Verschwiegene Helden

Ich war wohl nicht älter als zehn Jahre, als ich eines Tages (…) meinen Vater, dessen Meinung ich bedingungslos akzeptierte, fragte:
„Stimmt es, dass Juden ein schlechtes Volk sind?“
„Es gibt kein schlechtes Volk, mein Kind“, erwiderte mein Vater.
„Es gibt nur schlechte und gute Menschen.“
„Und was ist dann mit den Türken?“
„Das trifft auch auf die Türken zu.“
(Sapel Jessajan: Die Gärten von Silihdar. 1935) Derjenige, der ein einziges Leben rettet, rettet ein ganzes Universum! (Talmud/Mischnah, Sanhedrin 4:5)

 

Völkermord reduziert das Verhalten von Menschen auf vier Grundarten: Sie werden zu Tätern oder Opfern, zu passiven Zuschauern oder aktiven Helfern der Opfer. Mit Ausnahme der Opfer bestimmen die Menschen selbst, ob sie sich an dem größten aller Verbrechen beteiligen, ihre Teilnahme verweigern und Widerstand leisten, den Opfern helfen oder sie sogar retten wollen oder ob sie durch Wegschauen und Gleichgültigkeit das Verbrechen erst ermöglichen. Der Völkermord, der in der letzten Dekade osmanischer Herrschaft an über drei Millionen Christen osmanischer Staatszugehörigkeit verübt wurde, bildet keine Ausnahme von dieser Regel.

Der unter der Führung des Komitees für Einheit und Fortschritt (İttihat ve Terakki Cemiyeti; alias Jungtürken) während des Ersten Weltkriegs verübte Völkermord wurde systematisch, unter Beteiligung breiter Massen durchgeführt. Gleichwohl kann die Verantwortung für die damaligen Verbrechen gegen die Menschheit nicht der Gesamtbevölkerung zur Last gelegt werden. (1) Aus gutem Grund ahnden internationale und nationale Gerichte nicht die kollektive, sondern stets die persönliche Schuld an Verbrechen gegen die Menschheit. Nicht Nationen, sondern Personen sind schuldfähig und vor Gericht zu ziehen.

Von Beginn des Genozids an den osmanischen Armeniern gab es Beamte, die den Befehlen des jungtürkischen Komitees nicht gehorchten oder diese infrage stellten, sowie einfache Bürger, die entgegen anderslautenden Behördenanweisungen armenischen Familien Schutz gewährten, sie versteckten und dadurch vor der Vernichtung retteten. Diese “Helfer” aus der osmanisch-muslimischen Bevölkerung sind uns nicht nur durch zeitgenössische Zeugenaussagen bekannt, sondern gingen auch in das Kollektivgedächtnis ein.1

In der nachosmanischen, republikanischen Türkei mutierten, wie wir in dem Abschnitt “Täterverehrung” dokumentieren (vgl. http://1915.de/voelkermord-1915/taeterverehrung/), Massenmörder zu Helden. Die blutbefleckten Paschas aus der Führungsriege des Komitees für Einheit und Fortschritt werden bis heute durch Kultstätten geehrt, durch Namensgebungen von Boulevards sowie durch Huldigungen bei verschiedenen Anlässen als patriotische Vorbilder gewürdigt. Vollstrecker des Genozids, die armenische und griechische Kinder und Frauen ihrer Wurzeln, Religion und Sprache beraubten, sie in ihren eigenen Haushalten als Sklaven und Sexualobjekte missbrauchten, werden als Retter der türkischen Nation dargestellt. (2)

Dieser Abschnitt handelt dagegen von den Rettern und Helfern der Opfer als den eigentlichen Helden des dunkelsten Abschnitts in der neueren türkischen Geschichte. Wir beabsichtig mit unserer Dokumentation nicht, die in der heutigen Türkei lebenden muslimischen Volksgruppen “rein” zu waschen, denn eine solche Aufgabe stellt sich nicht – siehe die obigen Hinweise auf juristische Schuld, die stets individuell festzustellen ist. Wir erachten es aber aus ethischen und didaktischen Grundsätzen für unerlässlich, gerade angesichts der Verleugnung, Verdrängung und Entstellung der neutürkischen Geschichte, jener Menschen zu gedenken, die in Zeiten der totalen Menschenverachtung Mensch geblieben sind. Sie sind unsere wahren Vorbilder und Helden.

Held zu sein bedeutet, selbst unter widrigsten Umständen die eigenen Interessen hintanzustellen, um der Benachteiligung, ja Gefährdung eines Mitmenschen vorzubeugen oder sie zu beenden. Individuen sind nur dann in der Lage, den Gedanken an Schutz oder Hilfeleistung zu entwickeln, wenn sie die Fähigkeit zur Wahrnehmung der vorhandenen oder zu erwartenden Befindlichkeit eines Anderen besitzen, sich also in die Lage eines anderen Menschen versetzen können. Die Umsetzung dieses Grundsatzes in die Handlungsebene ist nur durch die “Volution”, das heißt durch “das Hören der inneren Stimme”, also des Gewissens, möglich.

