Protestanten dürften wieder in ihre Heimat zurück, um dort zu bleiben, auf Verwendung der amerikanischen Botschaft. Wenn das wahr ist, wäre das eine neue Willkür. (Seite 127)

(…) Ich konnte hier mit Hilfe eines Armeniers alle Geschäfte leicht erledigen (…) (ebd.).

Konstantinopel, 29. August 1915 – Mittwoch Abend (25. August 1915?, die Hrsg.) kamen wir hier an. Auf unserer Reise von Eregli hierher begegneten wir vielen Zügen von Armeniern. Der Zug fuhr Tag u(nd) Nacht; in Konia u(nd) Eskischehir mussten wir umsteigen. Den Pastor Strahl in Eskischehir holten wir um Mitternacht aus dem Bett u(nd) ließen ihm das Tagebuch ( 9 Hefte, Kopie) dort, weil wir fürchteten, daß in Haidar Pascha strenge Untersuchungen auf Papiere sein würden. (Seite 128)

(…) Dann (nach Ankunft in Konstantinopel, die Hrsg. ) telegraphierte ich nach Pöcking (an Christoffel, die Hrsg.) u(nd) war dann bis 1 (Uhr, die Hrsg.) auf der (deutschen, die Hrsg.) Botschaft, wo ich zunächst bei Geheimrat Göppert, dann bei Dr. Mordmann warmes Interesse für all unsere Mitteilungen u(nd) Wünsche fand. Die Botschaft hat viel mehr getan u(nd) tut viel mehr in der armenischen Sache, als wir für möglich hielten. (Seite 129 )

30. August 1915 – Heute von 10 – 1 (Uhr, die Hrsg.) waren wir auf der Botschaft, sprachen Kommandant Humann u(nd) seinen Mitarbeiter v. Haas (…) Hauptsächlich waren wir wieder bei Mordmann, der ein sehr klares, gutes Protokoll in unserer Sache verfasste. (…) (Seite 130)

Morgen früh 7.44 , so Gott will, ab (nach Deutschland, die Hrsg.). Wie freuen wir uns! Ende! (ebd.)III. Ernst Christoffels Beobachtungen in Malatia 1916-1919

1. Die Reise von Konstantinopel nach Malatia (März/April 1916)

Christoffel nahm, Ende Februar 1916, dieselbe Route, die ein knappes halbes Jahr zuvor bereits seine Geschwister genommen hatten, jedoch in die entgegengesetzte Richtung.

Eregli, Anfang März 1916 – „In Eregli verließ ich den Zug, da ich von hier aus über Cäsarea und Siwas Malatia erreichen wollte. Das Mieten eines Reisewagens bereitete große Schwierigkeiten. (…) Die Mehrzahl der Arabadschis (Kutscher) waren Armenier. Da sie die zuverlässigsten waren, mietete man gewöhnlich einen solchen. Naturgemäß fielen dieselben jetzt ganz aus. Ferner hatte die Militärverwaltung den größten Teil sowohl der Personen- wie auch der Lastwagen beschlagnahmt (…) Der Gouverneur, an den ich mich wandte, versprach Hilfe, tat aber mehrere Tage nichts. In jenen Tagen lernte ich einige armenische Familien kennen, die, weil sie Handwerker waren, bis zu der Zeit von der Verschickung verschont geblieben waren. Verängstigt und verschüchtert wagten sie sich kaum auf die Straßen, und auch ich besuchte sie nur abends, um ihnen keine Unannehmlichkeiten zu bereiten. Mit großer Liebe verpflegten sie eine Anzahl Säuglinge, die sie nach dem Durchzug der in die Verbannung gehenden Christen am Wege hinter den Hecken und Zäunen aufgelesen hatten. (…) Sie erzählten Schauriges über die Art der Verschickung, wie die Verbannten in Viehwagen eingepfercht waren. Es gibt auf der Bagdadbahn Viehwagen für den Transport von Ziegen und Schafen, dieselben sind in der Mitte so geteilt, daß ein oberer und ein unterer Raum entsteht, so daß oben und unten Tiere verladen werden können. In diese Wagen verlud man die Verbannten, gleich wie Tiere. Stehen war nicht möglich, höchstens ein Hocken, und auch das kaum, weil die Wagen überfüllt waren. Männer, Frauen und Kinder, Gesunde und Kranke, alle durcheinander, wurden auf diese Weise tagelang befördert. Kranke starben dabei, schwangere Frauen gebaren. Was mir hier ausführlich erzählt wurde, hatte ich schon früher in Eski Schehir und Konia gehört. Aber einen wie tiefen Eindruck das Gehörte auf mich machte, er wurde verwischt von dem Furchtbaren, das ich später hörte und sah.“ (Tiefen, S. 10)

Cäsarea – „In Cäsarea mußten wir wieder einige Tage warten, ehe wir einen Wagen bis Sivas mieten konnten. Eines Tages ließ ich durch Hussein (Christoffels türkischer Diener, die Hrsg. ) einen Barbier rufen. Der gab sich mir als Armenier zu erkennen. Er war durch den Übertritt zum Islam der Ermordung entgangen. Ich fragte ihn nach einem armenischen Freunde aus Cäsarea, mit dem ich, weil er ein großes Blindenfreund war, besonders eng verbunden war. ‚Er lebt‘, sagte der Barbier, ‚aber er hat auch weiß umgebunden‘. Das sollte heißen: er ist Mohammedaner geworden. Die Konvertiten banden meistens nach mohammedanischer Sitte ein weißes oder gelbes Tuch um den Fes.“ (Tiefen, S. 11 ).

