”Mutter vieler Kinder”:
URHOY – URHA – EDESSA – RAHA – RIHA – URFA – SANLIURFA

An der Kreuzung alter Landhandelsrouten und in einer fruchtbaren Ebene gelegen, blickt die biblische nordmesopotamische Stadt mit den vielen Namen auf eine wechselvolle Geschichte in vier Jahrtausenden zurück. Für aramäischsprachige Christen heißt sie bis heute Urhoy, woraus im Armenischen Urha wurde. Der griechische Feldherr Seleukos I. Nikator (der Siegreiche; 358-281 v. Chr.), der Nachfolger Alexander des Großen und Begründer der Seleukidendynastie, verlieh ihr den Namen der ersten makedonischen Hauptstadt, Edessa. Unter diesem Namen war sie im Mittelalter auch den Kreuzfahrern bekannt, als Edessa eine fränkische Grafschaft bildete. Zu Urfa wurde Urhoy/Edessa offiziell, als es 1637 dem Osmanischen Reich einverleibt wurde. 1983 verlieh ihm die türkische Militärjunta wie zum Hohn den Beinamen sanli („ruhmvoll“), um an die kemalistischen Befreiungskriege gegen die Französen 1920-22 zu erinnern. In dieser Zeit wurden die letzten Christen der uralten christlichen Stadt vertrieben. Die heutige Bevölkerung aus fast 400.000 Menschen setzt sich vor allem aus Kurden und Arabern zusammen, die die Stadt als Raha (arab.) oder Riha (kurdisch) nennen.

Juden, Christen und Muslime verehren die Urfa gleichermaßen, weil hier der jüdische Stammvater Abraham (Ibrahim) und der Prophet Hiob gelebt haben sollen. Nach muslimischem Glauben gilt Urfa sogar als Abrahams Geburtsort und als fünftwichtigste Stadt des Islam. Christen verehren Urfa als den ältesten christlichen Stadtstaat: Nach ihrer Überlieferung soll der aramäische Herrscher Abgar V. Ukkama („der Schwarze“; 9-46 n. Chr.) im Briefwechsel mit Jesus gestanden und ihn um Heilung gebeten haben. Zu diesem Zweck wurden die Apostel Thomas bzw. Thaddeus entsandt; nach syrisch-orthodoxer Tradition gilt Thomas sogar als Gründer der uralten, eng mit der Geschichte Urfas verbundenen Kirche. Ihrer Überlieferung zufolge wurden die Gebeine des Apostels aus Parthien oder Indien nach Edessa überführt und dort bestattet. Eng mit der Abgarlegende verbunden ist die mit dem Christusbild von Edessa verknüpfte Überlieferung vom Mandylion, das nach einer früheren Überlieferung vom Boten König Abgars gemalt, einer späteren Überlieferung zufolge aber nicht von Menschenhand gewirkt, sondern durch direkte Gesichtsübertragung auf ein Tuch zustande kam („Acheiropoieton“). Eine Kopie des wundertätigen Porträt-Tuches Jesu befindet sich heute im Vatikan, eine andere seit dem 14. Jh. in Genua.

In spätantiker und frühmittelalterlicher Zeit bildete Urhoy ein Zentrum syro-aramäischer Gelehrsamkeit und spirituellen Lebens. Zeitweise amtierten dort melkitische sowie ost- und westsyrische Bischöfe nebeneinander. Einer der berühmtesten war der Geschichtsschreiber Jakob von Edessa (*um 633, †708). Urfa ist auch Geburtsort des Melkiten Theodor Abu Qurra († ca. 830), einer der frühesten christlichen Denker in arabischer Sprache.

Ende des 11. Jh. rissen Kreuzfahrer den multiethnischen Stadtstaat Edessa an sich, verloren ihn jedoch unter dem sitten- und charakterschwachen Grafen Jocelyn de Courtenay d. J. an den muslimischen Herrscher Mossuls, Imad ul-din Zengi (gest. 1146). Dieser begann in Courtenays Abwesenheit am 30. November 1144 die Belagerung der führungslosen Stadt. Als sie sich am 23. Dezember desselben Jahres ergeben musste, gab sie Zengi drei Tage der Plünderung preis. Vor allem die fränkische bzw. katholische Bevölkerung fiel Massakern und der Versklavung zum Opfer.

