Gouverneur von Ankara

Gouverneur Hasan Mazhar Bey, der seit dem 18. Juni 1914 das Amt des Provinzstatthalters versah, hat die Haltung, die er während des Genozids zeigte, wie folgt begründet:

„Ich habe so getan, als ob ich die Deportationsbefehle aus Istanbul nicht verstanden hätte. Sie wissen ja, in anderen Provinzen hatte man bereits Deportationen durchgeführt, und ich hatte noch nicht damit begonnen. Atıf Bey [Kamçill] kam und teilte mir den Befehl des Innenmisters in aller Deutlichkeit mündlich mit. Es hieß, die Armenier sollten während der Deportation ermordet und vernichtet werden. Ich habe erwidert. Ich sagte: Nein, Atıf Bey! Ich bin ein Gouverneur und kein gewissenloser Räuber (eşkıya). Ich kann es nicht machen. Ich stehe jetzt von diesem Stuhl auf, du kommst und machst es.“

Innenminister Talat enthob am 8. Juli 1915 umgehend Hasan Mazhar seines Amtes und ernannte an seiner statt den Delegierten der Ittihat ve Terakki, Atιf Bey, zum kommissarischen Leiter. In seiner kurzen Amtszeit vom 14. Juli bis 3. Oktober 1915 vernichtete Atιf mit bemerkenswerter Grausamkeit die armenische Bevölkerung dieser Provinz.

Nachdem vor allem griechisch-osmanische Parlamentsabgeordnete eine juristische Untersuchung der während des Weltkriegs an der christlichen Bevölkerung begangenen Verbrechen gefordert hatten, entstand nach Kriegsende eine im Losverfahren bestimmte parlamentarische Untersuchungskommission mit 20 Mitgliedern, die “Fünfte Kommission”.

Außerdem ordnete am 23. November 1918 der Sultan als osmanisches Regierungsoberhaupt die Gründung einer mit weitreichenden Vollmachten ausgestatteten Untersuchungskommission (“Kommission zur Ermittlung der Missetaten”) unter Leitung von Hasan Mazhar an. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Beweismaterial sicherzustellen und Zeugen zu vernehmen, wobei es insbesondere um die Verwicklung Öffentlich Bediensteter in die Verbrechen des jungtürkischen Kriegsregimes ging. Insgesamt stellte die Kommission in nur drei Monaten 300 Akten bereit und sicherte allein aus der Provinz Ankara 42 verschlüsselte Telegramme, die die Deportation und Vernichtung der armenischen Bevölkerung betrafen. Das von der Kommission bereit gestellte Beweismaterial bildete die Grundlage für die ab Januar 1919 tätigen osmanischen Sonder-Kriegsgerichtshöfe, die sich um die juristische Aufarbeitung der Verbrechen bemühten; sie besaßen ebenfalls Untersuchungskommissionen, die mit denselben Vollmachten wie die Mazhar-Kommission ausgestattet waren.

In der internationalen Rechtsgeschichte handelte es sich um den erstmaligen Versuch, staatliche Massenverbrechen juristisch zu ahnden. Das weitere Schicksal der Sonder-Kriegsgerichtshöfe zeigt aber, wie schwierig dies fällt, falls der Staat, von dem die Verbrechen ausgingen, deren juristische Bewältigung nur auf rein nationaler Ebene betreibt. Nach dem Rücktritt des Kabinetts unter Damat Ferit Pascha am 17. Oktober 1920 verloren die Kriegsgerichtshöfe ihre politisch-administrative Absicherung. Bereits am 30.Oktober 1920 wurde General Nemrud Kürd Mustafa, der Vorsitzende Richter des Kriegsgerichtshofs Nr. 1, unter dem Vorwand angeblicher Gesetzwidrigkeiten bei einem Todesurteil verhaftet und am 9. Januar 1921 zu dreimonatiger Haft verurteilt. Als Hintergrund vermuteten damalige osmanische Medien die Rache jungtürkischer Kreise für den Versuch des Richters, auch gegen diejenigen Jungtürken zu ermitteln, die sich am osmanischen Staatsschatz bereichert hatten. (1) Die nationalistische Gegenregierung in Ankara hatte bereits am 11. August 1920 die Auflösung der Kriegsgerichtshöfe in ihrem Machtbereich beschlossen; dieser Beschluss trat mit der Einnahme der osmanischen Hauptstadt Konstantinopel durch die nationalistischen Streitkräfte am 6. November 1922 automatisch auch dort in Kraft. Schließlich erließen die nun mehr allein regierenden Nationalisten am 31. März 1923 eine Generalamnestie, die auch die von den Kriegsgerichtshöfen bereits Inhaftierten einschloss. (2)

Schon zuvor hatten zahlreiche in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwickelte Mitglieder der jungtürkischen Partei Zuflucht im Machtbereich Mustafa Kemals gefunden und machten trotz ihrer Verbrechen Karriere in dessen Partei- und Staatsapparat. Als eines von vielen Beispielen ist Mustafa Abdülhail (Renda) zu nennen, der vormalige Statthalter der Provinz Bitlis, auf dessen Befehl im Gebiet von Musch Tausende Menschen bei lebendigem Leib verbrannt wurden. In der republikanischen Türkei hatte dieser Verbrecher nacheinander drei Ministerämter (Finanzen, Erziehung, Verteidigung) inne und war auch Parlamentspräsident. (3)

In seiner Rede auf der Lausanner Konferenz gab der türkische Delegationsleiter Ismet (Inönü) den Takt für den bis heute anhaltenden offiziellen Standpunkt der republikanischen Türkei vor: “Da die türkische Regierung und Nation nur notgedrungen, nur wenn ihre Geduld am Ende war, zu Strafmaßnahmen und Vergeltung griff, tragen die armenischen Individuen selbst die Verantwortung für die Katastrophen, die ihnen im Türkischen Reich widerfahren sind…”, die Armenier hätten sich aufhetzen lassen und Unruhe gestiftet, um die Intervention dritter Staaten herbeizuführen, die “sich unter dem Vorwand von Minderheitenschutz in die inneren Angelegenheiten einmischen wollten.” (4)

Indem den Opfern die Verantwortung für ihre “Bestrafung” angelastet wurde, wurden die Beschützer, Helfer und Verteidiger der Opfer in die Rolle von unpatriotischen Mittätern gedrängt und mussten, wie Hasan Mazhar, nach der Machtübernahme der Kemalisten in der gesamten Türkei ins Ausland flüchten.

Quellen:
Akçam, Taner: Tarih üzerine konuşmak. Radikal Gazetesi, 18.05.2004.

Opçin, Tuncay: Ermenilere Kol Kanat Gerdiler. http://www.avim.org.tr; 09/12


 

(1) Kévorkian, Raymond: The Armenian Genocide: A complete History, a.a.O., S. 798
(2) Akçam, Taner: Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung. Hamburg 1996, S. 119
(3) Akçam, a.a.O., S. 135
(4) Meray, Seha (Hg.): Lozan Barιş Konferansι: Protokolle-Dokumente, Istanbul 1993, Bd. 1, S. 188-200; zitiert nach: Akçam, Armenien, S. 121