Siwas, ca. Mitte März 1916 – „In Siwas blieben wir eine Woche. Nach der Einnahme von Erserum durch die Russen war das deutsche Konsulat von dort nach Sivas verlegt. Der deutsche Konsularvertreter nahm sich der Armenier mit großer Wärme an und war auch nach Kräften der armerikanischen Mission behilflich. Ich besuchte das Siwaser schweizerische Waisenhaus, dem ich vor Gründung Bethesdas einige Jahre vorgestanden hatte. Die armenische Vorsteherin, ein früherer Zögling von mir, sagte:’Wie gut ist es, daß du als Deutscher unser Direktor warst. Daher haben wir den Mut genommen, die Hilfe des deutschen Konsuls anzurufen, und so sind wir der Verschickung entgangen.‘ In Sivas galt das Haus als deutsches. Sonntags hielt ich Gottesdienst in der Wohnung des amerikanischen Missionsarztes. Die protestantische Kapelle war Lazarett. Ein kleines Häuflein war von der großen, blühenden, protestantischen Gemeinde übrig geblieben. Das Wohnzimmer des Artzes faßte bequem die Zuhörer.“ (Tiefen, S. 11 f. )

Zwischen Siwas und Malatia, Ende März Anfang April 1916 – „Bei Aladscha Chan, einige Tagesreisen südlich von Siwas, Richtung Malatia, sah ich die ersten unbeerdigten Leichen am Wege liegen, in einer Pfütze, neben einer Haustür. Von da an mehrten sich dieselben, bis schließlich jeder Lagerplatz, der an den Resten der Lagerfeuer kenntlich war, mit einem Kreis von Skeletten umgeben war. In jeder Erdfalte lagen sie, manchmal mit Steinen notdürftig bedeckt oder oberflächlich verscharrt, von den Hunden aber wieder ausgewühlt. Zwischen Hassan Badrek (Badragh, die Hrsg.) und Kyrk Gös, einer Strecke von sechs Reitstunden, wo die Karawanenstraße durch den wasserlosen nördlichen Teil der Malatiaebene führt, war die Straße übersät mit Leichen solcher, die am Wege verhungert, verdurstet oder erschlagen waren. Als einige Wochen nach meinem Eintreffen in Malatia die Ankunft des türkischen Generalissimus mit seinem Stabe gemeldet wurde, sandte die Behörde der Stadt ein Kommando aus, die Spuren des Todesweges der Armenier zu verwischen und die Leichen zu beerdigen, und zwar in erster Linie mit Rücksicht auf die deutschen Begleiter Enver Paschas. Als ich bei meiner Heimreise im Februar 1919 dieselbe Strecke wiederkam, da lagen die bleichenden Knochen wieder am Wege.“ (a.a.O. S. 12/13)

Hassan Badragh, 7. April 1916 – “ Wie hatte das Unwetter entfesselter Rasssenleidenschaft und entfesselten Fanatismus zerstörend gewirkt! Auf der ganzen weiten Strecke die armenisch-christliche Bevölkerung verschickt oder getötet; niemand, der es wagt sich öffentlich als Christ zu bekennen, nirgends mehr eine christliche Gemeinde. Die Predigt des Evangeliums war verstummt, Kirchen und Kapellen beschlagnahmt, ausgeraubt, geschändet, die Kreuze heruntergerissen, die Glocken zerschlagen.“ (a.a.O. S. 13)2. Malatia 1916-1919

Die Überlebenden der Deportationen
„Größere Verschickungen hatten in unserer Gegend aufgehört, auch fanden Metzeleien größeren Maßstabes nicht mehr statt. Diese Art Arbeit war in der Hauptsache getan. Aber es herrschte unbeschreibliches Elend. In jedem Türkenhause befanden sich Christenkinder oder erwachsene Mädchen und junge Frauen, viele in erträglicher Lage, viele in Sklavenstellung. Der Markt und die Straßen der Stadt wimmelten von bettelnden Frauen und Kindern. Schlimmer noch war die Lage der Armenier, die in dem südlich von Malatia sich hinziehenden Gebirgszug zerstreut lebten. Die Kolonnen der von Norden kommenden Deportierten mußten dieses Gebirge durchqueren, um nachher bei Samsat den Eufrat zu überschreiten und die syrischen und mesopotamischen Ebenen zu gewinnen. Die diesen Gebirgszug bewohnenden Kurden stehen unter der Botmäßigkeit zweier Häuptlinge, Brüder, beide Teufel in Menschengestalt. Diese hatten unter den durchziehenden Armeniern viehisch gehaust.“ (Tiefen, S. 28)

„Es waren in Malatia einige Tausend Frauen, Mädchen und Kinder, z. T. zwangsweise zurückgeblieben. Wem es gelang, dem Gefängnis des Harems des zu entfliehen, der kam zu uns.“ (Tiefen, S. 29)

„Es waren in Malatia verhältnismäßig viele Witwen, denen es auf irgend eine Weise gelungen war, mit einem oder mehreren Kindern dem allgemeinen Verderben zu entrinnen“ (a.a.O., S. 30).

