Celal Bey (Mehmet Celal Bey)

Gouverneur der Provinzen Aleppo und Konya

(1863 İstanbul – 11.02.1926 İstanbul)

Mehmet Celal Bey Da Celal über die geographischen Bedingungen Syriens aus seiner Amtszeit in Aleppo heraus bestens informiert war, wusste er auch, was die Deportation nach Dair az-Zur (armenisch: Der Sor; Ter Sor) bzw. in den Nordosten der Provinz Aleppo bedeuten würde. Er setzte auch in Konya nicht nur seine Kritik an einer Politik fort, die mit den Grundsätzen der Menschlichkeit ebenso unvereinbar war wie mit nationalen Interessen, sondern konfrontierte die Verantwortlichen mit Fragen: Wie würden die Unterkünfte und dauerhaften Wohnmodalitäten aussehen? War den Verantwortlichen bewusst, dass es sich bei den Endzielen der Deportation um Wüstengebiete handelte, die keine Besiedlung zuließen?

Celal Bey fand während seiner Amtszeit in Konya die Unterstützung der spirituellen Führer des Mevlevi-Ordens. Nach seiner Amtsenthebung wurden auch manche dieser Geistlichen aus der Stadt verbannt.

Nach seiner Entlassung aus Konya nahm Mehmet Celal Bey keine öffentlichen Ämter mehr an, in denen er zum Teilnehmer am Genozid hätte werden können. 1919 sehen wir ihn als einen enthusiastisch für die Befreiung von der alliierten Besatzung kämpfenden Gouverneur von Adana, einer Stadt unter französischer Besatzung. Bis 1922 übte er das Amt eines Bürgermeisters in İstanbul und nach 1923 des Direktors des Nationalen Tabakunternehmens (Reji Amiri) aus.

Er starb am 11. Februar 1926. Zu seiner Bestattung erschienen Zehntausende Armenier, so dass der Verkehr zeitweilig zum Erliegen kam. Das Familiengrab wurde im Zuge einer Straßenbaumaßnahme eingeebnet. Auf dem restlichen Areal befindet sich heute das Swiss-Hotel im Ortsteil Beşiktaş. So ist in İstanbul keine einzige Stätte geblieben, an der wir Mehmet Celals gedenken können.

Schülerinnen des Sahakyan-Lizeums in Konya, 1910

Schülerinnen des Sahakyan-Lizeums in Konya, 1910

Dank der Recherche von Rober Koptaş und der Übertragung aus dem Osmanischen in die heutige Sprache durch Ari Ekeryan können wir die Zeit des armenischen Genozids aus der Sicht Mehmet Celals verstehen (1). Wir geben dieses Zeitdokument ungekürzt wieder, auch wenn wir aus heutiger Sicht nicht allen Schlussfolgerungen des Autors beipflichten können (siehe Fußnote 2).

Die Ereignisse um die Armenier – Gründe und Folgen
29.11., 1.-2.12.1919
Heute auffindbar in: Volksbibliothek Beyazıt in İstanbul

Manche meiner Freunde haben mich immer wieder aufgefordert, mein Wissen und meine Meinung zu den Ereignissen um die Armenier aufzuschreiben. Journalisten und manche ehrenwerte Bekannte haben sich zwecks eines Interviews an mich gewandt. Um die Schwierigkeiten und Einwände nicht zu vermehren, schwieg ich bisher.

In den letzten Tagen hatte ich eine Begegnung mit einem Journalisten der Zeitung Jamanak (“Zeit”; in Istanbul erscheinende armenische Zeitung–Anm.-) Da ich begriff, dass viele Armenier die Verantwortung an dem jüngsten Massaker der Gesamtheit der Türken anlasten wollen, erklärte ich ihm einiges, um mein Volk von einem solchen Schandfleck zu befreien. Die letztendliche Wiedergabe war lückenhaft, weil der Journalist leider keine Notizen angefertigt hatte. Auf der anderen Seite gibt es bei diesem grässlichen Ereignis nichts zu verbergen oder verzerren, darum habe ich es für richtig befunden, alles, was ich gesehen und wie ich es verstanden habe, wiederzugeben, mit allen Details und Abscheulichkeiten, um alles der menschlichen Zivilisation im Sinne der Gerechtigkeit weiterzugeben. Ich schreibe nieder, was ich weiß:

Als Gouverneur von Erzurum

Der Zufall brachte mich bereits am Anfang der Konstitutionellen Monarchie an einen Ort, wo ich über die Armenier recherchieren konnte. Nach den Ereignissen vom 31. März (Revolte von 1908 –Anm.-) bin ich nach Erzurum gesandt worden und blieb dort für zwei Jahre.

Damals gab es einige Konflikte zwischen den Armeniern und den Kurden, meist wegen Bodenangelegenheiten. In einem Land, welches seinen Bewohnern Gleichberechtigung schenkte, war es vor allem erforderlich, um dort den guten Willen zu bestätigen und die Sache zum Vorteil beider Seiten zu regeln, allen gerecht zu werden, die Gerechtigkeit zu pflegen und Gewalt sowie zwanghafte Aufrechterhaltung jeglichen Übergriffs zu verbieten. Auch ich verfolgte diese Ziele.