Der Fall Edessas, wo Armenier seit der Spätantike einen erheblichen Bevölkerungsanteil stellten, regte einen der herausragendsten zeitgenössischen geistlichen Dichter Armeniens, den Katholikos Nerses IV. Schnorhali Pahlawuni, zu einer Elegie (vollendet 1145) an. In diesem langen, aus 1070 doppelzeiligen, gereimten Strophen bestehenden Klagelied schildert Nersês Edessas Fall als Tragödie für die gesamte Christenheit, verursacht durch „die Fülle seiner Sünden und den Verrat durch ungetreue Hände“. Er stützt sich auf Berichte von Teilnehmern der Kämpfe und der Belagerung, darunter seines Neffen Apirat. Das Urha der Armenier und Aramäer, „die Mutter vieler Kinder“, wird in Nerses Elegie zur trauernden Witwe und „Gebieterin“, die Hilfe suchend ihre Schwestern anfleht, die damaligen Metropolen der Christenheit: Jerusalem und Rom, Konstantinopel, Alexandria und Antiochia.

Seit 1144 unter muslimischer und seit 1637 unter osmanischer Herrschaft stehend, blieb Urfa, nun zur Provinz Aleppo gehörend, dennoch bis in das 20. Jahrhundert eine Stadt mit hohem christlichen Bevölkerungsanteil. Obwohl die Massaker von 1895/96 hauptsächlich gegen die Angehörigen der ermeni millet, der armenisch-apostolischen Gemeinschaft im Osmanischen Reich gerichtet waren, fielen ihnen auch Christen anderer Denominationen zum Opfer. In Urfa, wo Armenier ein Drittel der damals 60.000 Einwohner ausmachten, schlachteten kurdische Irreguläre der so genannten Hamidiye-Kavallerie 13.000 aramäischsprachige Christen in der Stadt und ihrer Umgebung ab. Die Lebendverbrennung von 3.000 Armeniern am 29. Dezember 1895, die sich vor Massakern in ihre Kathedrale geflüchtet hatten, bezeichnete die amerikanische Augenzeugin und Missionarin Corinna Shattuck mit dem aus der Bibel entlehnten Begriff Holocaust („Ganzbrandopfer“). Andere Zeitgenossen wie der französisch-jüdische Journalist Bernard Lazare umschrieben mit Holocaust den gesamten Massenmord des Jahres 1895 an osmanischen Christen. In dieselbe Kathedrale sperrten 1915 die Ortsbehörden armenische Deportierte, die als Zwangsprostituierte Militär- und Gendarmerieangehörigen zur Verfügung standen.

Die Massaker der Jahre 1895/96 lösten in Europa spontane Hilfsversuche aus. Der evangelische Theologe und Missionar Dr. Johannes Lepsius (1858-1926) gründete ein Spital, ein Waisenhaus sowie eine „Masbane“ genannte Teppichfabrik für die verarmten Überlebenden; das Waisenhaus wurde von dem Deutschen Franz Eckart geleitet, die Teppichknüpferei von seinem älteren Bruder Bruno. Alle karitativen Einrichtungen standen ab 1903 unter der Oberleitung der dänischen Missionarin Karen Jeppe (1876-1935), die sich während des Ersten Weltkrieges einen Namen als Retterin zahlreicher armenischer Flüchtlingskinder vor dem Völkermord machte. 1917 verließ Karen Jeppe, an Flecktyphus erkrankt, die osmanische Türkei und setzte ihre Arbeit 1921 als offizielle Beauftragte des Völkerbundes im benachbarten Syrien fort; sie wurde auf dem armenischen Friedhof von Aleppo beigesetzt.

Urfa, um 1895: Armenische Waisenmädchen des Heimes der Deutschen Orientmission

Angesichts der durchziehenden, völlig verelendeten und eingeschüchterten Deportierten aus den östlichen Landesteilen und auch unter dem Eindruck eines Massakers im August 1915 erkannten die Armenier Urfas, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch sie der allgemeinen Vernichtung anheim fallen würden. Sie verschanzten sich daher in ihrem Viertel und widersetzten sich ihrer Deportation – nach Lesart der osmanischen Behörden ein Akt des Hochverrats. Major Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg, der schon im März 1915 Militär gegen die Armenier der Stadt Sejtun hatte aufmarschieren lassen, leitete im Herbst 1915 erst die Belagerung des Mosesberges (Musa Dag), auf dem sich die armenische Bevölkerung mehrerer Dörfer verschanzt hatte, danach, im Oktober 1915, des Armenierviertels von Urfa. Die stark antiarmenisch geprägten Briefe des adeligen Belagerers aus altfränkischem Adel hat als erster der österreichische Neuhistoriker Wolfdieter Bihl 1985 auszugsweise zitiert (1) und 2001 erstmals von dem deutschen Historiker Hilmar Kaiser ediert (2). In Urfa tobe ein Kampf von Haus zu Haus, schrieb Wolffskeel am 12. Oktober 1915 an seine Frau. Es werde noch 14 Tage dauern, „bis wir die Bande klein gekriegt haben“. Doch schon vier Tage danach war seine Arbeit abgeschlossen. Jetzt komme mit der Deportation und den Kriegsgerichten der „unerfreuliche Teil“, der aber zu den „innertürkischen Angelegenheiten“ gehöre. Wolffskeel sah keinen humanitären Handlungsbedarf zugunsten der armenischen Bevölkerung Urfas, obwohl er durch die Mitarbeiter der Deutschen Orient-Mission genau über die Schändlichkeiten der türkischen Behörden und die an den Armeniern begangenen Verbrechen informiert war.

