Landrat von Lice

(1868 Girit – 23.06.1915 Diyarbakır)

Hüseyin Nesîmi Bey Hüseyin Nesîmi Bey kam 1868 in Chania auf der Insel Kreta auf die Welt. Er ist der Sohn des Religionsgelehrten Fatinzade Ahmet Ata Efendi aus dem Kadîrî-Orden. Wie sein Sohn Abidin (nach manchen Quellen Abdin) Nesîmi in seinen Memoiren vermerkte, hatte Hüseyin Nesîmi die sozialistisch-partizipatorisch-humanistische Weltanschauung verinnerlicht und stand dem Bektaschi-Orden nahe.

Während seines Studiums an der Hochschule für Politik beteiligte sich Hüseyin Nesîmi an revolutionären Aktionen, weswegen ihm vorübergehend das Recht auf Verbeamtung entzogen wurde. Erst 1901, als Abdülhamit II. Gefallen an seinem Entwicklungsplan fand, wurde ihm dieses Recht wieder zuerkannt.

Hüseyin Nesîmi Bey hatte 1890 seinen Dienst zunächst als Schreiber angetreten und stieg 1893 zum Assistenten für Wirtschaftsdokumentation in der Provinz Kreta auf und 1899 zum Hauptdokumentaristen in der Bürgermeisterei der Stadt Chania. 1901 wurde er in das Landratsamt von Palu zwangsversetzt und kündigte. Bis zur Ausrufung der Konstitutionellen Monarchie 1908 übte er selbständige Tätigkeiten in der osmanischen Hauptstadt İstanbul aus. Von 1909 an war er als Landrat in den Kreisen Navervan, Tercan (ehemals Mamahatun, Provinz Erzurum; heute Provinz Erzincan), Kiğı (Provinz Diyarbakır; heute Provinz Bingöl), Vilçetrin und Premedi (1) tätig. Im April 1914 wurde er nach Savur und am 13. Januar 1915 nach Lice (Provinz Diyarbakır) geschickt.

Hüseyin Nesîmi hat sich von der sozialistisch-partizipatorischen Ideologie nie entfernt. 1900 wirkte er maßgeblich bei der Gründung des landesweiten Humanistenvereins mit und wurde dessen Vorsitzender. Er befürwortete unter anderem die Gründung eines unabhängigen Kaukasus-Staates, unter Einschluss armenischer Siedlungsgebiete, zwischen dem zaristischen Rußland und Osmanischem Reich.

Während seiner Amtszeit in Lice erlangte Hüseyin Nesîmi Bey Kenntnis über den vom Gouverneur von Diyarbakır, Dr. Reşit Şahingiray erlassenen Befehl zur Tötung der Armenier. Deswegen nahm er Kontakt zu Personen seines Vertrauens auf, um Schutzgarantien für die Armenier zu erlangen. Zugleich versuchte er die Deportationen so auszuführen, dass weder Armenier, noch Chaldäer zu Schaden kamen. Es ist überliefert, dass er Deportationszüge eigens begleitete und die Deportierten seinen bewährten Vertrauten übergab, bei denen sie Schutz fanden.

Nesîmi Bey äußerte einmal: „An dieser Sünde werde ich mich nicht beteiligen!” Kurze Zeit nach dieser Äußerung wurde er vom Vali Reşit nach Diyarbakır einbestellt und unterwegs in einer Bergschlucht auf Befehl Reşits durch einen Offizier der “Sonderorganisation” ermordet. In den Medien wurde dieser Mord wie folgt geschildert: „Er wurde bei der Verfolgung von irregulären Kämpfern am 15. Haziran 1331 [15. Juni 1915] bei einem Angriff armenischer Irregulärer in den Stand eines Märtyrers erhoben.“

Einem Journalistenteam, dem auch Oral Çalışlar angehörte, ist es 2011 gelungen, die Reste der Grabstelle Hüseyin Nesîmis ausfindig zu machen. Sie befindet sich in der Nähe von Karaz (Kocaköy) in Diyarbakır. Während der Recherche hat das Team festgestellt, dass diese Stelle im Volk heute noch als „Tirbe Queymaqam“ (Heiliger Schrein des Landrats) bekannt ist.