Zunächst habe ich Untersuchungen angestellt, um die Gründe dieser Konflikte, das Land und die Bevölkerung richtig verstehen zu können. Ich sprach mit allen. Ich hörte zu. Ich reiste im Vilayet (Provinz; osm. Verwaltungseinheit. – Anm.) umher. Ich war zu Besuch in den Zelten der Kurdengebieter und bei den armenischen Suppenköchen in den Dörfern. In der ganzen Provinz Erzurum gibt es keine Ortschaft, in der ich mich nicht einen oder zwei Tage aufgehalten hätte.

Im Ergebnis habe ich begriffen, dass es keine grundsätzlichen Konflikte gab; ganz im Gegenteil, zwischen Türken, Kurden und Armeniern besteht eine seit Jahrhunderten gefestigte Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen. Kurden, die als Lastenträger oder Wächter in Istanbul oder Izmir arbeiten, vertrauen ihre Kinder und Familien dem Schutz armenischer Nachbarn an. Ebenso vertrauen Armenier, die in Russland oder Amerika geschäftlich unterwegs sind, ihre Familien den Türken und Kurden an. Beide Parteien achten einander in Güte. Im ganzen Vilayet gab es lediglich zwei Klassen der Bevölkerung: Die erste bestand aus gnadenlosen Tyrannen, die durch Rechtsbrüche ihre Vorteile durchsetzen, und die zweite bestand aus unterdrückten Opfern, die durch die Schlechtigkeit und Gräuel der Ersteren ihre Widerstandsfähigkeit verloren hatten, sprich Türken, Kurden und Armenier!

Diese Schicksalsgemeinschaft hatte die Hilflosen derartig zusammengeschweißt, dass man sagen kann, wenn es möglich gewesen wäre, die Brutalität abzuschaffen, hätte es keinerlei Grund für Hass gegeben. Vor allem habe ich versucht, diese gnadenlose Brutalität zu mildern. Ich wollte durch meine Taten zeigen, dass in unserem Land Rechtsgleichheit existiert, und wir haben während meiner Beamtenzeit mein Ziel erreicht. Auch Bodenkonflikte entstanden durch Brutalität, und nicht nur Armenier, sondern auch Türken und Kurden kamen dabei zu Schaden.

Ein gnadenloser Despot riss einen Ackerboden, welcher ihm gefiel und einem Schwächeren gehörte, gewaltsam an sich und wurde mit allen Mitteln dessen Besitzer. Soweit ich mich erinnern kann, belagerte der Häuptling des Hardaranli-Klans, Kör Hüseyin Pascha, auf diese Weise fünf bis sechs Dörfer. Ein anderer Despot, Hüseyin Beyzade Haydar Bey, hatte sich des Großteils einer Ortschaft bemächtigt. Ein großes Feld zwischen Karakilise und Beyazit, befahrbar in etwa vier Stunden, gehörte einem Höherrangigen aus dem Hamidiye-Reiterregiment (Hamidiye Süvari Alayı –Anm.-).

Vielerorts hatten Stärkere Schwächere um ihre Felder gebracht. Zu dieser Zeit kamen auf einen Quadratkilometer lediglich acht Personen und 90% des Bodens hatten keinen Besitzer. Trotzdem bildeten Landstreitigkeiten eine Hauptbeschäftigung der Behörden. Da ein Teil des zu Unrecht erworbenen Bodens sich bereits in dritter Hand befand, würde die Rückgabe an den Erstbesitzer neue Benachteiligungen und Beschwerden, vor allem aber Hass nach sich ziehen. Der Staat hätte nachgeben müssen und die Erst- oder Letztbesitzer entschädigen können. Wenn dieses – im Vergleich zur Relevanz recht geringe – Opfer erbracht worden wäre, hätte es gar keinen Grund mehr für Konflikte gegeben.

Meine zweijährige Beamtenzeit in dieser Provinz bestärkte meine Überzeugung, dass unter allen nichtmuslimischen Ethnien die Armenier diejenigen waren, die uns am Nächsten standen und am fähigsten waren, mit uns einen gemeinsamen Weg zu beschreiten.

Ich habe unter den Armeniern Erzurums sehr viele Geschäftsleute kennen gelernt, deren Herz voller Heimatliebe war und die sich ernsthaft mit der Zukunft der Heimat auseinandersetzten. Von diesen Männern ist keiner mehr am Leben. Ohne Ausnahme haben alle entweder in den einsamen Kerkern Erzincans oder in den dornigen Wüsten Diyarbakırs einen schmerzlichen und grauenvollen Tod erlitten. Diese Äußerungen mache ich deswegen, weil ich erfahren habe, dass die Mehrheit der Armenier seelisch und gedanklich diesem Land verbunden und in jeglicher Hinsicht genauso betrübt war wie wir. Meine feste Überzeugung möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen.

Die armenische Tragödie und die daraus resultierenden Katastrophen sind ohne Zweifel größer als die Schäden des Weltkriegs. Wenn diese Morde und die verrückte Politik in Syrien nicht gewesen wären, würden wir, trotz der Niederlage, nicht in einem so traurigen und schwierigen Zustand vor den Zivilisationen der Welt und der Menschheit stehen.

Seit ungefähr fünf Jahrhunderten leben wir mit den Armeniern zusammen. Falls die traurigen Ereignisse der letzten Jahre schon damals passiert wären, wären in diesem Land entweder keine Armenier oder keine Türken mehr übrig. Wir haben aber jahrhundertelang mit den Armeniern wie zwei Freunde, auf alle Fälle aber wie Nachbarn gelebt. Wir haben einander geholfen und Sicherheit gegeben. Die Türken haben viel mehr als andere Bürger den Armeniern vertraut und wichtige sowie Verantwortung erfordernde Aufgaben wie z.B. das Direktorat der Staatsdruckerei, Monitionsaufsicht ihnen überlassen.