Dank der Präsenz von langjährigen Mitarbeitern der von Lepsius ins Leben gerufenen „Deutschen Orient-Mission“ sind die dortigen Ereignisse im Völkermordjahr 1915 gut dokumentiert: Der Leiter des Spitals, der Deutschschweizer Jakob Künzler (1871-1949), veröffentlichte neben zahllosen Artikeln zwei Erinnerungsbücher (1921, 1930) über seine dreißigjährige Dienstzeit in Urfa (3). Bruno Eckart, der Leiter der Teppichfabrik, veröffentlichte 1922 „Meine Erlebnisse in Urfa“. Darin schildert er den Ablauf der Belagerung des Armenierviertels, bei der sich Deutsche auf beiden Seiten der Barrikade befanden: Graf Wolffskeel („Graf W.“) auf der Seite der türkischen Angreifer, die Missionsangehörigen aber auf der Seite der Belagerten und Bedrängten. Das Krankenhaus des Armenierhilfswerks in Urfa blieb bis zum Ende des 1. Weltkrieges unter der Leitung der Deutschen Orient-Mission und wurde anschließend als „Schweizer Spital“ bis zu seiner Auflösung 1922 als schweizerische Einrichtung fortgeführt, namentlich von philantropischen Kreisen in Basel.

Jakob Künzler und seine Ehefrau Elisabeth

In der Schweizerischen Landesbibliothek überdauerte als Maschinenschrift ein Tagebuch von Gertrud Vischer-Oeri (4), der Frau des Basler Missionsarztes Dr. Andreas Vischer, der so wie Künzler im Dienst der Deutschen Orient-Mission stand und diesen im Sommer 1919 während Künzlers einjährigem Schweizaufenthalt in Urfa ablöste und 1921 über seine Erfahrungen berichtete (5). Die Aufzeichnungen seiner Frau decken den Zeitraum zwischen dem 11. August 1919 und dem 23. Juni 1920 ab: den Wechsel der britischen durch die französische Besatzung, die fast zweimonatige Belagerung der Franzosen in Urfa, ihre Kapitulation und weitestgehende Massakrierung. Mit der Ausweisung der letzten Christen aus Urfa endet G. Vischer-Oeris Bericht. Es ist jener Abschnitt in der Stadtgeschichte, auf den sich der nationalistische Ehrenname Sanliurfa 1983 bezieht. Der Schweizer Historiker Hans-Lukas Kieser schrieb über die Aufzeichnungen des Ehepaares Vischer: „Sie zeigen, was in solchen Fällen niemanden überrascht, Realitäten, die dem nationalen Heldenmythos nicht schmeicheln. Das Hauptergebnis des identitätsstiftenden ‚Befreiungskrieges’ war die endgültige Ausschließung der nichtmuslimischen Gruppen aus Urfa und fast ganz Anatolien sowie die Durchsetzung eines bis heute konfliktträchtigen, monoethnisch begründeten Nationalismus.“ (6)

Lesen Sie weiter:

(1) Bihl, Wolfdieter: Die Armenische Frage im Ersten Weltkrieg. In: 1915-1985: Gedanken über einen Völkermord. (Hrsg. von Artem Ohandjanian). Wien 1985, S. 14f.
(2) Eberhard Wolffskeel von Reichenberg, Zeitoun, Mousa Dagh, Ourfa: Letters on the Armenian Genocide. Princeton, London: Gomidas Institute, 2001; 2nd ed. 2005
(3) Im Lande des Blutes und der Tränen. Erlebnisse in Mesopotamien während des Weltkrieges. Potsdam, 1921 [Neuaufl. hrsg. von Hans-Lukas Kieser. Zürich: Chronos, 1999. 199 S.]; ders.: Dreißig Jahre Dienst im Orient. Basel, 1930
(4) Vischer-Oeri, Gertrud: Erinnerungen an Urfa. Hektographiert. Riehen 1967
(5) Vischer, Andreas: Erlebnisse eines Schweizerarztes bei den türkischen Nationalisten. Basel: „Basler Nachrichten“, 1921
(6) Kieser, Hans-Lukas: Zur Neuauflage des Buches „Im Lande des Blutes und der Tränen“. In: Künzler, Jacob, a.a.O., S. 21