„Die große Mehrzahl der in der Stadt zurückgebliebenen Christen war zum Islam übergetreten, und noch ging der Islamisierungsprozeß weiter“ (a.a.O., S. 43).

„Die Leute wohnten in den Ruinen der armenischen Häuser, manchmal im Schatten einer Mauer oder eines Maulbeerbaumes, entblößt von allem, krank, ausgehungert, verzweifelt.“ (a.a.O., S. 45)

Zwangsprostitution
„In besonders schwieriger Lage waren die jungen Frauen und Mädchen. Hunger und Obdachlosigkeit trieben sie der Prostitution in die Arme, so daß schließlich Christin sein gleichbedeutend war mit Prostituierte sein“ (Tiefen, S. 29). “ (…) Die armenische Frau war vogelfrei. (…) Die Frauen und Mädchen erlitten Furchtbares. Am besten waren noch diejenigen dran, die von einem Mohammedaner in eine gesetzliche Ehe eingeführt wurden, wenn auch als 2. oder 3. Frau. Vielfach waren es die Mörder der Gatten, die die Frauen zur Ehe oder Mätresse begehrten. Man stelle sich vor, was die Armen dabei empfanden. Wehe dem Mädchen, das sich widersetzte! Wehe der Mutter, die sich weigerte ihre Tochter preiszugeben. (…) So wurden sie denn in Scharen in die Prostititution hineingetreiben. Das Innere Kleinasiens kannte bis dahin keine öffentliche Prostitution. Jetzt auf einmal machte sich die Unzucht in aller Öffentlichkeit breit. ‚ Die ganze Stadt ist ein Bordell‘, klagten die frommen Mohammedaner. (…) Schließlich schritt die Behörde zur Kasernierung. Einige halbverfallende Häuser in einem zerstörten armenischen Viertel wurden eingerichtet. Was dort bereitet wurde, war ein Stück Hölle“ (a.a.O., S. 55).

„Ein sittlicher Sumpf war die sogenannte Fabrik. Es war das ein Unternehmen eines Türken, der mit zusammengeraubtem Gelde und Material seine Weberei und Schreinerwerkstätte zu einem großen Betriebe ausgebaut hatte. Die Arbeiter und Arbeiterinnen waren Armenier. Da er Militärlieferungen hatte, konnte er jeden von der Deportation losbitten, unter dem Vorwande, daß er Arbeiter gebrauche. Er hat wirklich Hunderte von Männer und Frauen vor der Verschickung bewahrt und damit vom Tode errettet. Meistens ließ er sich dafür schwer bezahlen. Die Frauen und Mädchen waren ihm mit Leib und Seele verfallen. Die Türken nannten ihn den Hamid von Malatia, in Erinnerung an Sultan Abdul Hamid II. Er beschäftigte manchmal 7-800 Personen, davon die Mehrzahl weibliche“ ( Tiefen, S. 55 ).

„Ich habe Heldinnen unter den armenischen Frauen kennengelernt, und das, was sie in jener Zeit geleistet haben im Erdulden und in der Arbeit fürs tägliche Brot für sich und ihre Kinder, ist ein Beweis von der Tüchtigkeit des armenischen Volkes. Daß viele in dem ungewohnten Kampf erlahmten, die Waffen streckten und in den schmutzigen Strudeln des Lasters untergingen, wer wollte es wagen, sie zu verurteilen? Man kann nur Mitleid mit ihnen empfinden. Ich vergesse nicht wie mir ein Mädchen jammernd klagte :’Ich hatte doch nichts zu essen.‘ Oder jene Apothekerswitwe, eine gebildete Frau, die nicht fähig war, sich und ihre Kinder auf ehrliche Weise zu ernähren. ‚Effendim‘, sagte sie, ‚ich habe 5 Kinder, sollen die verhungern?‘ In ihren Augen hatte sie den Ausdruck eines gejagten Wildes“ (ebd.).

Kinderelend
„Bei den Deportationen im Jahre 1915 hatte die Behörde von Malatia viele herrenlose Kinder gesammelt, andere ihren Müttern weggenommen unter dem Vorwande, sie in Waisenhäusern zu erziehen. In den meisten Fällen gaben die Mütter ihre Kinder willig her, da es der einzige Weg war, ihre Lieblinge zu retten. So waren gegen 8000 Christenkinder zusammengebracht und in Schulen, Kirchen und leerstehenden Häusern untergebracht worden. Man nannte diese Häuser Waisenhäuser. Sie waren aber alles andere, nur nicht dieses. … Die Zustände in den Häusern waren furchtbar. Hunger und Seuchen verringerten die Zahl der Kinder täglich. Die armenischen Frauen und türkischen Beamten, welche die Kinder betreuen sollten, nahmen meistens das, was diesen zukam. Einige haben sich auf diese Weise direkt bereichert. Es waren besondere Frauen angestellt, die des Morgens die Leichen der in der Nacht Gestorbenen an einem Strick herausschleifen mußten. Sie warfen dieselben in die das Gebäude umgebenden Gärten, wo die Hunde sich über den Leichen zerbissen. Heute noch sind die Gärten übersät mit Menschenknochen. Nach Ablauf von vier Monaten waren von den 8000 Kindern noch vierhundert vorhanden. Diese wurden durch den menschenfreundlichen Bürgermeister gerettet, indem er sie in die umliegenden Kurdendörfer verteilte. Ein Teil von ihnen fand später den Weg nach Bethesda.“ (a.a.O., S. 57f.)