Aus der Geschichte ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Armenier, die solche Aufgaben übernahm, Landesverrat betrieben oder einfach seine Stellung missbraucht hätte.

Als Gouverneur von Aleppo

Zu Beginn des Kriegs war ich Gouverneur von Aleppo. Die Armenier waren in Relation zur Gesamtbevölkerung der Provinz in der Minderzahl und gingen in Ruhe und Sicherheit ihren Beschäftigungen nach. Bei keinem war irgendeine Handlung gegen die Interessen der Osmanen zu beobachten. Nur in Zeitun gab es zwanzig bis dreißig armenische Deserteure. Diese entzogen sich dem Wehrbefehl und wurden in Zeitun versteckt gehalten. Diesbezüglich sprach ich mit dem Katholikos von Sis und dem armenischen evangelischen Pfarrer von Maraş. Sie unterstützten mich bei meiner Vorstellung, dass diese Deserteure nicht nach Jemen oder anderen fernen Orten geschickt werden, sondern in nahe gelegenen Gebieten bleiben sollten. Zu dieser Zeit wurde ein neuer Bezirksstatthalter nach Maraş bestellt. Dieser hat das Vorhandensein einiger Deserteure zu einem Politikum hochgeputscht. Er war eigens angereist, um vierzig bis fünfzig Armenier festzunehmen und gesetzeswidrig in Maraş zu verhaften. In diesen Tagen griffen drei bis vier Deserteure zwei Gendarmen an, verletzten den einen und töteten den anderen. Ich ließ diejenigen Armenier frei, die strafrechtlich nicht vorbelastet waren.

Als die Angelegenheit beinahe in Güte geregelt war, wurde Maraş von dem Vilayet Aleppo getrennt und zu einer eigenständigen Verwaltungseinheit (Sancak; Anm.-) erklärt. Somit hatte das Vilayet Aleppo keine Befugnis über Zeitun mehr. Grundlos wurden Militäreinheiten nach Zeitun geschickt und die dortige Bevölkerung samt ihrer Kinder und Angehörigen nach Konya deportiert, in den für seine schwere Luft berüchtigten Landkreis Sultaniye. In allen Gegenden begannen nun die Deportationen der Armenier. Zu Beginn schickten wir alle ortsfremden Armenier nach Konya. Später bekamen wir den Befehl, diese nicht nach Konya, sondern nach Dair az-Zur zu schicken.

Ich gebe zu, ich war mir nicht darüber im Klaren, dass diese Befehle und Taten zur Vernichtung der Armenier dienten, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Regierung in der Lage sein kann, ihre eigenen Staatsbürger und das wertvollste Vermögen, das Kapital Mensch, zu vernichten. Ich glaubte daran, dass es sich um eine kriegsbedingte vorbeugende und vorübergehende Maßnahme handelte, um die Armenier aus dem Schlachtfeld zu entfernen. Aus diesem Grunde habe ich in den Telegrammen, die ich dem Innenministerium schickte, Gelder angefordert, die ich für Unterkünfte der zu deportierenden Armenier brauchte. Stattdessen schickte man einen Beamten, der den Titel eines Migranten- und Nomadenbeauftragten (Muhacir ve aşair memuru; Anm.-) inne hatte, in Wirklichkeit aber beauftragt war, Armenier samt ihrer Kinder und Familien zu deportieren.

Aus Adana und anderen Gebieten trafen immer mehr armenische Kolonnen ein. Auf der Grundlage des Deportationsbefehls wurden wir immer nachdrücklicher aufgefordert, Armenier aus dem Inneren der Provinz zu deportieren. Den schriftlichen Befehl aus Antakya zur Deportation der Armenier habe ich nicht ausgeführt, weil ich kraft meines Amtes bezeugen konnte, dass es keinen einzigen Armenier im Vilayet Aleppo gab, der schuldig war, so dass er zwangsweise aus seiner Wohnung heraus in die Ferne deportiert werden sollte. Dieser Ungehorsam brachte es mit sich, dass ich nach Ankara gebracht wurde und drei-vier Tagen darauf nach Konya ging. Ich wollte aber den Verantwortlichenden den Grund meines Handelns verdeutlichen und wollte deshalb nach Istanbul fahren. Ich teilte mit, dass ich nach meinem Dienstantritt in Konya zur Behandlung meiner Augen nach Istanbul reisen werde.

Ich teilte permanent in Telegrammen und Briefen der Hohen Pforte (Bab-ı Âli; osm. Bezeichnung für die Regierung; –Anm.) mit, dass die den Armenier zuteil gewordene Behandlung den hehren Interessen des heiligen Vaterlandes ernstlich zuwiderlaufe. Unterdessen habe ich in einem persönlichen Brief an mein Ministerium folgendes zum Ausdruck gebracht: Die armenische Ethnie bildet einen beachtlichen Teil der heimatlichen Bevölkerung. Ein enormer Anteil des Gesamtvermögens ist in armenischen Händen und nahezu die Hälfte der geschäftlichen Aktivitäten des Landes haben sie inne. Die Vernichtung der Armenier anzustreben bedeutet, einen Schaden anzurichten, der noch nach Jahrhunderten nicht behoben werden kann. Wenn alle unsere Feinde sich versammeln und monatelang sich den Kopf darüber zerbrechen, würden sie uns nichts Schlimmeres antun als das…

Man hat keines meiner Schreiben beachtet. Ich blieb zwei Tage in Konya und ging nach Istanbul. Ich versuchte, den Verantwortlichen mein Handeln zu begründen. Leider konnte ich niemandem mein Anliegen verständlich machen.