Tırba Queymaqam in Karaz - Diyarbakır BIA haber merkezi, Şeyhmuz Diken
„Tırba Queymaqam“ in Karaz, Diyarbakır (Foto: BIA Nachrichtenzentrum, Şeyhmuz Diken)

Insgesamt haben sich in der osmanischen Provinz Diyarbakır überdurchschnittlich viele Landräte und Mutasarrifs (Bezirksstatthalter) – die Hälfte aller derartigen Amtsträger – den mörderischen Befehlen des Provinzstatthalters Reşit widersetzt oder zu widersetzen versucht. Den Grund vermutet der französisch-armenische Historiker Raymond Kévorkian in dem Umstand, dass Reşit anscheinend so offenkundig im krassen Gegensatz zur bestehenden Gesetzeslage handelte, dass die untergeordneten Beamten die Vorlage entsprechender schriftlicher Anordnungen seitens der Zentralregierung forderten, um sich abzusichern.

Die Folge war aber, dass die widerspenstigen Beamten entlassen oder sogar hingerichtet bzw. ermordet wurden: Zusätzlich zu drei hingerichteten Beamten wurde Mehmet [Muhammet] Hamdi Bey am 1. Juli 1915 als Vorsteher des Kreises (Kaza) Çermik durch Ferik Bey abgelöst. Mehmet Ali Bey, der Landrat von Savur, blieb nur vom 2. Mai bis 1.Oktober 1915 im Amt, und Ibrahim Hakkι Bey, der Landrat von Silvan, wurde am 31. August 1915 entlassen (2), ebenso wie die auf einander folgenden Landräte von Mardin, Hilmi Bey (entlassen 25. Mai 1915) und Şefik Bey (entlassen Juni 1915), weil auch sie sich geweigert hatten, die Vernichtungsbefehle des Provinzgouverneurs Reşit auszuführen. (3) Der Landrat des Kreises Derik (Provinz Diyarbakιr), Reşit Bey, der vom 12. Oktober 1914 bis zum 2. Mai 1915 im Amt war, wurde nicht nur entlassen, sondern auf der Straße nach Diyarbakιr von den tscherkessischen Leibwächtern des Statthalters Dr. Mehmet Reşit ermordet. Wie im Fall Hüseyin Nesîmis lastete man seine Ermordung den Armeniern an. Sie diente sogar als Vorwand zur Eliminierung der armenischen Männer im Landkreis Derik sowie der nachfolgenden Deportation.

1914 zählte die armenische Bevölkerung des Kreises (Kaza) von Lice 5.980 Menschen; die Hälfte lebte im gleichnamigen Verwaltungszentrum, gemeinsam mit 1.980 syrisch-orthodoxen Christen, die übrigen in 32 kleinen Bergdörfern oder in Dörfern, die in tiefen Schluchten versteckt lagen. Die Vernichtung der Armenier in der Ortschaft Lice folgte nach einem Geheimbericht des Vorstehers der Verwaltung für Öffentliche Schulden, dem katholischem Syrer Naman Adamo, dem üblichen Verfahren: Auf Hausdurchsuchungen folgte die Festnahme der örtlichen christlichen Notabeln, die in Höhlen südlich von Daştapise ermordet wurden, danach die Vernichtung aller männlichen Christen über zehn Jahren und schließlich die Deportation der Frauen und Kinder; ihr Schicksal bleibt ungewiss. Die männlichen Christen in den Taurusdörfern scheinen an Ort und Stelle massakriert worden zu sein.

Quellen:
Abbasoğlu, Doğan Barış: Lice katliamı ve Hüseyin Nesîmi Bey. ANF News Agency, 01.05.2010.

Çalışlar, Oral: Türkiye’nin Vicdanı Bu Toprakta. Radikal Gazetesi, 29.05.2011.

Çalışlar, Oral: Öldürülen Lice Kaymakamı Nesîmi’nin Hayatı. Radikal Gazetesi, 01.06.2011.

Diken, Şeyhmuz: ‚Kaymakam Ermeniydi, Öldürdüler…‘. Diyarbakır BİA Haber Merkezi. 23.04.2011.

Ekinci, Tarık Ziya: Lice’den Paris’e Anılarım. İstanbul, 2010.

Gust, Wolfgang: Alman Belgeleri: Ermeni Soykırımı 1915-1916. İstanbul, 2012.

Kévorkian, Raymond: The Armenian Genocide: A Complete History. London, New York 2011, S. 363 und 368

Nesîmi, Abidin [Sohn des Hüseyin Nesimi]: Yılların İçinden. İstanbul, 1977


 

(1) Außer Tercan und Kiğı wurden diese Ortsnamen später geändert.
(2) Kévorkian, R.: The Armenian Genocide: A Complete History. London, New York 2011, S. 363
(3) Kévorkian, Raymond: Ottoman Officials against the Armenian Genocide: A Comparative Aüpproach to Turkish Towns. In: Sémelin, Andrieu, Claire; Gensburger, Sarah: Resisting Genocide (Hg.) : The Multiple Forms of Rescue. New York, Chichester/Sussex 2011, S. 190