„Kinderelend wurde auch verursacht durch die Massenadoption der herrenlosen Christenkinder von seiten der Mohammedaner. Es ist zweifellos , daß viele Mohammedaner aus den edelsten Motiven armenische Kinder adoptierten. In solchen Fällen wurden sie wie wirkliche Kinder gehalten. Dann aber lebten ungezählte, Knaben und Mädchen, in einem entsetzlichen Sklavenverhältnis, wurden gekauft und verkauft, oder nach Ausnutzung auf die Straße gejagt. Viele solcher haben wir in Bethesda aufgenommen. … Unsagbar war das materielle Elend der Kinder, größer aber das moralische. Viele versklavte Knaben und Mädchen dienten den bestialischen Gelüsten ihrer Herren und Herrinnen. Ein alter Mann hielt sich 15 Mädchen unter 12 Jahren. Nachher fand man die Leichen eines Teiles in der Straße, die anderen wurden weggejagt. Kinderprostitution – man suche zu verstehen, was in diesen Worten liegt. Man muß diese Kinder gesehen haben, wie sie mit frechen wissenden Augen die Straßen durchstrichen und vor den Kasernen lungerten.“ (Tiefen, S.59 f.)

Die armenischen Viertel
“ In der Stadt wurden die verlassenen armenischen Häuser auf Abbruch verkauft und das Holzwerk verfeuert. Auch die schönsten, ganz neuen Häuser machten da keine Ausnahme. Die armenischen Viertel waren ein Trümmerhaufen, als ob sie ein schweres Bombardement erlitten hätten.“ (Tiefen, S. 33 )

Hunger und Not in der Stadt
„Mit der Entwertung des türkischen Papiergeldes war eine unnatürliche Steigerung der Lebensmittelpreise verbunden. Der Brotpreis stieg auf das hundertfache des Normalpreises vor dem Kriege. Gerste kostete das fünfzigfache“ (a.a.O. S. 34 ). „Der Hunger! Dieser entsetzliche Würger hat tausend und abertausend junge Menschenkinder umgebracht, Christenkinder und mohammedanische. Das kann man nicht schildern. Mir stehen Szenen vor Auge, vor denen es mir bis heute noch schaudert, und wir waren doch an allerlei gewöhnt. (…) In der Nähe Bethesdas war ein Militär-Proviantmagazin. Dort wurde über Tag Getreide verladen und an die Front geschickt. Dasselbe war stets umlagert von hungernden Frauen und Kindern, Christen und Mohammedanern, die aus dem Straßenstaub die Getreidekörner suchten. Auch stürzten sie sich auf den frischen Pferdekot und durchsuchten ihn nach Gerstenkörnern, die dann gierig verschlungen wurden. In Scharen kamen die Hungernden auf die Bethesda umgebenden Felder und verschlangen jedes grüne Hälmchen. (…) Vor dem städtischen Schlachthof stand jederzeit ein Schar Kinder mit allerlei Gefäßen, in denen sie das Blut der geschlachteten Tiere auffingen und gierig tranken, oder sie stritten sich mit den Hunden um die weggeworfenen Eingeweide der Tiere“ ( a.a.O., S. 60 ).

„So war unser Leben (in Bethesda, die Hrsg.) kein üppiges, aber im Vergleich mit der draußen herrschenden Hungersnot erträglich. Mir ist es heute noch wie ein stehendes Speisungswunder, daß wir unter d e n Verhältnissen, mit den geringsten Mitteln eine so große Schar von Menschen am Leben erhalten haben.“ (a.a.O., S. 33)

„Eine große Schwierigkeit bot die Beschaffung von Brennmaterial. (…) Im übrigen haben wir unendlich gefroren. Wenn es im Winter gar zu kalt wurde, ließ ich auch am Tage alle in den Betten“ (a.a.O., S.33f.).3. Der körperliche und seelische Zustand der Armenier in Malatia

Christoffels Bericht enthält für Historiker des Völkermordablaufs wertvolle Einzelheiten zu den medizinischen und psychischen Problemen,die die Überlebenden quälten.