Als Gouverneur von Konya

Ein Mann, der der Meinung war, dass die gegen die Armenier angewendete Politik für die existentiellen Vorteile unseres Landes schädlich war, konnte sich natürlich nicht an dieser Handlung beteiligen. Deshalb bat ich darum, falls auch die Armenier aus Konya deportiert werden sollten, jemand anderen dorthin zu entsenden, der solche Taten vollbringen könnte. Man versicherte mir, dass sie nicht ausgeführt würden. Nach dieser Zusicherung stieg ich in den Zug und fuhr in Richtung Konya. In Akşehir sah ich, dass die dortigen Armenier aus ihren Wohnungen rausgeholt und zwecks Deportation am Bahnhof versammelt wurden. Ich wurde Zeuge ähnlicher Szenen in İlgin und auf anderen Bahnhöfen. Alle diese Verzweifelten habe ich nach Hause geschickt. Eine grauenvolle Szene, die mir in İlgin zuteilwurde, werde ich nie vergessen: Am Bahnhof befanden sich Hunderte von Männern, Frauen, jungen und alten Menschen, die seit Tagen unter freiem Himmel auf ihren Deportationszug warteten. Unter ihnen war ein Bedauernswerter, der auf der Höhe seines Steißbeines an beiden Beinen amputiert war. Er hatte sich eine lederne Unterlage umgebunden, und an den Händen trug er Holzpantoffeln, am Hals einen Schuhputzerkasten. Dieser arme Mann bestritt seinen Lebensunterhalt mit Betteln und Schuhputzen. Er konnte den Grund der Gräuel, denen er ausgesetzt wurde, sicherlich nicht erfassen, aber er gehörte zu denen, die aus der Stadt vertrieben und deportiert werden sollten. Als ich in der Provinzhauptstadt ankam, sah ich, dass die Bewohner Konyas sich ebenfalls am Bahnhof befanden. Zudem waren dort Tausende von Menschen, die aus İzmit, Eskişehir und Karahisar stammten und unter freiem Himmel oder unter zeltähnlichen Überdachungen aus Lumpen, Decken und Filzresten verweilten. Sie warteten elendiglich, in herzzerreißender Art und Weise auf ihr Schicksal. Für die Auswärtigen konnte ich nichts unternehmen. Nur die Konyaer habe ich nach Hause gebracht. Den übrigen begann ich, aus dem Fond für Migranten Tagegelder auszuzahlen.

Meine Situation in Konya ähnelte der eines Mannes, der ohne jegliche Hilfsmittel am Ufer eines Flusses steht. Statt Wasser floss Blut im Fluss, und Tausende von sündenlosen Kindern, unschuldigen Alten, hilflosen Frauen, kräftigen Jungen flossen in diesem Blutstrom ins Nichts. Ich habe gerettet, was ich mit meinen Händen und Nägeln festhalten konnte. Die übrigen, so glaube ich, sind dahingeflossen, ohne Hoffnung auf Wiederkehr. (…)

Die Züge aus Istanbul-Haydarpaşa brachten täglich Tausende von Armenier, die am Bahnhof von Konya zusammengepfercht wurden. Aus İstanbul kamen ohne Unterlass Befehle zur Weiterdeportation. Ich widersetzte mich immer wieder mit dem Argument, dass eine Weiterdeportation solange unmöglich sei, bis Züge dafür zur Verfügung gestellt werden. Diese Situation dauerte wochenlang, und in dieser Zeit wurden nur ein oder zwei Kolonnen bis Erikli gebracht.

Täglich wurde uns die Weiterdeportation befohlen und wir wurden von offiziellen sowie inoffiziellen Organen bedrängt. Der Migrations- und Nomadenbeauftragte wurde dafür eingesetzt, und wir wurden belehrt, seine Anordnungen als Ministeriumsbefehle anzusehen. Zu keinem Zeitpunkt habe ich aus meinen Gedanken ein Geheimnis gemacht. Ich habe sowohl in İstanbul, als auch in Konya allen gesagt, dass ich diese Taten für ein Desaster für meine Heimat ansah und mich niemals daran beteiligen würde. Das Gleiche habe ich vor den Abgeordneten in Konya ausgesagt.

Einer dieser Abgeordneten teilte bei meiner Abreise in İstanbul mit, dass ein Mitglied des Zentralkomitees seine Grüße übermittele; er führte weiter aus: „Das Zentralkomitee hat diese Angelegenheit nach langen Überlegungen beschlossen. Eine Abschwächung ist nicht möglich. Die Deportation der Armenier entspricht der nationalen Mission. Daher solltest du deine Meinung dazu ändern.“ Sollte ich mich widersetzen, würde ich meines Amtes erhoben werden, und Konya müsste dann auf mich verzichten.

Welche nationale Mission? Türken sowie Muslime weinten ob dieser Morde bittere Tränen, fanden aber keinen Weg, sie zu verhindern. Diese Grausamkeit als eine nationale Mission zu bezeichnen bedeutet eine Verleumdung und Beleidigung des Volkes.