Es kann davon ausgegangen werden, dass das wichtigste Unterscheidungsmerkmal unserer “verschwiegenen” Helden das oben erwähnte Vermögen zur Empathie darstellt. Dies unterscheidet im Fall eines Verbrechens die Helfer und Retter der Opfer von den Tätern und gleichgültigen Zuschauern. Zudem kennen diese Helden keine höhere Autorität als die Stimme ihres Gewissens. Weiterhin ist bekannt, dass Menschen, die als Staatsdiener oder einfache Bürger beschützend auftreten und sich totalitären Staatsanordnungen verweigern, unabdingbar gerechtigkeitsgebunden und angstfrei sind, selbst wenn ihre Handlungen zum Verlust ihrer beruflichen Stellung, ihrer Freiheit oder sogar ihres Lebens führen könnten. (3)

Zugegebenermaßen sind die individuellen Hilfs- und Handlungsmöglichkeiten oft begrenzt. Menschen, die die oben aufgeführten Fähigkeiten besitzen, finden aber in jedem Fall eine Möglichkeit zur Hilfe, wie unsere Beispiele veranschaulichen.

Bei der Recherche der gerechten Muslime osmanischer Staatsangehörigkeit stoßen wir auf unterschiedlichste Quellen. Unter dem staatlichen Zwang, mit dem Schandmal auf der Stirn zu leben, versuchte sich die Bevölkerung der Türkei an „die Großväter“ zu erinnern, die das ehrbare Gesicht verkörpern. Trotz aller sonstigen Meinungsverschiedenheiten sind sich nämlich Sozialisten, Humanisten, Religiöse und Nationalisten an einem Punkt einig: Die letzte Epoche der Osmanen wurde zur Schaubühne einer zutiefst menschenunwürdigen Tragödie. Daher klammern wir uns an die wenigen positiven Erscheinungen, die unseren Schmerz lindern und uns darüber hinaus Hoffnung geben und eine gewisse innere Ruhe und Frieden verschaffen.

Wir gedenken in allen Ehren unserer verschwiegenen Helden. Das sind nicht nur jene, die die Menschenwürde zum obersten Grundsatz ihres Handelns erhoben, sondern auch jene, die oft aus zutiefst religiöser Überzeugung heraus unter allen Umständen gerecht und würdevoll handelten. Wir widmen unsere Arbeit den namenlosen Helden in aller Welt und zu allen Zeiten. (4)

Zugleich sind wir uns bewusst, dass unsere Dokumentation nicht vollständig sein kann. Die jahrzehntelange Leugnung des spätosmanischen Genozids hat nicht nur den Kult an den Mördern und politisch Verantwortlichen hervorgerufen, sondern trägt auch daran Schuld, dass in der Geschichtsforschung eine erhebliche Lücke klafft. Die Folge ist, dass sich die heute in der Türkei lebenden Generationen nicht oder nur bruchstückhaft über ihre wahren Helden und Vorbilder bewusst sein können. Wir bitten darum unsere Leser/Innen, unsere Arbeit zu unterstützen und weiterreichende Informationen und Kenntnisse mitzuteilen bzw. beizutragen.

Weiterführende Literatur:
Richard Hovannisian:
„Intervention and Shades of Altruism During the Armenian Genocide“  (  240kb)    
Semelin, Jacques; Andrieu, Claire; Gensburger, Sarah (Ed.):
Resisting Genocide: The Multiple Forms of Rescue. New York, Chichester, West Sussex: Columbia University Press, 2011
Darin: Göçek, Fatma Müge: In Search of the “Righteous People”: The Case of the Armenian Massacres 1915, S. 33-51; Tevosyan, Hasmik: Rescue Practices during the Armenian Genocide, S. 163-182; Kévorkian, Raymond: Ottoman officials against the Armenian genocide: A comparative approach to Turkish towns, S. 183-200; Üngör, Ugur Ümit : Conversion and Rescue: Survival Strategies in the Armenian Genocide, S. 201-218; Kieser, Hans-Lukas: Beatrice Rohner’s work in the death camps of the Armenians in 1916, S. 367-382; Ternon, Yves: The impossible rescue of the Armenians of Mardin: The Sinjar Safe Haven, S. 383-394Resisting Genocide: The Multiple Forms of Rescue    
Berlin, Jörg; Klenner, Adrian (Hg.):
Völkermord oder Umsiedlung? Das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich; Darstellung und Dokumente. Köln: Papyrossa Verlagsges., 2006
Darin: Kap. 6: Helfer und Opposition von Türken gegen die Regierungspolitik. S. 311-334