Krankheiten
„Abgesehen davon, daß die meisten Neuaufgenommenen (Armenier, die Hrsg.) schon ihrer allgemeinen Körperschwäche wegen ganz besonderer Pflege bedurften, brachte fast jeder irgend eine Krankheit mit, so daß Bethesda manchmal mehr einem Lazarett glich als einer Anstalt für Gesunde. (…) Alle Neuaufgenommenen, ohne Ausnahme, waren stark verlaust, und zwar in einem Maße, wie ich, der ich doch schon länger im Orient war, es nicht für möglich gehalten hätte. (…) Ein anderer Feind, mit dem wir andauernd zu kämpfen hatten, war die Krätze. Es scheint nicht die eigentliche Krätze gewesen zu sein. Die Armenier nannten sie die Verbannungskrankheit, und jeder Deportierte hatte sie. (…) Hände, Arme und Beine waren am meisten befallen. Es bildeten sich tiefe eiternde Wunden. Hände und Füße waren dick geschwollen, Finger und Zehen von einander gespreizt. (…) Die meisten erwachsenen Mädchen kamen behaftet mit Unterleibsleiden. (…) Auch viele Dysenteriekranke mußten wir aufnehmen und behandeln. Vielfach waren die Fälle soweit fortgeschritten, daß eine Heilung nicht mehr möglich war. (…) Große Schwierigkeiten, und viel Arbeit bereiteten die Grindkrankheiten der Kinder, die sich durch die Deportation stark verbreitet hatten. (…) Durch die Deportation und die dadurch verursachte Unterernährung hatte die Tuberkulose eine furchtare Verbreitung gefunden, besonders unter der Kindern. Wir hatten auch eine ganze Reihe, die dahinwelkten wie Pflanzen, denen es an Luft und Sonne fehlt. (…) Am meisten verbreitet war die Malaria. Vor dem Kriege hatten wir verhältnismäßig wenig. Jetzt aber litt jeder, der kam, an chronischer Malaria. Das war besonders tragisch bei den schwachen Kindern, die sich aus dem Grunde gar nicht erholen konnten.“ (Tiefen, S. 39 ff. )

„Skorbut, Fleckfieber, Typhus, Dysenterie, Malaria, Cholera und Krätze grassierten. Ärztliche Behandlung war nicht zu erhalten, noch weniger Medizin und Krankenkost.“ ( Tiefen, S. 45 )

„Da die große Mehrzahl schon halb verhungert und unterernährt zu uns kam, hätten sie besonders kräftiges Essen haben müssen. Viele kamen mit Darmkrankheiten und mußten Diat halten. Es schnitt ins Herz, wenn man den Einzelnen nicht geben konnte, was ihr Zustand erforderte. Besonders verhängnisvoll war der Mangel an Milch. (…) Das war die traurige Ursache, daß wir keinen unserer Säuglinge durchbrachten, und daß manches schwache Kind trotz sorgfältiger Pflege und unendlicher Mühe dennoch starb.“ (Tiefen, S. 32f.)

Die seelischen Nöte
„Um den Leuten religiöse Werte übermitteln zu können, mußte man versuchen, sich in ihren Seelen- und Gemütszustand zu versetzen; man mußte versuchen ‚m i t zuerleben‘. Das aber war furchtbar, und ich war oft an der Grenze meiner Tragfähigkeit. Besonders in den ersten Monaten war ich abends seelisch krank von dem am Tage Gehörten, Gesehenen und Erlebten. (…) Es war den Armen schon eine Erleichterung, ihr Herz einmal auszuschütten und das erfahrene Leid und die gegenwärtige Not klagen zu können. (…) Das furchtbare Erleben hatte natürlich auf die Einzelnen verschieden gewirkt. Die einen brüteten fatalistisch dahin, die andern bäumten sich wild auf. Die einen beseelte nicht zu stillender Schmerz, die andern huldigten zynischer, sittlicher Zügellosigkeit.“ (Tiefen, S. 43f. )4. „Das größte Verbrechen der Weltgeschichte“: Ernst Christoffels Einschätzung der „armenischen Verfolgungen“

„Mit einer an sich bewundernswerten Konsequenz, verbunden mit der ganzen Brutalität, deren die Asiaten fähig sind, ging man vor. Seitun, Dörtjol, Suedidsche, Wan sollten den Beweis geliefert haben, daß das armenische Element ein unzuverlässiges sei. Solches durfte man im Rücken der Armee nicht dulden. Deshalb mußte die Aussiedelung dieses unruhigen Elementes innerhalb des Kriegsgebietes vor sich gehen. Nur, daß die große Masse des armenischen Volkes in Distrikten lebte, die nie als Kriegsgebiet angesehen werden konnten. Man ging schrittweise vor. Zuerst beraubte man das Volk seiner Führer, indem man die Intelligenz ins Gefängnis warf, verschickte, hinrichtete oder in den meisten Fällen ohne gerichtliches Urteil tötete, d.h. mordete. Die Männer und Jungmannschaft waren zum Kriegsdienst eingezogen und wurden als sogenannte Arbeitsbataillone zum Straßenbau und ähnlichen Arbeiten verwendet. Regel war es, wenn die Arbeiten vollendet waren, daß sie massenweise abgeschlachtet wurden. Vielfach mußten sie sich vorher selbst das Grab graben. Dann kam als letztes die Verordnung, daß sämtliche Armenier ausgesiedelt und in Syrien und Nordmesopotamien wieder angesiedelt werden sollten. Im Sommer 1915 sehen wir das ganze armenische Volk, gegen eineinhalb Millionen Menschen, meist Frauen, Kinder und Greise, auf der Wanderung nach dem Süden. Eine solche Massenbewegung ordnungsgemäß durchzuführen, wäre in jenem Lande auch nicht möglich gewesen, wenn die Behörde redliche Absichten gehabt hätte. Diese hatte sie nicht. (…) Von Tag zu Tag verminderte sich die Zahl der Wandernden, bis nur kleine Minderheiten Syrien und Nordmesopotamien erreichten. Hier wurden sie in Sammellagern untergebracht und man ließ sie, es waren immerhin noch viele Tausende, dahinsterben, an Hunger, an Durst, an Seuchen. Mitleidiger war es schon, daß man ganze Belegschaften der Sammellager abschlachtete, um dem Nachschub Platz zu machen.“ (Saat, S. 111ff. )