Selbstverständlich haben mich die Drohungen nicht zum Berufswechsel gebracht. Ich habe nach meinem Gutdünken weiter gemacht. Nach Beratung des Abgeordneten von İzmir, İhsan Onnik Efendi, dessen Verwandte auf Befehl deportiert werden sollten, wurden diese nach İzmir zurückgeschickt. Einige von ihnen wurden jedoch vom Provinzstatthalter von Karahisar dennoch festgenommen und der Fall nach Istanbul gemeldet. Das habe ich dem telegrafischen Auskunftsersuchen des Ministeriums entnommen.

Ich habe in meinem Antwortschreiben erläutert, dass ich in manchen dieser Fälle die Rückführung nach İzmir für richtig hielt. Diese Dokumente befinden sich wahrscheinlich in Archiven des Innenministeriums und im Vilayet Konya. Man hatte beschlossen, dass die Kinder und Frauen, deren Angehörige sich im Militärdienst befanden, sowie armenische Katholiken nicht deportiert werden sollen. Ich habe diesen Beschluss, soweit es machbar war, zum Wohl der Armenier ausgeweitet.

Das war ebenfalls nicht einfach. Zum Beispiel war es nach einigen Telegrammen ins Vilayet Ankara möglich, die katholische Schwester des Bahnhofsbeschäftigten (şimendüfer memuru; Anm.) Efkaryan Efendi aus Konya hierher zu holen.

Wir haben alle Wege benutzt, um ca. 30.000 auswärtige Armenier in Konya zu behalten und es wurde kein einziger Armenier aus Konya deportiert. Ich habe aber später erfahren, dass mein Nachfolger bereits auf dem Weg zum Dienstantritt in Akşehir und İngin Deportationsbefehle aussprach und die Deportation einleitete.

Heute berichten Zeitungen über Armenier, die an ihre Wohnorte rückgeführt wurden. Das sind jene Menschen, die ich in Konya und Fâik Âli Bey in Kütahya aufhalten konnten. Wären sie deportiert worden, so glaube ich, wären heute gar keine Armenier mehr vorhanden, die man rückführen könnte.

Diejenigen, die –außerordentlich abgeschwächt formuliert- die Deportation von Armeniern anordneten und dieses Vorhaben als eine „nationale Mission“ bezeichneten, verstanden endlich, dass ich ihnen kein Arbeitskollege sein konnte und haben entsprechend meine Entlassungsurkunde vorbereitet. Auch ich hatte inzwischen begriffen, dass es keine Möglichkeit mehr gab, meine Aufgabe fortzuführen. Der Beschluss zu meiner Suspendierung überlappte sich zeitlich mit meinem Ersuchen um Dienstbefreiung. Ich verließ Konya und kam nach İstanbul.

In İstanbul habe ich erfahren, dass just am Abend meiner Abreise einer von den zwei Deportationsbeauftragten den sich inzwischen am Bahnhof befindenden Armeniern Folgendes gesagt haben soll: „Euer Vater ist fort, und so werdet auch ihr nun gehen!“ Ich habe alles Erdenkliche angestellt, um diese Katastrophe zu verhindern. Ich habe mich an sämtliche Verantwortliche gewandt, es war aber alles vergeblich. Zudem wurden mir Zornesausbrüche zuteil, wie etwa: „Du hast deine Überzeugung nicht der nationalen Mission geopfert!“

Wir sollten uns auch ein wenig mit den Motiven der zu diesen Taten Fähigen befassen: Auch unsere armenischen Mitbürger werden gestehen, dass zu Zeiten, in denen noch keinem Armenier etwas passiert war, die Armenier bewaffnete irreguläre Einheiten (çeteler; Anm.) bildeten, den Nahrungsmittelnachschub der Armee verhinderten und in muslemischen Dörfern wüteten. Es war nicht hinnehmbar, dass der Abgeordnete Garo Pastırmacıyan (2) durch seine Milizen russischen Soldaten das Geleit gab, und dass die Russen über unsere Bewegungen stets von Armeniern informiert wurden. ( …) Ein Land, welches sich im Krieg befindet, denkt in erster Linie an das Wohl seiner Armeen. Es ist angehalten, in Orten, wo solche Übergriffe passieren, notwendige Vorkehrungen zu treffen, auch wenn diese möglicherweise aggressiver und tyrannischer Art und Weise sind. Aus diesem Blickwinkel heraus können sich diejenigen vielleicht verteidigen, die im östlichen Kriegsgebiet die Deportation der Armenier beschlossen und durchgeführt haben, worunter auch sehr viele Unschuldige fielen. Sie können sich aber nicht davor retten, die Verantwortung über die Ausbreitung dieses Beschlusses über das gesamte Gebiet und die Art und Weise der Ausübung zu tragen.