“ (…) Die Verluste des armenischen Volkes seit der Verschickung Sommer 1915 bis heute übersteigen 1 Million. (…) Es ist kein Zweifel, das, was dem armenischen Volke angetan wurde und noch angetan wird, ist das größte Verbrechen der Weltgeschichte. Wird das Volk der Reformation die gänzliche Vernichtung einer christlichen Nation als gegebene Tatsache hinnehmen?“ schrieb Ernst Christoffel am 26. März 1917 aus Malatia an Pastor G. Stoevesandt nach Berlin und bat ihn, von seinem Brief Gebrauch zu machen. Johannes Lepsius veröffentlichte das unter dem unmittelbaren Eindruck des Völkermords verfaßte Dokument 1919 in seiner offiziösen Aktensammlung „Deutschland und Armenien“  (20). Zur angeblichen Schuld der Armenier an ihrer Verfolgung äußerte Christoffel im selben Brief: “ (…) Den armenischen revolutionären Kreisen die Verantwortung zuzuschieben ist ein Unsinn. Die haben vom türkischen Standpunkt aus gefehlt, nicht so vom armenischen aus. Die Nation als solche war nicht schuldig. Das weiß die türkische Regierung so gut wie jeder hier im Land. Für uns deutsche Missionare ist es unsagbar schwer, daß Deutschland von Christen und Muhammedanern als Urheber der Greuel angesehen wird. Die Ansicht wird von türkischer Seite genährt und gestärkt. “  (21)

„Offiziell bezeichnet die türkische Regierung sich selbst als Urheber der Deportation. Am 1. März 1916 gab sie den Vertretungen der fremden Mächte eine Note, in der es heißt: Die Behauptung, wonach diese Maßnahmen der Hohen Pforte durch gewisse fremde Mächte suggeriert seien, sind von Grund aus haltlos…“ (Saat, S. 115 )

Insgesamt versuchte Christoffel jedoch, Deutschland und das türkische Volk von jeglicher Mitverantwortung für den armenischen Völkermord freizusprechen. Im ersten Fall sprach aus ihm der deutsche Nationalist, im zweiten Fall liegen die Dinge komplizierter. „Das türkische Volk als solches stand abseits, nicht einmal die ganze jungtürkische Partei war beteiligt. Vielmehr ist es innerhalb der Partei eine kleine Gruppe, die sogenannten Pantürkisten, die verantwortlich zu machen ist“ (Tiefen, S. 67 ). Nach dieser Aussage, die im übrigen sowohl seinen eigenen wie auch Bauernfeinds Beobachtungen widerspricht  (22), kommt er auf des Pudels Kern: „Der Weg, durch die Vermittlung der orientalischen Christen an die Mohammedaner heranzukommen, hat sich als ungangbar erwiesen, und muß aufgegeben werden. Die orientalischen Christen werden auf unabsehbare Zeit hin durch einen antitürkischen Chauvinismus an einer gerechten Beurteilung der Türken gehindert sein. Wer den Mohammedanern missionarisch dienen will, muß sich hinfort unmittelbar an sie wenden. Ich glaube, daß in der Richtung eine Zukunftsaufgabe der deutschen Mission liegen wird“ (Tiefen, S. 124 ).

In der Folge legte die Christoffel Blindenmission den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Mohammedanermission, die Christoffel bis 1925 in der Türkei durchzuführen hoffte  (23). Seine Schrift „Aus dunklen Tiefen“ schloß er daher mit einer Sympathiewerbung für die Türken als zukünftige Objekte der Mission ab und versucht die Freunde und Förderer seiner Missionsgesellschaft auf die neue Aufgabe einzustimmen.

Christoffel ist ebensowenig wie Bauernfeind eine philarmenische Haltung nachzusagen, doch im Gegensatz zu seinem Schwager war Christoffel auch kein Armenierfeind. Seine Haltung zu den Armeniern, die den größten Teil seiner „Bethesdafamilie“ ausmachten , seine engsten Mitarbeiter und zuverlässigsten Helfer stellten, ist bisweilen von Symphatie, häufiger aber auch von Amibivalenz und letztlich von missionspolitischen „Notwendigkeiten“ geprägt. Wieder im Gegensatz zu Bauernfeind trennte Christoffel allerdings politische und persönliche Ansichten und Überzeugungen strikt von der für ihn selbstverständlichen Pflicht zu aufopfernder humanitärer Hilfe für Verfolgte und Notleidende. Sein Credo lautete immer: „Bei einem Unglück, welches das Gastvolk eines Missionars trifft, wird derselbe gleichermaßen in Mitleidenschaft gezogen. Er kann sich, seiner ganzen Einstellung und seiner Aufgabe nach, demselben nicht entziehen. So wird er mehr als andere Menschen von dem Jammer der Menschheit angefaßt.“ (Saat, S. 145 )