Es ist richtig, dass manche Armenier dem Feind geholfen haben. Manche armenische Abgeordnete haben das Banditentum dem Abgeordnetendasein vorgezogen und Morde verübt. Die Aufgabe der Regierung ist es, die Täter festzunehmen und diese nur zu bestrafen; falls das nicht möglich ist, hätten die Armenier aus diesem Gebiet nicht auf feindliche, sondern auf freundliche Art vorübergehend in anderen Gebieten untergebracht werden sollen. Ein gesetzloser Bandit kann alles anstellen, denn er ist ein gesetzloser Scherge. Eine Regierung aber verfolgt nur die Schuldigen. Bedauernswerterweise haben die Regierenden dieser Zeit wahrscheinlich ihren Guerilla-Geist nicht verloren, denn diese Deportation wurde von ihnen derartig ausgeführt, wie sie von kühnsten und blutrünstigsten Banditen nicht hätte ausgeführt werden können. Die damalige Regierung behauptete geglaubt zu haben, dass die Russen die Sakarya-Ebene angreifen würden und dass die Armenier ihnen dabei geholfen hätten. Aus diesem Grunde hätten sie vorbeugend die Deportation bis Ankara, Konya und Eskişehir ausgedehnt. Damals war die Auslieferung der neuen Kriegsschiffe an Russland gerade erfolgt, und wir dominierten mit [den Kriegsschiffen] „Yavuz“ und „Midilli“ über das Schwarze Meer. Somit war es unmöglich, dass die Russen ihre Soldaten bis in die Sakarya-Ebene vordringen lassen konnten. Doch selbst wenn wir diese Möglichkeit einmal annehmen: Aus welchem Grund sind dann die Armenier aus Bursa, Edirne und Tekfurdağı (heute: Tekirdağ –Anm.-) deportiert worden? Gehörten diese Gebiete denn etwa auch zur Sakarya-Ebene? Warum hat man den Armeniern aus Aleppo das ebenfalls angetan, wo sie doch nicht einmal 20% der dortigen Bevölkerung ausmachten? Richtig oder falsch: Wenn man zum Wohle der Heimat die Auslieferung der Armenier für unabdingbar gehalten hat, musste man es auf diese Weise ausführen? Die Regierung, die den Befehl zur Deportation nach Dair-az Zur ausgerufen hat, hat sie denn je einen Gedanken darauf verschwendet, wo diese armseligen, hilflosen Menschen unter den arabischen Nomadenstämmen ohne Obhut und Nahrung überhaupt bleiben sollten? Wenn ja, dann frage ich: Wie viele Nahrungsmittel sind dorthin ausgeliefert worden und wie viele Behausungen sind für die Migranten gebaut worden? Was für eine Absicht steckt dahinter, wenn man eine Ethnie wie die Armenier, die seit Jahrhunderten eine urbane Lebensweise führen, in die Wüsten von Zor vertreibt, die bar jeden Baums, des Wassers und jeder Art von Baumaterialien sind? Leider gibt es keinen Weg, diese Angelegenheit zu verleugnen oder zu verzerren. Denn die Absicht war eben die Vernichtung, und sie sind vernichtet worden. Weiterhin ist es unmöglich zu verbergen, dass diese Entscheidung von einigen herausragenden Persönlichkeiten im Zentralrat des Komitees für Einheit und Fortschritt getroffen und von der Regierung als dessen natürliches Mitglied in die Tat umgesetzt wurde.

Der Zentralrat hat sich vor dem Balkankrieg auch der Erledigung der Makedonien-Frage gewidmet. Nach Meinung eines Mitglieds sei diese Frage eine Sache der Bevölkerungsanzahl: Wenn die muslimische Bevölkerung sich vermehren würde, würde sich auch die Frage lösen. (…) Zur Änderung der Relation zwischen zwei Zahlen muss eine Zahl vergrößert oder eine verkleinert werden! … Um die der Bevölkerungsanteile in Rumelien zu ändern, war es nicht möglich, die dortigen Bulgaren, Griechen und Serben zu vernichten. Deshalb hat man versucht, Muslime aus Basra umzusiedeln.

In Anatolien waren sie sich zu schade für eine derartige Anstrengung. Sie führten die Vernichtung der Armenier durch. Das hat nicht nur der Zentralrat, sondern auch die damalige Regierung getan. Falls dem nicht so gewesen wäre, hätten sie, wo doch die den Massenmord verweigernden Landräte ermordet und Provinzstatthalter sowie Gouverneure entlassen worden waren, die Teilnehmer der Verbrechen nicht befördert. Zudem hätte dann die Deportation als solche nicht unter der Kontrolle des Komitees für Einheit und Fortschritt stattgefunden.

Jetzt komme ich zu einem Punkt, welcher meiner Meinung nach der wichtigste ist: Sind auch die Muslime, insbesondere die Türken, für dieses Chaos, diese Massenmorde und Tötungen verantwortlich, oder bleiben sie davon unberührt?

Wird das Gesicht der armen Türken, die von allen Ethnien Osmanischen Reichs die am entschuldbarsten, hoffnungslosesten und von Erbarmungslosigkeit betroffenen nun auch noch mit dem Blut des Mitbürgers befleckt? Oder aber werden die Türken für unschuldig an den Morden erklärt?

Nach meiner Gewissensmeinung sind die Muslime sowie die Türken in dieser Angelegenheit nichts anderes als der Mittel zum Zweck. Ich möchte diese Behauptung durch ein paar Vorkommnisse erläutern:

1. In Aleppo habe ich viele Male gesehen, wie die dort ansässigen Muslime den dorthin deportierten Armeniern geholfen haben.

2. Manche Gutsbesitzer haben mich aufgesucht, um ihre Bereitschaft mitzuteilen, Armenier zu beherbergen.

3. Sowohl in Aleppo, als auch in Konya haben viele Gelehrte und Würdenträger mir ihren Dank ausgesprochen, wohl wegen meiner Handlungsweise in dieser Frage. Sie waren der Überzeugung, dass die Schutzgewährung aufgrund der Scharia notwendig sei.

4. Sowohl in Aleppo, als auch in Konya haben wir nie gesehen oder gehört, dass ein Türke sich an den Gütern eines Armeniers vergriffen hätte.

5. Unter den Türken und Muslimen, mit denen ich Kontakt hatte, gab es keinen Einzigen, der diese Morde unterstützte, oder sogar die Hässlichkeit dieses Anliegens nicht mit seiner ganzen Kraft betont hätte.

6. Nach meiner Rückkehr aus Konya haben mir alle meiner Bekannten gratuliert und gesagt, dass es ehrenhafter war, den Staatsdienst aufzugeben.

7. Man hatte [die armenischen Abgeordneten] [Grigor] Zohrab und Vartkes Efendi zum Zwecke der Deportation unter Polizeigeleit in Richtung nach Aleppo geschickt. Die beiden Armen ahnten, was auf sie zukommt und waren sehr besorgt. Viele Muslime haben sich an mich oder an [Oberbefehlshaber]Cemal Paşa gewandt, mit dem Ersuchen nach dem Verbleib der beiden in Aleppo. Diese beiden waren meine Freunde, und ich konnte sie nicht in den Tod schicken. Besonders nicht Zohrab – der hatte doch eine Herzkrankheit. Ich habe nach İstanbul geschrieben. Man hat mir nicht geantwortet. Ich habe ihnen versprochen, sie so lange nicht zu verschicken, solange ich in Aleppo sein würde. Ich konnte mein Versprechen halten. Einen Tag nach meiner Entlassung hat man Zohrab und Vartkes Efendi ausgeliefert.

Diese beiden Hilflosen waren sehr eng mit Angehörigen der damaligen Regierung befreundet. Diese besuchten Vartkes oft in seiner Wohnung und verbrachten als Freunde viel Zeit mit ihm, sie umarmten und küssten ihn.

Zohrab wiederum hatte während der Ereignisse des 31. März (1908), seinen Hausfrieden und vielleicht sogar sein Leben riskierend, ein Mitglied des Komitees für Einheit und Fortschritt in seiner eigenen Wohnung versteckt, der während seiner Deportation an der Regierung war. Eigentlich sind auch diese Männer in den Tod deportiert worden und verstorben!

Nach meiner Einschätzung sind mindestens drei- bis vierhundert Tausend Armenier verstorben. Ein Volk, welches so viel Blut verliert, besitzt ein Recht auf Tiraden und Beschwerden. Dieses Recht kann wohl niemand anfechten. Es sind aber nicht nur Armenier verstorben. Über zwei Millionen Türken und Araber sind elendig umgekommen. Türken und Araber waren wie die Armenier benachteiligt und hilflos verzweifelt.

Ich denke, dass die derzeitige Situation des osmanischen Heimatlandes der seinerzeitigen Lage in Erzurum ähnelt: Im ganzen Land gibt es zwei Klassen des Volkes: Die erste besteht aus mitleidlosen Tyrannen, die durch Übergriffe auf das Recht ihre Vorteile erzwingen, und die zweite besteht aus unterdrückten Opfer, die durch die Schlechtigkeit und Gräueltaten der Ersteren ihre Widerstandsfähigkeit verlieren, sprich Türken, Kurden und Armenier!

Für uns alle gilt dieselbe Ursache der Katastrophe! Es handelt sich um ein und dieselbe Unheil verheißende Kraft, die Armenier zum Verlassen der Heimat zwingt und auf den Straßen sterben lässt oder sie dort tötet, die Türken in den Wüsten Cezires und Syriens, in den Bergen Erzurums unter der glühenden Hitze hungernd und krank dahinsiechen lässt, Araber flehend auf den Straßen Syriens hungern lässt, unter Cemal Paschas Befehl erhängen und an Deportationsorten verelenden lässt. In diesem Sinne sind wir Türken und Araber ebenso wie die Armenier Ankläger. Wir wollen Gerechtigkeit! Anstatt uns gegenseitig zu beschuldigen, wäre es doch viel zielführender, wenn wir Hand in Hand die zivilisierte Welt um Gerechtigkeit bitten, die Bestrafung derer zu fordern, die die seit Jahrhunderten brüderlich zusammenlebenden Araber, Türken und Armenier in diese Lage gebracht haben. Und, sollte es nicht zu spät dafür sein, uns bemühen, von nun an wieder brüderlich zusammen zu leben.

Schülerinnen des Sahakyan-Lizeums in Konya, 1910

Konya’da bir Ermeni Kilisesinin kalıntıları, 29 Aralık 1919
G. R. Swain fotoğrafı, Neg. KS 59-5

Ruins of an Armenian church, Konya Turkey, December 29, 1919
Photograph by G. R. Swain, Neg. KS 59-5

Quellen:
http://www.mehmetcelalbey.com (Enkel des Mehmet Cemal Bey!) 09/2012

Gerçek, Burçin: Celal Bey ve Diğerleri. “Radikal Gazetesi”, 26.02.2006. (Kitap Hazırlığı)

Gust, Wolfgang: Alman Belgeleri: Ermeni Soykırımı 1915-1916. İstanbul, 2012.