 


 

(1) Veröffentlicht 1998 in der französischen Übersetzung von Meliné Pehlivanian unter dem Titel «Malatia 1915: Carrefour des convoics de déportés d’après le Journal du missionare Hans Bauernfeind ». In: « Revue d’histoire arménienne contemporaine », Numéro spécial (L’extermination des déportés arméniens Ottomans dans les camps de concetration de Syrie-Mésopotamie (1915-1916)), la deuxième phase du génocide. tome II, 1998, S. 247-336. – Die Veröffentlichung des deutschen Originals erfolgt hier zum ersten Mal.
(2) Laut Mitteilung von Dr. Kay Seyffart (Bremen) vom 15. Mai 2005
(3) In chronologischer Reihenfolge: Christoffel, Ernst J.: Wie uns vier deutschen Jungen in Malatia besuchten. Berlin: Christliche Blindenmission im Orient, 1913, 102 S.; ders., Aus dunklen Tiefen: Erlebnisse eines deutschen Missionars in Türkisch-Kurdistan während der Kriegsjahre 1916-1918. Berlin-Friedenau: Christliche Blindenmission im Orient e.V., 1921 126 S.; ders., von des Heilands Lieblingen: Ergreifende Kinderschicksale aus dem Orient. 2. Aufl. Berlin-Friedenau: Verlag der Christlichen Blindenmission im Orient e.V., (1929) ; ders., Von des Heilandes Brüdern und Schwestern: Bilder aus evangelischer Missionsarbeit im Orient. Berlin-Klein-Machnow: Verlag der Christlichen Blindenmission im Orient e.V., 1930, 120 S.; ders., Zwischen Saat und Ernte: Aus der Arbeit der Christlichen Blindenmission im Orient. Berlin: Christliche Blindenmission im Orient, 1933, 320 S. 1971 veröffentlichte die Christoffel-Blindenmission einen Sammelband mit Schriften Christoffels. Vgl. Christoffel: Aus der Werkstatt eines Missionars. Lahr-Dinglingen: Verlag der Christoffel-Blindemission im Orient e.V., (o.J.). 272 S.
Im Weiteren werden die Hauptquellen – Bauernfeinds Tagebuch und Christoffels Schriften – in Kurzform (Datum und Seitenzahl bzw. als “Tiefen” und “Saat” nebst Seitenzahl) zitiert.
Zur Tätigkeit Christoffels und seines Missionswerkes siehe auch:
Peitz, Marietta: Wurzeln und Zweige: 80 Jahre Christoffel-Blindenmission. Stuttgart: Radius-Verlag, 1988, 126 S.; Schmidt-König, Fritz: Ernst J. Christoffel: Vater der Blinden im Orient. Gießen: Brunnen-Verlag, 1969 (1. Aufl.). 71 S.
(4) Es handelt sich um eine Übersetzung von Christoffels “Zwischen Saat und Ernte” durch Willie Chad (Willie Chaderdjian), den im November 1989 verstorbenen Sohn der armenischen “Bethesda”-Mitarbeiter Makruhi und Karapet. Eine Kopie der Übersetzung wurde Tessa Hofmann am 26.3.1990 von Marlene Petersen übersandt.
(5) Feigel, Uwe: Das evangelische Deutschlandbild und Armenien: Die Armenierhilfe deutscher evangelischer Christen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Kontext der deutsch-türkischen Beziehungen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1989. S. 170 (Kirche und Konfession: Bd. 28)
(6) Vom Werden einer Mission. Hrsg. von Missionsinspektor Hermann Lörner. Wuppertal-Bremen: Aussaat-Verlag, 1948, S. 3. Zur Missionsgeschichte vgl. auch: Schmidt-König, Fritz: Ernst J. Christoffel: Vater der Blinden im Orient. 9. Aufl. Giessen/Basel: Brunnen-Verlag, 1969. 71 S.
(7) Die Angabe von 60000 entstammt der Missionsschrift “Vom Werden einer Mission” (a.a.O., S. 5). Sie steht im Widerspruch zu offiziellen osmanischen Veröffentlichungen im “Salnameh” (“Staatsalamanach”) und darauf basierenden statistischen Angaben im Ausland: So gab der “Salnameh” für das Jahr 1296 (26. Dezember 1878 bis 14. Dezember 1879) für den gesamten Sandschak Malatia eine Bevölkerung von nur 21710 Einwohnern an. – Vgl. Mordtmann, A.D.: Die Administrativ-Eintheilung des osmanischen Reiches. “Globus” Bd. XXXV, Nr. 17, 1879, S. 265. Nach dem halbamtlichen “Wakyt” vom 22. November 1879 lebten dagegen allein in der Stadt Malatia 8920 Muslims, 3595 Christen und insgesamt 12515 Einwohner, im Sandschak Malatia 82249 Einwohner. Mordtmann kommentierte: „Leider ist diese Publication eben so liederlich, wie jetzt alle officiellen Publicationen, d.h., die damit Beauftragen können weder fertig lesen noch richtig addieren, so daß ich jeden Namen und jede Zahl controlieren mußte durch die Karte und durch Addition in horizontaler und verticaler Richtung. Unter ‚Christen‘ sind wohl überhaupt Nicht-Muhammedaner zu verstehen, also auch wohl die dort wohnenden Juden, Jesidier u.s.w.” – Mordtmann, A.D.:Officielle Bevölkerungsziffern aus der asiatischen Türkei. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin”, Bd. 15, 1880, S. 132 f.
Der amerikanische Konsul von Charberd, Leslie A. Davis, gibt für 1917 eine Einwohnerzahl von “etwa 30000” in Malatia an. – Ders., La Province de la mort. Paris, 1994, S. 231
(8) Davis, a.a.O., S. 113
(9) In der fremdsprachigen Literatur über Malatia wird der Familienname als
Tamsarjan wiedergegeben.
(10) Im Unterschied zu dieser Klage genoß “Bethesda” 1915 und 1916 durchaus die Unterstützung der deutschen Botschaft zu Konstantinopel. Christoffel und sein Schwager Bauernfeind unterhielten gute Beziehungen zum Botschaftsprediger Pastor Graf von Lüttichau, der nicht nur bei Geldschwierigkeiten aushalf, sondern bei Bedarf auch die Botschaft einschaltete. – Vgl. Feigel, a.a.O., S. 205, Anm. 5
(11) Mesereh ist das heutige Elazig, das in osmanischer Zeit die Unterstadt der Doppel-Provinzhauptstadt Charberd-Mesereh (oder Harput-Mesereh) des Mutessarriflik Mamuret-ul-Asis (später Wilajet Harput) bildete. Das weit ältere Harput, eine armenische Gründung (Charberd) im Nordosten Elazigs, bildet jetzt eine unbedeutende Siedlung.
(12) Arha, auch Arrha oder Arga, der Hauptort des Kasa Akcadag, befand sich laut Bauernfeind acht (Reit)stunden von Malatia entfernt. Heute heißt der Ort Akcadag.
(13) “Pampisch” heißt auf Armenisch “Führerin”; laut Davis wurden so Frauen bezeichnet, die lesekundig waren. – Davis, a.a.O., S. 144
(14) Schroeter, Ulrike: Dienst am Islam. Berlin: Christliche Blindenmission im Orient, 1927, 6 S.; Christoffel, Ernst: Missionsmöglichkeiten in der Türkei. Berlin: Christliche Blindenmission, 1925
(15) Graffam, Mary L.: Miss Graffam’s Own Story, June 28, 1919, ABC 16.5, Vol. 6, No. 274, In: The Archives of the American Board of Commissioners for Foreign Missions, Houghton Library, Harvard University. Im Folgenden zitiert nach: Hovannisian, Richard (ed.): The Armenian Genocide: History, Politics, Ethics. New York, 1992, S. 103 ff.
(16) Hovannisian, a.a.O., S. 117
(17) Richtige Namensform: General Posseldt, 1915 Kommandant der Festung Ersurum
(18) Thora von Wedel-Jarlsberg und Eva Elvers (richtige Namensform) pflegten vom Oktober 1914 bis April 1915 in Erserum verwundete türkische Soldaten und traten dann in in den Dienst des Roten Kreuzes in Ersindschan, von wo sie am 21. uni 1915 abreisten. Ihre Beobachtungen über die Deportation der Armenier aus Ersindschan sowie unterwegs legten sie in ihrem “Bericht über die Ereignisse in Erzingjian Juni 1915” nieder. Er wurde unter anderem im Anhang des Prozeßprotokolls im Verfahren gegen Soromon Tehlerjan veröffentlicht. – Vgl. Der Völkermord an den Armeniern vor Gericht: Der Prozeß Talaat Pascha. Neuaufl. Hrsg. u. eingel. von Tessa Hofmann. Göttingen; Wien: Gesellschaft für bedrohte Völker, 1985, S.129-130
(19) Hierzu ergänzend Christoffel: “Von ihrem Transport, der ungefähr zehntausend Köpfe betrug, erreichten noch nicht zehn ihren Bestimmungsort Wiranschehir. Es ist das eine Stadt am Rande der Wüste, zwischen Urfa und Mardin gelegen.” (Saat, S. 164)
(20) Zitiert nach: Deutschland und Armenien 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke. Hrsg. u. eingel. von Johannes Lepsius. Potsdam 1919 (Reprint Bremen 1986), S. 353 ff.
(21) Deutschland und Armenien, a.a.O., S. 354
(22) Dem blinden Türken Habesch zufolge waren immerhin 80 Prozent der türkischen Bevölkerung Malatias mit den Maßregeln gegen die Armenier einverstanden. – Vgl. Bauernfeind, Ernst: Tagebuch, Eintragung vom 4. Juli 1915
(23) Er propagierte sie in seiner Schrift “Missionsmöglichkeiten in der Türkei”, a.a.O.