Koptaş, Rober: ‚Türkler ve Müslümanlar, bu cinayetlerden dolayı kan ağlıyor‘. Agos Gazetesi, 30.07.2010

Project Common Humanity – Ortak İnsanlık Projesi: Honouring Turkish Schindlers of 1915. http://www.projectcommonhumanity.net/; 09/2012

 


 

(1) Koptaş, Rober: ‚Türkler ve Müslümanlar, bu cinayetlerden dolayı kan ağlıyor‘. Agos Gazetesi, 30.07.2010
(2) Das ist Garegin (Kurzform: Garo; westarmenisch: Karekin bzw. Karo) Pastrmadschjan (armenisch: Գարեգին Փաստրմաճեան, 1872-1923). In Erzurum geboren, studierte er seit 1894 in Nancy (Frankreich) Landwirtschaft und wurde dort Mitglied der sozialistischen, nicht-marxistischen Partei Daschnakzutjun („Föderation“). Das Massaker in der armenischen Kleinstadt Sejtun (Kilikien) 1895 ließ ihn in das Osmanische Reich zurückkehren, wo er unter seinem Decknamen Armen Garo (Karo) an bewaffneten Aktionen zur Selbstverteidigung der Bevölkerung teilnahm. Am spektakulärsten war seine Teilnahme an der gescheiterten Besetzung der Banque Ottoman (Konstantinopel) am 14. August 1896, die die Aufmerksamkeit der europäischen „Mächte“ auf die jüngsten Massaker im Osmanischen Reich lenken sollte. Nach erneutem Auslandsstudium (1897-1900) und Aufenthalt im Südkaukasus, wo er die Selbstverteidigung der armenischen Bevölkerung in der georgischen Hauptstadt Tiflis während der russischen Revolution von 1905 organisiert hatte, kehrte er nach der jungtürkischen Revolution 1908 in das Osmanische Reich zurück und war 1908-1912 Parlamentsabgeordneter für Erzurum. Diese Karriere zeugt unter anderem von der politischen Annäherung der Jungtürken mit der Daschnakzutjun, die auf das Jahr 1902 und das für viele Armenier wie Türken gemeinsame Exil in Frankreich zurückgeht. Die Balkankriege 1912/13 und die Verhandlungen über die Durchführung der im Berliner Vertrag 1878 festgeschriebenen Verwaltungsreformen für Westarmenien bewirkten jedoch die Abkühlung des Verhältnisses zwischen Daschnakzutjun und Jungtürken. G. Pastrmadschjan war aktiv an den Reformverhandlungen 1913 beteiligt und fuhr als offizieller Vertreter der Daschnakzutjun nach Paris und Holland, um die beiden ausländischen Inspektoren zu treffen, die die Umsetzung der Verwaltungsreform überwachen sollten. Der Ausbruch des 2. Weltkrieges im Sommer 1914 setzte bekanntlich diesem Reformprojekt ein jähes Ende.

Zwei Tage nach dem Attentat in Sarajewo, das den Ersten Weltkrieg auslöste, traf Pastrmadschjan am 30. Juni 1914 ein letztes Mal mit dem damaligen Innenminister Talaat Pascha zusammen, mit dem ihn zeitweilig eine persönliche Freundschaft verbunden hatte. Talaat sagte bei dieser Gelegenheit: „Weißt du, Garo, es scheint mir, dass wir allmählich auseinanderdriften. Und der Tag mag kommen, wenn wir nicht mehr dieselbe Sprache sprechen werden.“ (Zitiert nach: Bobelian, Michael: Children of Armenia: A Forgotten Genocide and the Century-Long Struggle for Justice. New York u.a., 2009, S. 24).

Nach dem Parteitag der Daschnakzutjun in Erzurum (1914) kehrte Pastrmadschjan in den Südkaukasus zurück, um im Auftrag des Armenischen Nationalrat des Kaukasus Freiwilligeneinheiten aufzubauen; er selbst befehligte ab November 1914 das Zweite Freiwilligenbataillon.

Celal Bey lehnt sich in einigen Abschnitten seines Beitrages an den offiziellen, exkulpierenden Geschichtsnarrativ an, wonach die Armenier ihr Schicksal durch Illoyalität selbst heraufbeschworen hätten. Allerdings geht Celal nie so weit, dies als vollständige Rechtfertigung gelten zu lassen. Sachlich unrichtig ist, dass G. Pastrmadschjan zum Zeitpunkt der des Kriegsausbruchs noch Abgeordneter war. Ob das Scheitern des – bei den Jungtürken unbeliebten – Reformprojekts und der auch für das Osmanische Reich heraufziehende Weltkrieg Armenier im russischen Herrschaftsbereich zur Vorbereitung von Freiwilligeneinheiten berechtigten, ist Interpretationssache. Allerdings neigt die neuere Genozidforschung und Geschichtswissenschaft dazu, von Verfolgung und Vernichtung bedrohten Gruppen diesbezüglich ein größeres Selbstverteidigungsrecht zuzuerkennen, als es zur Zeit Celal Beys und in herrschenden türkischen Kreisen bis heute der Fall ist. Aufschlussreich an Celal Beys Darstellung ist auch, dass er die zeitweilig enge Beziehungsgeschichte zwischen Daschnakzutjun und Jungtürken bzw. zwischen deren Exponenten unterwähnt lässt. Die Auseinandersetzung mit solchen Verflechtungen fällt nationalistischen türkischen Wortführern bis heute schwer.